Warum der Iran in Israel plötzlich weniger elektrisiert

Israel ist gelassener. Leute am Strand von Tel Aviv
Tel Aviv, Strand, Gelassenheit

Foto: joseh51 / 123rf.com

Noch vor wenigen Wochen bestimmte der Iran beinahe täglich die israelischen Schlagzeilen. Neue Drohungen aus Teheran, amerikanische Militärbewegungen, Raketenprogramme und die Frage nach der nächsten Eskalationsrunde sorgten für große Aufmerksamkeit.

Inzwischen ist es erstaunlich ruhig geworden. Der Iran ist nicht verschwunden, aber die Erwartung der großen nächsten Runde ist in den israelischen Nachrichten deutlich nach hinten gerückt. Das ist bemerkenswert, denn eigentlich gäbe es genug Stoff: Washington hat eine neue wirtschaftliche Offensive gestartet, Teheran droht weiter, die Straße von Hormus bleibt faktisch blockiert und die iranische Führung spricht weiterhin martialisch.

Trotzdem entsteht in Israel derzeit nicht der Eindruck, dass die nächste große Konfrontation unmittelbar bevorsteht.

Der angekündigte „D-Day“ verpufft

Ein Grund dürfte sein, dass die groß angekündigte amerikanische Wirtschaftsoffensive zunächst deutlich weniger spektakulär ausgefallen ist als erwartet.

US-Finanzminister Scott Bessent hatte tagelang einen „Economic D-Day“ angekündigt und in der Financial Times von der größten Finanzoffensive geschrieben, die je gegen einen Gegner aufgeboten wurde. Erwartet wurden massive Sekundärsanktionen gegen Staaten, Banken und Unternehmen, die weiterhin Geschäfte mit dem Iran machen.

Tatsächlich präsentierte Washington am Montag eine Kampagne mit dem Namen „Operation Economic Outcast“: Sanktionen gegen mehr als 60 Firmen, Personen und Schiffe, dazu neue Maßnahmen in den Bereichen Öl, Schifffahrt, Gold, Luftfahrt, Digitalwährungen und Technologie.

Den wirklich großen Schritt ging die US-Regierung jedoch nicht. Harte Sekundärsanktionen, insbesondere gegen chinesische Akteure, wurden vorerst nicht verhängt. Bessent selbst nannte die Ankündigung einen Warnschuss und verwies darauf, dass Trump zunächst persönlich mit ausländischen Staatschefs telefoniere.

Entsprechend selbstbewusst reagiert Teheran. Irans Wirtschaftsminister Ali Madanizadeh sprach im Staatsfernsehen von einer bevorstehenden weiteren Niederlage der Vereinigten Staaten und erklärte, die Regierung habe einen Zweijahresplan vorbereitet, um dem Druck zu begegnen.

Der dramatische Begriff „D-Day“ wirkt damit vorerst größer als das, was tatsächlich passiert ist.

Vielleicht hatte man in Israel schlicht mehr erwartet

Das könnte auch erklären, warum das Thema in Israel momentan vergleichsweise wenig elektrisiert.

Über Wochen entstand der Eindruck, dass sich etwas Größeres zusammenbraut: neue amerikanische Militärbewegungen, iranische Drohungen, wirtschaftlicher Druck und Spekulationen über eine weitere Kriegsrunde.

Nun zeichnet sich zumindest vorläufig ein anderes Bild ab.

Donald Trump scheint darauf zu setzen, den wirtschaftlichen Druck wirken zu lassen. Der Rial fiel auf dem freien Markt auf ein Rekordtief von über zwei Millionen zum Dollar, der offizielle Kurs der Zentralbank liegt bei rund 1,5 Millionen. Trump erklärte auf Truth Social, der Iran kollabiere vollständig. Berichten zufolge verfolgt Washington eher eine Strategie des Abwartens: Der Iran soll wirtschaftlich weiter geschwächt werden, während Wege für neue Verhandlungen offenbleiben.

Parallel bemüht sich Pakistan um Vermittlung. Armeechef Asim Munir, der bereits das im Juni unterzeichnete Memorandum mitvermittelt hatte, reiste am Montag nach Teheran und traf dort Präsident Masoud Pezeshkian, Parlamentspräsident und Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf sowie Sicherheitsratschef Mohsen Rezaei.

Das ist weit entfernt von Entspannung. Aber es ist ebenso weit entfernt von der Dynamik, die einer unmittelbar bevorstehenden neuen Kriegsrunde vorausgehen würde.

Teheran selbst sendet widersprüchliche Signale

Auch aus dem Iran kommen derzeit zwei völlig unterschiedliche Botschaften.

Auf der einen Seite stehen weiterhin massive Drohungen. Der Chef des Obersten Nationalen Sicherheitsrats kündigte eine Reaktion von seismischem Ausmaß an und erklärte, jedes Land, das sich den amerikanischen Sanktionen anschließe, begehe damit einen Kriegsakt. Es ist dasselbe Gremium, dessen Spitze am Montag den pakistanischen Vermittler empfing.

Auf der anderen Seite sagt Präsident Pezeshkian inzwischen bemerkenswert offen, der Iran müsse aus dem Zustand „weder Krieg noch Frieden“ herauskommen. Das im Juni unterzeichnete und inzwischen gescheiterte Memorandum bezeichnete er als besten Weg nach vorn und betonte, keine einzige Bestimmung darin komme einer Kapitulation gleich.

Diese Widersprüchlichkeit gehört zur iranischen Strategie. Nach außen Stärke demonstrieren, gleichzeitig aber nach einem Ausweg suchen.

Das Schweigen ist selbst eine Nachricht

Einzelne Meldungen durchbrechen die Ruhe durchaus. Netanyahu erklärte am Montag, der Iran habe einen Anschlag auf einen seiner Söhne versucht, und lobte die neuen Sanktionen. Doch das sind Schlaglichter, keine Eskalationserwartung.

Natürlich bedeutet die veränderte Aufmerksamkeit in israelischen Medien nicht, dass die iranische Gefahr verschwunden wäre. Dafür sind Atomprogramm, Raketenarsenal, regionale Verbündete und die wirtschaftliche Auseinandersetzung viel zu bedeutend.

Der Iran ist in Israel auch weiterhin präsent, nur anders. Es geht inzwischen mehr um die Folgen im Inneren als um die Frage, was als Nächstes passiert. In einer aktuellen Umfrage gaben fast 90 Prozent der Eltern an, die Schulbildung ihrer Kinder habe unter dem Krieg gelitten.

Denn Schlagzeilen verraten auch etwas über Erwartungen.

Momentan scheint man in Israel weniger auf den großen Knall zu warten. Vielleicht auch deshalb, weil sich hinter der gewaltigen Rhetorik der vergangenen Tage bislang weniger verbirgt als zunächst erwartet.

Washington erhöht den Druck. Teheran droht. Vermittler suchen nach einem Ausweg. Aber der angekündigte große amerikanische „D-Day“ ist zunächst eher zu einem weiteren Kapitel im langen wirtschaftlichen Abnutzungskampf mit dem Iran geworden.

Und möglicherweise ist genau das der Grund, warum der Iran in Israel gerade so erstaunlich wenig elektrisiert.

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