Die nächste Runde rückt näher: Warum ein neuer Krieg mit dem Iran wahrscheinlicher wird
Seit Monaten schweigen die großen Waffen zwischen Israel, den USA und dem Iran weitgehend. Doch die Zeichen mehren sich, dass diese Pause nicht von Dauer ist. Das US-Militär hat seine Pläne fertig, in Israel bereiten sich die israelische Armee (IDF) und das Heimatfrontkommando auf eine dritte Runde vor, und in Teheran wird aufgerüstet. Offen ist vor allem eine Frage: Wann?
Eine Waffenruhe ohne Frieden
Der Krieg begann am 28. Februar mit gemeinsamen Angriffen der USA und Israels auf den Iran, in Israel als Operation „Brüllender Löwe“ bekannt. Nach rund 40 Tagen trat am 8. April eine Waffenruhe in Kraft. Seither kam es wiederholt zu begrenzten Schlagabtauschen, ein Abkommen gibt es bis heute nicht. Die USA halten ihre Seeblockade iranischer Häfen aufrecht, der Iran greift in der Straße von Hormus Handelsschiffe an, zuletzt so häufig wie nie seit Kriegsbeginn. Die Verhandlungen über Katar stecken fest. Ein US-Vertreter beschrieb sie gegenüber Axios als „nicht wirklich tot, aber auch nicht wirklich lebendig“.
Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen. Das Pentagon hat das für den Nahen Osten zuständige Zentralkommando der US-Streitkräfte (CENTCOM) angewiesen, sich für neue großangelegte Kampfhandlungen bereitzuhalten. Nach Berichten der „New York Times“ liegt ein Plan für einen etwa dreitägigen Feldzug gegen Raketen- und Drohnenarsenal, Energieanlagen und Kommandostellen der Islamischen Revolutionsgarden vor. Präsident Donald Trump sagte am Dienstag, man werde „sehr bald“ über den Iran entscheiden. Nach einem Bericht des israelischen Senders N12 soll Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bei Trump mehrfach auf eine Wiederaufnahme der Angriffe gedrängt haben, das Büro des Ministerpräsidenten bestreitet das.
Wann es so weit sein könnte
Ein festes Datum gibt es nicht, aber einen Zeitrahmen, auf den sich die meisten Einschätzungen beziehen. Trump hat öffentlich zugesagt, den Iran vor den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November nicht anzugreifen. Ein Krieg mitten im Wahlkampf würde ihm schaden, die Benzinpreise sind ohnehin hoch, und nach einer Umfrage des Pew Research Center lehnen rund 65 Prozent der Amerikaner seinen Iran-Kurs ab. Vor der Knesset-Wahl am 27. Oktober halten auch israelische Sicherheitsvertreter einen Angriff für wenig wahrscheinlich. Nach ihrer Einschätzung rechtfertigt die Lage in den kommenden zwei bis drei Wochen keine Operation. Generalstabschef Eyal Zamir soll zudem nach Medienberichten gewarnt haben, ein Krieg vor der Wahl könnte deren Verschiebung erzwingen.
Danach sieht es anders aus. Ein israelischer Vertreter sagte bereits Anfang Oktober, nach den Zwischenwahlen steige die Wahrscheinlichkeit „deutlich“. Trump selbst nannte neue Angriffe nach den Wahlen in einem Interview mit dem Magazin „Time“ „möglich“. Als realistischstes Zeitfenster gelten deshalb die Wochen nach dem 3. November. Sicher ist auch das nicht. Nach dem Bericht von N12 ändert Trump seine Haltung alle paar Tage, und auch eine Einigung in letzter Minute ist nicht ausgeschlossen.
Ein zweites Szenario macht die Rechnung unsicherer: Der Iran könnte selbst zuerst zuschlagen. Israelische Vertreter warnen seit Wochen, die Führung in Teheran wolle nach zwei Überraschungsangriffen im Juni 2025 und im Februar 2026 einen dritten unbedingt verhindern. Die Zentrale Wahlkommission unter Noam Sohlberg, Richter am Obersten Gericht, prüft nach Angaben von Israel Hayom sogar ein Extremszenario, in dem der Iran am Morgen des Wahltags Raketen abfeuert, um Chaos zu stiften. Netanyahu warnte bereits Ende September, es gebe Anzeichen, dass Israels Feinde vor der Wahl angreifen wollten. Belege dafür wurden öffentlich nicht vorgelegt.
Warum die nächste Runde heikler werden könnte
Mehrere Entwicklungen sprechen dafür, dass ein neuer Krieg schwieriger würde als der letzte. Erstens nutzt der Iran die Pause. Nach Berichten des „Wall Street Journal“ und von N12 baut er Raketen- und Drohnenfabriken wieder auf, befestigt Atomanlagen wie Natans und bereitet Häfen, Flughäfen und Kraftwerke auf den Kriegsfall vor. Ein westlicher Vertreter sagte der Agentur Bloomberg zudem, Russland liefere dem Iran Raketen. Moskau äußerte sich dazu nicht. Die IDF schätzt den Wiederaufbau des Raketenprogramms allerdings als langsam und unvollständig ein.
Zweitens ist der Iran schneller geworden. Im Juni 2025 vergingen nach Angaben des Heimatfrontkommandos 18 Stunden zwischen dem ersten israelischen Schlag und der ersten iranischen Rakete auf Israel. Im Februar 2026 waren es nach dem Auftakt der Angriffe nur noch 2 Stunden und 50 Minuten. Für eine dritte Runde rechnet man mit noch weniger.
Drittens droht ein Mehrfrontenkrieg. Die Huthi im Jemen greifen Saudi-Arabien massiv an und versuchen nach einem Bericht des „Wall Street Journal“, mit chinesischen Bauteilen eigene Präzisionsraketen zu bauen. Die Hisbollah im Libanon hatte sich im März dem Krieg angeschlossen und bleibt ein möglicher weiterer Gegner im Norden. Iranische Vertreter drohen nach Angaben von N12 außerdem offen den Golfstaaten, darunter den Emiraten, sowie Ölanlagen, Rechenzentren und Internetkabeln in der Region.
Viertens sind die Abfangraketen knapp. Nach Angaben der „New York Times“ müssen die USA und ihre Partner pro iranischer Salve inzwischen mehr Abfangraketen einsetzen als zu Beginn des Krieges. Hinzu kommt der politische Kalender: Ein Krieg nach dem 27. Oktober könnte in eine Phase fallen, in der Koalitionsverhandlungen laufen und weiterhin nur eine Übergangsregierung im Amt ist.
Worauf sich Israel einstellt
Das Heimatfrontkommando (Pikud HaOref) unter Generalmajor Shai Klapper hat bereits im Frühjahr Lehren aus der letzten Runde gezogen, und sie sind ernüchternd. Die Planer gehen davon aus, dass eine dritte Runde mit einem Überraschungsschlag beginnt, ohne Vorwarnung für die Bevölkerung, die Kommunen oder die Krankenhäuser, damit der Iran nicht gewarnt wird. Innerhalb kurzer Zeit würde das ganze Land auf die höchste Warnstufe gesetzt. Schulen und der Flughafen Ben Gurion würden geschlossen, das öffentliche Leben weitgehend heruntergefahren, bevor klar ist, wie stark der iranische Gegenschlag ausfällt. Die Kommunen wurden angewiesen, sich darauf einzustellen, „von null auf hundert“ zu gehen.
Die Zahlen aus der letzten Runde zeigen, worauf es ankommt. Nach Angaben des Heimatfrontkommandos wurden in den 40 Tagen rund 550 iranische Raketen auf Israel abgefeuert, etwa 72 Prozent davon mit Streumunition. Mehr als 20 Menschen kamen durch iranische Raketen ums Leben. Sieben von ihnen wurden durch Streumunition getötet, alle außerhalb geschützter Räume. Gleichzeitig haben nur etwa 67 Prozent der Bevölkerung Zugang zu einem Schutzraum in der Nähe.
Für Israelis heißt das ganz praktisch, und so empfiehlt es das Heimatfrontkommando grundsätzlich: Jetzt ist die Zeit, den nächsten Schutzraum zu kennen, den Mamad, den Schutzraum in der Wohnung, oder den Schutzraum im Haus aufzuräumen und mit Wasser, Lebensmitteln, Medikamenten, Taschenlampe und Ladegeräten auszustatten, die App des Heimatfrontkommandos zu installieren und mit der Familie abzusprechen, wer bei einem Alarm wohin geht. Wer keinen eigenen Schutzraum hat, sollte bei der Kommune nachfragen, welcher öffentliche Schutzraum zuständig ist.
Zwischen Abwarten und Ernstfall
Ob es tatsächlich zu einer neuen Runde kommt, entscheidet sich vor allem in Washington, und dort ist die Entscheidung noch nicht gefallen. Vieles spricht dafür, dass die Wahlen in Israel und den USA ohne neuen Krieg verlaufen. Doch die Pläne liegen bereit, der Iran rüstet auf, und die Warnzeiten werden kürzer. In Israel stellt man sich deshalb auf beides ein: auf eine Pause, die noch eine Weile hält, und auf einen Ernstfall, der ohne Vorwarnung beginnen könnte.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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