Vom Fischerdorf zur römischen Stadt: Was zehn Grabungssaisons am See Genezareth ans Licht brachten
Archäologen, die an der Ausgrabungsstätte el-Araj am See Genezareth arbeiten, berichten von neuen Funden, die ihre These weiter untermauern: dass es sich bei dem Ort um das aus der Bibel bekannte Betsaida handelt. Das Team schloss kürzlich seine zehnte Grabungssaison an der Fundstätte im Norden Israels ab.
Geleitet wird das Projekt seit 2016 von Prof. Steven Notley und Prof. Mordechai Aviam vom Kinneret Institut für Galiläa-Archäologie am Kinneret College. In dieser Saison entdeckten die Ausgräber unter anderem Öllampen, kosmetische Gegenstände, Münzen sowie weitere Alltagsobjekte. Wissenschaftlicher Leiter Notley erklärte, die Identifizierung des Ortes stütze sich auf die Summe der Belege aus den einzelnen Grabungsfeldern und werde von Saison zu Saison eindeutiger.
Reiche Funde aus römischer Zeit
Die diesjährige Kampagne erweiterte vor allem das Bild der Besiedlung während der römischen Periode, vom ersten bis zum dritten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung, brachte daneben aber auch Material aus anderen Epochen zutage. Dazu zählen römische Mauerreste, ein Mahlstein aus Basalt, Münzen sowie die Hälfte eines dorischen Kapitells, das einst ein öffentliches Gebäude geschmückt haben könnte. Zudem fanden die Archäologen Hinweise auf eine noch ältere, hellenistische Besiedlung des Platzes.
Die Forscher konnten zudem rekonstruieren, wie der spätere, aus der osmanischen Zeit stammende syrische Besitzer des Grundstücks Beit Habek dort Ställe errichtete, direkt über den römischen Überresten und ohne eigenes Fundament, ein anschauliches Beispiel dafür, wie Schicht für Schicht Geschichte auf dieser Fundstätte übereinanderliegt.
Als besonders aussagekräftig gelten Kalksteingefäße sowie unbeschädigte Öllampen aus der Zeit des Herodes, die vor dem Jahr 70 ausschließlich in Jerusalem hergestellt wurden. Sie gelten als Beleg für eine jüdische Bevölkerung im ersten Jahrhundert, in jener Zeit, als aus dem Fischerdorf Betsaida die römische Polis Julias wurde. Insgesamt spreche das Fundmaterial eher für eine wohlhabende Gemeinde als für ein armes Dorf, so die Forscher.
Die Heimat dreier Apostel
Betsaida gilt im Neuen Testament als Heimatort der Apostel Petrus, Andreas und Philippus und als Schauplatz mehrerer Wunder, darunter die Heilung eines Blinden und die Speisung der Menge. Herodes Philippus soll den Ort um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung zur römischen Stadt erhoben und nach Julia, der Witwe des Kaisers Augustus und Mutter des Kaisers Tiberius, benannt haben, so der jüdische Historiker Flavius Josephus.
El-Araj liegt an der Nordostküste des Sees Genezareth, nahe der Mündung des Jordan, im Naturschutzgebiet Beteiha. In früheren Grabungssaisons hatte das Team bereits die Überreste einer byzantinischen Kirche aus dem fünften Jahrhundert freigelegt, die der Überlieferung zufolge über dem Haus von Petrus und Andreas errichtet worden sein soll, sowie ein Mosaik mit einer griechischen Inschrift, die Petrus als „Anführer der himmlischen Apostel“ bezeichnet.
Ob el-Araj tatsächlich das biblische Betsaida ist, wird unter Archäologen seit Jahren diskutiert, auch andere Fundorte am See wurden als mögliche Kandidaten gehandelt. Mit jeder neuen Grabungssaison verdichten sich jedoch die Hinweise, dass die Forscher am richtigen Ort graben.
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