Ein Spitzenkandidat ohne Personenschutz: Wie hart Israels Wahlkampf wirklich geworden ist
Der Mann, der in den meisten Umfragen führt, hat keinen staatlichen Personenschutz. Und er bekommt auch keinen.
Schin-Bet-Chef David Zini entschied, Gadi Eisenkot, dem Vorsitzenden der Partei Yashar, keine Leibwächter zuzuteilen. Die Entscheidung ist endgültig und wurde seinem Stab mitgeteilt, der sie wiederholt beantragt hatte. Das berichteten am Samstag mehrere israelische Medien. Kritiker werfen Zini politische Beweggründe vor.
Der Dienst will Eisenkot einen Verbindungsmann stellen und nachrichtendienstliche Hinweise sammeln, falls Anhaltspunkte für einen besonders schweren Vorfall auftauchen. Bewaffneten Schutz erhält er nicht.
Sein Wahlkampfteam legte schriftlich Widerspruch ein, beim Schin Bet, bei der Polizei und bei der Generalstaatsanwältin. In dem Schreiben heißt es: „Die Stimmung auf der israelischen Straße und ebenso in den sozialen Netzwerken heizt sich zunehmend auf, und Drohungen entstehen und vermehren sich.“ Vor drei Wochen hatte Eisenkots Team eine private Sicherheitsfirma beauftragt.
Zur Einordnung gehört die Asymmetrie: Naftali Bennett erhält als früherer Ministerpräsident Schin-Bet-Schutz. Angehörige der Familie Netanyahus ebenfalls, nach geltender Regelung. Der Dienst erklärte dazu, er sei für den Schutz jener Personen zuständig, die das Gesetz benenne.
Wer gegen wen antritt
Das israelische Feld ist unübersichtlicher als deutsche oder schweizerische Verhältnisse.
Auf der einen Seite Ministerpräsident Benjamin Netanyahu mit dem Likud, gestützt auf religiöse und rechte Parteien. Auf der anderen Seite kein einheitliches Lager, sondern mehrere Kandidaten, die einander teils selbst Konkurrenz machen:
Gadi Eisenkot, früherer Generalstabschef, mit seiner neuen Partei Yashar. Er führt die Umfragen an, eine Erhebung von Zman Yisrael sah ihn zuletzt bei 25 Mandaten gegenüber 21 für den Likud.
Naftali Bennett, ebenfalls früherer Ministerpräsident, mit der Partei Bejachad, verbündet mit Oppositionsführer Yair Lapid. Dieses Bündnis hat in den vergangenen Monaten stetig verloren, während Eisenkot wuchs.
Dazu Avigdor Liberman, Yair Golan und mehrere kleinere Listen.
Der entscheidende Unterschied zu europäischen Wahlkämpfen: In Israel bestimmt nicht der Erstplatzierte den Regierungschef, sondern die Fähigkeit, 61 der 120 Mandate zusammenzubekommen. Deshalb konkurrieren diese Kandidaten und müssen sich hinterher trotzdem einigen.
Bennett formulierte das im Interview mit Channel 12 so: „Ich kandidiere für das Amt des Ministerpräsidenten, mit Abstand mit der meisten Erfahrung. Eine Minute nach der Wahl gehen wir in einen Raum, Gadi, Liberman und der ganze Block, und wir kommen mit einem einzigen Kandidaten heraus. Ich werde nichts tun, was den Regierungswechsel gefährdet, und wenn ich dafür die unbedeutendste Position der Welt einnehmen muss, dann sei es so.“
Der Vorwurf: eine „Giftmaschine“
Anlass des Interviews ist ein neues Buch des Journalisten Ari Shavit, „Bennett: Stunde der Wahrheit“, das auf dutzenden Gesprächen beruht. Was Bennett darin und im Interview schildert, ist der Kern dessen, was den israelischen Wahlkampf von europäischen unterscheidet.
Er spricht von einer „Giftmaschine“: den Likud-Kampagnen sowie einem Netzwerk regierungsnaher Medien und Konten in sozialen Netzwerken, angeführt vom Sender Channel 14.
Seine Sorge geht weiter als übliche Wahlkampfklagen. Die Kampagne gegen ihn, Eisenkot, Liberman und Golan könne so weit führen, dass Einzelne glaubten, diese Männer „seien Hitler, und dann einen Schritt machen“. Über Eisenkot sagte er ausdrücklich: Er selbst habe als früherer Ministerpräsident Schutz, Eisenkot habe keinen. „Das Ausmaß der täglichen Gehirnwäsche auf Channel 14 und in den Elementen dieser Maschine ist etwas sehr, sehr Mächtiges.“
Eine Szene aus dem Jahr 2021
Bennett schildert im Buch auch die Amtsübergabe, als er 2021 mit einer Koalition aus rechten, zentristischen, linken und arabischen Parteien Netanyahu ablöste. Sie dauerte 30 Minuten.
„Ich kam vorbereitet für eine ernsthafte Übergabe, ich hatte meinen ganzen Tag dafür freigeräumt.“ Netanyahu habe genuschelt, keine Informationen zu diplomatischen oder sicherheitspolitischen Fragen von sich aus gegeben und ihm kein Glück gewünscht. Zwei Bitten habe er vorgebracht: einige Monate länger in der Dienstwohnung bleiben zu dürfen, was Bennett ablehnte, und dass seine Frau Sara weiter Dienstwagen und Schutz behalte, was Bennett nach eigener Erinnerung zusagte.
Der schwerwiegendste Vorwurf betrifft ein Gespräch kurz vor der Vereidigung. Netanyahu habe ihn zu sich nach Hause eingeladen und gesagt: „Hör zu, wenn du eine Regierung bildest, setze ich die gesamte schwere Artillerie ein, um dich als Verräter zu markieren, und du wirst dein ganzes Leben ruinieren, du wirst diesen Fleck immer tragen.“
Bennett dazu: „Und er hatte recht, ich hatte es maßlos unterschätzt. Er öffnete mir die Tore der Hölle.“
Nicht nur Rhetorik
Wenn in Deutschland oder der Schweiz vor Verrohung im Wahlkampf gewarnt wird, klingt das oft nach Wortgefecht. In Israel liegen dieser Debatte konkrete Vorfälle zugrunde.
Unbekannte beschädigten das Büro von Channel 12 und hinterließen einen Zettel mit den Worten „Jemand wird sterben“. Es war nicht der erste Angriff auf redaktionelle Räume; bereits im Juli hatte es einen ähnlichen Vorfall gegeben. Journalisten, die die Regierung kritisieren, berichten von Demonstrationen vor ihren Wohnungen, von Plakatwänden mit ihren Gesichtern und von gefilmten Konfrontationen auf der Straße.
Eisenkot warf der Regierung eine „systematische und ungezügelte Hetzkampagne gegen Journalisten“ vor. Lapid nannte den Angriff einen Versuch, „die Wahl zu untergraben und den Boden dafür zu bereiten, eine Niederlage nicht zu akzeptieren“. Der israelische Journalistenverband erklärte, der Angriff sei „nicht im luftleeren Raum“ geschehen.
Die andere Seite
Zur Fairness gehört, dass diese Vorwürfe von politischen Gegnern Netanyahus stammen, mitten im Wahlkampf, begleitet von einer Buchveröffentlichung. Ein Beleg dafür, dass das Büro des Ministerpräsidenten an dem Angriff auf Channel 12 beteiligt gewesen wäre, liegt nicht vor.
Netanyahu greift seinerseits an. Eisenkot warf er vor, bereit zu sein, sich mit der Muslimbruderschaft zu verbünden, während er Likud-Wähler ablehne. Und er wiederholte in dieser Woche seine Kernbotschaft: Solange er Ministerpräsident sei, werde es keinen von Iran kontrollierten palästinensischen Staat geben, weder in Gaza noch in Judäa und Samaria.
Bemerkenswert ist zudem ein Widerspruch, auf den die Times of Israel eigens hinwies: Bennett bezeichnete Netanyahu im selben Interview sowohl als autoritär als auch als „beinahe Anarchisten“, ohne dass er gefragt wurde, wie beides zusammenpasst.
Und dann gibt es noch dieses
Zum Schluss ein Vorgang, der zeigt, dass die Sache nicht nur aus Feindschaft besteht.
Vergangene Woche war ein Sicherheitsgespräch zwischen Netanyahu und Lapid angesetzt. Der Oppositionsführer erschien und wartete vergeblich. „Es war ein Durcheinander. Zuerst nannten sie einen Ort, dann einen anderen, ich kam, und er war nicht da. Man sagte mir, er sei noch in Petach Tikva, und irgendwann sagte ich: Hört zu, es gibt Grenzen, und ging.“
Dann geschah etwas, das Lapid selbst für ungewöhnlich hält: „Er rief an und entschuldigte sich, und wir vereinbarten nächste Woche. Also habe ich ihm verziehen.“
Auf die Frage, ob solche Treffen den gegenseitigen Widerwillen überwinden, antwortete er: „Man legt ihn beiseite, das ist die Definition. Sie verlaufen immer zivilisiert, weil wir höfliche Menschen sind. Wir wissen, wie man zusammenarbeitet, also legen wir das Persönliche beiseite. Außerdem ist ein Militärsekretär im Raum, ein Offizier in Uniform, das zwingt einen zu anständigem Benehmen.“
Ob es Sticheleien gebe? „Nein, das ist Zeitverschwendung, wozu soll das gut sein? Außerdem geht es hier um Israels Sicherheit.“
Und zum israelischen Angriff in Syrien, den amerikanische Medien mit dem Wahlkampf in Verbindung brachten, sagte ausgerechnet der Oppositionsführer: „Das ist eine gerechtfertigte Handlung. Man muss dort eine Grenze markieren, und wir haben sie markiert.“
Seine Kritik richtete sich gegen etwas anderes: gegen das öffentliche Reden danach. „Wenn man etwas tut, muss man hinterher nicht darüber sprechen. Ein Geschichtenerzähler-Festival im Nachhinein ist völlig überflüssig, und es dient politischen Zwecken. Am Ende schaden uns diese Dinge in der Welt ohne jeden Grund.“
Das ist der Israel-Wahlkampf 2026 in einem Bild: härter als alles, was Europa kennt, mit Warnungen vor Gewalt und einem Spitzenkandidaten ohne Personenschutz. Und zugleich mit einem Oppositionsführer, der dem Ministerpräsidenten verzeiht und dessen Militäroperation verteidigt, weil beide dieselbe Landkarte vor Augen haben.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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