Die Olivenernte wird zum Brennpunkt: Warum Israel ein Problem mit gewalttätigen Extremisten unter den Siedlern hat

Maskierte Israelis haben in Judäa und Samaria palästinensische Bauern während der Olivenernte angegriffen, Fahrzeuge und Bäume in Brand gesetzt und mehrere Menschen verletzt. Unter den Verletzten ist die amerikanische Fotojournalistin Heidi Levine, die für die „Washington Post“ arbeitet. Der Vorfall hat inzwischen auch Washington auf den Plan gerufen. Er lenkt den Blick auf ein Problem, das Israel seit Jahren begleitet: Gewalt jüdischer Extremisten gegen Palästinenser und eine Strafverfolgung, die selbst Israels Botschafter in den USA als unzureichend bezeichnet.

Eigentlich sollte es um Oliven gehen. Im Dorf Abu Falah nordöstlich von Ramallah waren am Freitag Bauern auf ihren Feldern, um die jährliche Ernte einzubringen. Dann kamen maskierte Israelis von einem Hügel herab, auf dem sich ein Siedlungsaußenposten befindet. Wie viele es waren, ist umstritten: Augenzeugen sprachen gegenüber Times of Israel und Ynet von rund 80, CBS News von etwa 20, Levine selbst von „mindestens 25, vielleicht 50“. Nach Zeugenberichten schleuderten die Angreifer Steine mit Schleudern, Dorfbewohner warfen Steine zurück. Videos zeigen brennende Fahrzeuge und mehrere Männer, die mit Stöcken auf Menschen einschlagen.

Eine davon war Heidi Levine, eine erfahrene amerikanische Fotojournalistin, die die Ernte dokumentierte. Sie trug Schutzweste und Helm und war als Pressevertreterin erkennbar. Trotzdem wurde sie zu Boden gestoßen, geschlagen und immer wieder getreten. „Sie haben mich getreten und getreten“, sagte sie später. Ihre Kameraausrüstung wurde ihr abgenommen. Palästinensische Kollegen brachten sie in eine Klinik und von dort in ein Krankenhaus in Ramallah. Nach Angaben von CBS News erlitt sie eine große Wunde am Bein und eine Verletzung an der Hand, ihr Zustand ist stabil. „Zum Glück hatte ich Schutzweste und Helm, sonst wäre ich wahrscheinlich nicht mehr hier“, sagte sie der Agentur Reuters.

Nicht nur ein einzelner Vorfall

Abu Falah blieb an diesem Tag nicht der einzige Schauplatz. Nach palästinensischen Angaben setzten Angreifer in Turmus Ayya einen Olivenbaum und mehrere Fahrzeuge in Brand, darunter eines des palästinensischen Zivilschutzes. Bei Birzeit wurde ein 70-jähriger Palästinenser verletzt, nahe Burqa behandelte der Rote Halbmond vier Verletzte. In Abu Falah selbst schoss die Armee nach eigenen Angaben auf einen Palästinenser, der mit einem spitzen Gegenstand auf Soldaten zugelaufen sein soll.

Die Olivenernte ist in Judäa und Samaria regelmäßig eine besonders angespannte Zeit. Für viele palästinensische Familien sind Oliven nicht nur Teil ihrer Kultur, sondern eine wichtige Einnahmequelle. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen hängen rund 100.000 Familien zumindest teilweise von der Olivenernte ab. Gleichzeitig liegen viele Haine dort, wo palästinensische Dörfer und israelische Siedlungen dicht beieinanderliegen. Streit um Land, Zugang zu den Feldern und Sicherheit verschärft sich deshalb gerade in den wenigen Wochen der Ernte. Die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din zählte in den vergangenen 18 Tagen 486 Gewaltvorfälle gegen Palästinenser in 181 Ortschaften, 234 davon im Zusammenhang mit der Olivenernte.

Washington fordert Konsequenzen

Dass diesmal eine amerikanische Journalistin angegriffen wurde, hat dem Fall zusätzliche internationale Aufmerksamkeit verschafft. Die US-Botschaft in Jerusalem verurteilte kriminelle Gewalt, von welcher Seite auch immer, und forderte Ermittlungen, Festnahmen und Verurteilungen. Der Chefredakteur der „Washington Post“, Matt Murray, verlangte eine umfassende Untersuchung, der Verband der Auslandspresse verurteilte den Angriff. Damit wird aus einem örtlichen Gewaltausbruch erneut ein außenpolitisches Problem für Israel.

Noch deutlicher äußerte sich Israels Botschafter in Washington, Yechiel Leiter. „Wer diese Gewalt verübt, muss vor Gericht gestellt werden“, sagte er dem Sender CNN. Bei der Strafverfolgung jüdischer Gewalttäter habe Israel noch keine ausreichende Note erreicht, man müsse besser werden, und er sei zuversichtlich, dass das gelinge. Er habe Ministerpräsident Benjamin Netanyahu in Regierungssitzungen „mit Nachdruck“ darüber sprechen hören, diese Gewalt zu beenden.

Unterschiedliche Darstellungen

Das Büro des Ministerpräsidenten reagierte zurückhaltender. Israel verurteile Gewalt gegen jeden unmissverständlich, die Umstände seien aber noch unklar und würden untersucht. Nach Darstellung des Büros standen rund 200 Araber und linksextreme Aktivisten etwa 40 israelischen Jugendlichen gegenüber. Es müsse geklärt werden, wer die Konfrontation begonnen habe. Der Regionalrat Binyamin sprach von einer von der Palästinensischen Autonomiebehörde geplanten Provokation, bei der Hunderte „Terroristen und Anarchisten“ Israelis angegriffen hätten. Unabhängig bestätigt sind diese Angaben nicht. Oppositionsführer Yair Lapid nannte die Angriffe dagegen „jüdischen Terror“.

Wer die Auseinandersetzung begann, müssen die Ermittlungen klären. Die Videoaufnahmen zeigen allerdings eindeutig, wie maskierte Männer auf die am Boden liegende Levine einschlagen. Die Polizei hat Ermittlungen zu den Vorfällen in Abu Falah und Turmus Ayya aufgenommen und Spurensicherer geschickt. Festnahmen wurden bislang nicht bekannt gegeben.

Ein Problem, das größer ist als eine Ernte

Entscheidend ist deshalb nicht nur, was am Freitag in Abu Falah geschah. Die größere Frage lautet, wie Israel mit einer kleinen, aber gewaltbereiten Gruppe jüdischer Extremisten umgeht. Siedler sind keine einheitliche Gruppe. Rund eine halbe Million Israelis leben in Judäa und Samaria, die überwiegende Mehrheit hat mit solchen Angriffen nichts zu tun. Netanyahu selbst spricht von einer kleinen Gruppe von einigen Hundert Jugendlichen.

Gerade deshalb ist die Unterscheidung wichtig. Wer pauschal von „den Siedlern“ spricht, verwischt den Unterschied zwischen Menschen, die dort leben, und jenen, die Palästinenser angreifen, Eigentum zerstören oder Menschen von ihren Feldern vertreiben wollen. Das Problem liegt vielmehr darin, dass eine vergleichsweise kleine Gruppe mit wiederholter Gewalt eine enorme politische Wirkung entfalten kann.

Die entscheidende Frage ist die Strafverfolgung

Israelische Sicherheitsbehörden gehen immer wieder gegen jüdische Extremisten vor. Es gibt Festnahmen, Verhöre und Ermittlungsverfahren. Menschenrechtsorganisationen und internationale Beobachter kritisieren jedoch seit Jahren, dass viele Verfahren ohne Anklage oder Verurteilung enden. Nun kommt diese Kritik sogar aus den eigenen diplomatischen Reihen. Wenn Israels Botschafter in Washington öffentlich einräumt, dass das Land bei der Verfolgung jüdischer Gewalttäter bislang nicht genug erreicht hat, ist das bemerkenswert.

Denn das Problem betrifft längst nicht mehr nur palästinensische Bauern. Es betrifft Israels Rechtsstaat, sein Verhältnis zu den USA und die Frage, ob Menschen in Judäa und Samaria darauf vertrauen können, dass Gewalt unabhängig von der Herkunft des Täters verfolgt wird. Die Olivenernte dauert nur einige Wochen. Die Frage, wie Israel mit seinen eigenen gewalttätigen Extremisten umgeht, wird weit darüber hinaus bleiben.

Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
Wenn du das schätzt, kannst du unsere Arbeit direkt unterstützen.
Einfach und sicher per via PayPal

Weitere Artikel