Als Elefanten durch Galiläa zogen: Was ein 700.000 Jahre alter Zahn über Israel verrät

Heute ist das Hula-Tal im Norden Israels vor allem für seine Zugvögel bekannt. Doch vor rund 700.000 Jahren lebten hier riesige Elefanten, deren Stoßzähne mehrere Meter lang werden konnten. Ein außergewöhnlich gut erhaltener Zahn ermöglicht Forschern jetzt einen überraschend genauen Blick in diese längst verschwundene Welt und zeigt, unter welchen Bedingungen auch frühe Menschen in der Region lebten.

Wer heute durch das Hula-Tal fährt, sieht Felder, Wasserläufe und Feuchtgebiete. Im Herbst ziehen hier Hunderttausende Vögel auf ihrem Weg nach Afrika vorbei. Vor Hunderttausenden Jahren sah die Landschaft jedoch anders aus. Zwischen Wäldern, Grasflächen und ausgedehnten Feuchtgebieten lebten riesige Elefanten, dazu Flusspferde, Hirsche und andere große Säugetiere. Gleichzeitig waren bereits frühe Menschen in der Region unterwegs. Sie stellten Werkzeuge aus Stein her und nutzten die natürlichen Ressourcen entlang des Jordans. Wie diese beiden Welten zusammengehörten, lässt sich dank einer neuen wissenschaftlichen Untersuchung jetzt besser verstehen.

Ein einzelner Zahn wird zum Forschungsobjekt

Im Mittelpunkt steht ein außergewöhnlich gut erhaltener Backenzahn eines Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus), eines der größten Landsäugetiere des Eiszeitalters. Die Überreste wurden bei Gesher Benot Ya’akov im nördlichen Jordantal entdeckt, südlich des heutigen Hula-Tals. Neben dem Zahn fanden die Archäologen Teile von Stoßzähnen sowie Faustkeile, Spaltkeile und andere Steinwerkzeuge aus Basalt. Die Fundstätte gehört zu den bedeutendsten prähistorischen Ausgrabungsorten Israels. International bekannt wurde sie vor allem, weil dort einige der ältesten Hinweise auf den kontrollierten Gebrauch von Feuer durch Menschen gefunden wurden.

Das Forschungsteam um die Doktorandin Hannah Farrell von der Universität Haifa und Professor Gonen Sharon von der Tel-Hai-Universität, der die Ausgrabungen leitet, wollte jedoch nicht nur herausfinden, zu welcher Art der Zahn gehörte. Die Forscher nutzten ihn als biologisches Archiv, um die Umwelt jener Zeit zu rekonstruieren. Beteiligt waren auch Cheryl Makarewicz und Nimrod Marom von der Universität Haifa sowie Minji Jin und Dafna Langgut von der Universität Tel Aviv. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift Quaternary Science Reviews.

Was der Zahn verrät

Mit Hilfe von Computertomografie und dreidimensionalen Rekonstruktionen bestimmten die Forscher den Zahn als dritten Backenzahn des Unterkiefers. Mikroskopisch kleine Abnutzungsspuren auf der Kaufläche zeigen, dass sich der Elefant gemischt ernährte, von Baumblättern ebenso wie von Gräsern. Die Analyse von Kohlenstoff- und Sauerstoffisotopen im Zahnschmelz deutet auf eine dauerhaft wasserreiche Umgebung hin. Das Tier dürfte vor allem in Wäldern und entlang von Flüssen im Jordantal gefressen haben.

Ergänzt wurden diese Daten durch Pollen aus den Sedimentschichten direkt unter dem Zahn. Sie stammen von Bäumen des

Mittelmeerraums, von offenen Graslandschaften und von Pflanzen an Ufern und im Wasser, etwa Schilf, Seggen, Weiden und Tamarisken. Zusammen ergibt sich das Bild einer vielfältigen und über lange Zeit stabilen Landschaft aus Wäldern, Grasflächen, Sümpfen, Flüssen und flachen Gewässern.

Ein Rastplatz auf dem Weg zwischen den Kontinenten

Genau das macht den Fund so bedeutsam. Das Hula-Tal lag im sogenannten Levantinischen Korridor, der Landbrücke zwischen Afrika und Eurasien, über die frühe Menschen aus Afrika nach Norden wanderten. Inmitten wechselnder Klimabedingungen scheint die Region ein verlässlicher Zufluchtsort gewesen zu sein, mit beständigem Zugang zu Wasser und Nahrung für Tiere und Menschen gleichermaßen.

„Die Verfügbarkeit von Wasser, Pflanzen und tierischen Ressourcen bestimmte, wo Menschen und Wildtiere überleben konnten“, sagt Gonen Sharon. Wer verstehe, wie Menschen und Tiere auf Umweltveränderungen reagierten, könne besser nachvollziehen, welche Kräfte die Entwicklung unserer Art geprägt haben. Ob die frühen Menschen den Elefanten selbst gejagt oder verwertet haben, geht aus der Studie nicht hervor. Dass seine Überreste unmittelbar neben ihren Werkzeugen lagen, zeigt aber, wie eng ihre Lebensräume miteinander verbunden waren.

So erzählt ein einzelner Zahn aus Obergaliläa eine Geschichte, die weit über Israel hinausreicht. Das Land, das heute Millionen Zugvögel als Rastplatz nutzen, war schon vor 700.000 Jahren eine Station auf einer der wichtigsten Wanderrouten der Menschheitsgeschichte.

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