Warten auf den Tag nach der Wahl: Iran rechnet mit neuem Angriff
In Teheran wächst vor den Zwischenwahlen in den USA am kommenden Dienstag die Anspannung. Nach einem Bericht des israelischen Senders N12 sieht die iranische Führung die Zeit nach den Wahlen in Israel und den Vereinigten Staaten als Gelegenheit für einen gemeinsamen israelisch-amerikanischen Angriff. Erwartet wird demnach, dass sich ein solcher Schlag vor allem gegen die Infrastruktur richten würde, um die wirtschaftliche Lähmung des Landes zu verschärfen und auf längere Sicht den Sturz des Regimes herbeizuführen.
„Nicht ob, sondern wann“
Die Stimmung im Land beschrieb ein iranischer Nutzer namens Ali auf der Plattform X: „Neunzig Millionen Menschen blicken in den Himmel und warten darauf, wann der Krieg ausbricht.“ Nach Einschätzung von N12-Korrespondent Ohad Hemo ist die Frage im Iran nicht mehr, ob ein weiterer Angriff kommt, sondern wann. Selbst von Gadi Eisenkot, dem Chef der Partei Yashar und Herausforderer von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, erwarten viele Iraner keinen Kurswechsel. Sie gehen davon aus, dass auch er einen Angriff unterstützen würde.
Zugleich hielten die Revolutionsgarden am Donnerstag einen Raketentest in der Gegend von Maschhad im Nordosten des Landes ab. Unabhängig bestätigt ist das nicht. Andere Berichte nannten die Provinz Isfahan als Ort eines Tests, ob es sich um dasselbe Ereignis handelt, ist offen.
Keine Bewegung in Teheran
An ihren Positionen ändert die iranische Führung trotz der Drohkulisse nichts. Seit Monaten lautet ihre Formel: Öffnung der Straße von Hormus gegen Aufhebung der amerikanischen Seeblockade. Zugeständnisse beim Atomprogramm lehnt Teheran ab und will darüber erst sprechen, wenn der Krieg beendet und die Blockade aufgehoben ist. Die Lage in der Meerenge bleibe so, bis die iranischen Forderungen erfüllt seien, hatte Mohammad Reza Naqdi, Berater des Kommandeurs der Revolutionsgarden, bereits Anfang Oktober erklärt.
Auch ein neuer Anlauf der Vermittler brachte bisher keinen Durchbruch. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters übergaben katarische Unterhändler am Sonntag einen neuen Entwurf für ein Kriegsende. Ein hoher iranischer Vertreter bestritt jedoch, dass es sich um einen neuen Vorschlag handle. Katar habe lediglich „inakzeptable“ Ideen überbracht, beim Atomthema werde es keine Flexibilität geben. Außenminister Abbas Araghchi betonte dagegen, Teheran gebe der Diplomatie „weiterhin eine Chance“.
Signale aus Washington
US-Präsident Donald Trump hält sich bedeckt. Am 8. Oktober hatte er zugesagt, vor den Zwischenwahlen am 3. November nicht anzugreifen, die Blockade aber bestehen zu lassen. Auf die Frage, ob es danach losgehe, antwortete er am Dienstag nach Angaben von Fox News: „Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber alles ist möglich.“ Teheran warte auf die Wahl, das werde ihm aber „nicht helfen“. Laut dem Sender hat Trump seit Juli sechsmal größere Angriffe abgesagt. Als mögliche Ziele nennt Fox News unter anderem die unterirdische Atomanlage im Pickaxe Mountain bei Natans und die Ölinsel Kharg. Bereits am 13. Oktober hatte N12 berichtet, Netanyahu habe mit Trump über eine Wiederaufnahme der Angriffe gesprochen. Das Büro des Ministerpräsidenten bestritt, dass er auf einen Schlag noch vor der israelischen Wahl gedrängt habe.
Wie bereits berichtet, hat Washington mehrere Golfstaaten auf eine kurze, heftige Militäraktion nach den Zwischenwahlen vorbereitet. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP sollen sich die Verbündeten zudem gegen iranische Vergeltung an Energieanlagen und anderer wichtiger Infrastruktur wappnen. Eine neue Runde könnte mehrere Tage dauern, entschieden sei aber noch nichts. Seit Anfang September haben die USA den Iran nicht mehr angegriffen, verstärken aber ihre Präsenz. Ende September schickte das Pentagon den Flugzeugträger USS Theodore Roosevelt sowie Landungsschiffe mit zusammen rund 9.000 Soldaten an den Persischen Golf.
Analyse: Ein gefährliches Warten
Für Trump ist der Krieg im Wahlkampf eine Belastung. Die Benzinpreise sind hoch, die Kosten für die amerikanischen Steuerzahler schätzt das Pentagon auf 47,1 Milliarden Dollar. Nach dem 3. November fällt die Rücksicht auf die Wähler weg. Für Teheran kann dagegen das Warten selbst zum Risiko werden. Jonathan Schanzer von der Foundation for Defense of Democracies hält es deshalb für denkbar, dass der Iran zuerst handelt, wenn er einen amerikanischen Schlag für unmittelbar bevorstehend hält.
Für Israel fällt die Ungewissheit in eine heikle Phase, denn Netanyahu führt nach der Wahl eine Übergangsregierung. Dass Teheran auch von einem möglichen Nachfolger keine Entspannung erwartet, zeigt immerhin, wie geschlossen Israel von außen in der Iranfrage wahrgenommen wird. Ob die kommenden Tage eine Eskalation bringen, ist offen. Sicher ist nur, dass in Teheran, Washington und Jerusalem alle auf den Tag nach dem 3. November schauen.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
Wenn du das schätzt, kannst du unsere Arbeit direkt unterstützen.
Einfach und sicher per via PayPal
