Ein Bündnis, das alles ändert: Warum eine einzige Fusion Netanyahus Wahlchancen wieder aufleben lässt

Israels Politik lebt derzeit von einer einzigen Zahl: 3,25 Prozent. Wer als Partei bei der Knesset-Wahl am 27. Oktober diese Sperrklausel verfehlt, verliert nicht nur die eigenen Stimmen, sondern schwächt damit auch das gesamte politische Lager, dem die Partei eigentlich angehört. Genau das hatte, wie berichtet, Ministerpräsident Netanyahus größte Sorge in den vergangenen Wochen ausgemacht. Eine am Freitag veröffentlichte Umfrage der Zeitung Maariv zeigt nun, warum diese Sorge zumindest teilweise nachlässt.

Finanzminister Bezalel Smotrichs Partei Religiöser Zionismus hat sich mit Moshe Feiglins Kleinpartei Zehut zusammengeschlossen, ein Bündnis, das der Umfrage zufolge gemeinsam über die Sperrklausel kommt und fünf Sitze gewinnt. Auch die neue Partei „Volk Israel“ des Ex-Generals Ofer Winter, über den ebenfalls bereits berichtet wurde, überspringt demnach mit vier Sitzen die Hürde. In der Summe bringt das Netanyahus Regierungslager auf 51 Sitze, den höchsten Wert seit Mai. Das oppositionelle Lager fiel dagegen um zwei Sitze auf 57, vor allem weil die Partei Yashar von Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot zwei Sitze verlor, auch die arabischen Parteien büßten einen Sitz ein.

Warum ausgerechnet das wichtig ist: Für die Mehrheit im 120 Mitglieder zählenden Parlament braucht ein Lager 61 Sitze. Verpasst eine kleine Partei die Sperrklausel, gehen ihre Stimmen für das gesamte Lager praktisch verloren, ohne dass eine andere Partei davon profitiert. Fusionen wie die von Smotrich und Feiglin lösen genau dieses Problem, weshalb sich das Kräfteverhältnis durch ein einziges Bündnis so stark verschieben kann. Zugleich bleiben sowohl Religiöser Zionismus-Zehut als auch „Volk Israel“ nach Angaben der Umfrage weiterhin gefährdet, die Hürde am Wahltag tatsächlich zu verfehlen, was das Bild noch einmal drastisch verändern könnte.

Wer wäre der bessere Ministerpräsident?

Die Umfrage fragte auch direkt nach der persönlichen Eignung fürs Amt. Im Vergleich zu Eisenkot verkleinerte sich Netanyahus Rückstand zuletzt zwar, doch er bleibt deutlich: 48 Prozent halten Eisenkot für geeigneter, nur 39 Prozent Netanyahu. Auch gegen den früheren Ministerpräsidenten Naftali Bennett (Partei B’Yachad) verliert Netanyahu mit 39 zu 43 Prozent, gegen den früheren Verteidigungsminister Avigdor Liberman liegt er dagegen knapp vorn, 42 zu 39 Prozent.

Sorge vor neuem Krieg und eine heikle Frage zum 7. Oktober

Zwei weitere Umfragewerte dürften auch außerhalb Israels Aufmerksamkeit verdienen. Auf die Frage, ob ein erneuter Krieg zwischen Israel und dem Iran in naher Zukunft drohe, antworteten 55 Prozent mit Ja, 39 Prozent zeigten sich unbesorgt, sechs Prozent waren unentschieden, ein Stimmungsbild, das angesichts der andauernden Spannungen mit Teheran kaum überrascht.

Heikler ist eine zweite Frage: ob es am Morgen des 7. Oktober 2023 einen „inneren Verrat“ gegeben habe, gemeint ist die in Teilen der israelischen Öffentlichkeit kursierende, nie belegte These, Teile des eigenen Sicherheitsapparats oder der Führung hätten den Hamas-Angriff wissentlich geschehen lassen. 44 Prozent der Befragten halten das für unwahrscheinlich, 40 Prozent glauben, so etwas habe stattgefunden, 16 Prozent sind unsicher. Aufschlussreich ist der Blick auf die politische Herkunft der Antworten: 61 Prozent der Koalitionswähler glauben an einen solchen Verrat, während 64 Prozent der Oppositionswähler das verneinen, ein Beispiel dafür, wie tief das gegenseitige Misstrauen zwischen den politischen Lagern inzwischen reicht.

Auch beim Wunsch nach weiteren Bündnissen zeigt sich ein Lagerunterschied: 52 Prozent der Oppositionswähler befürworten weitere Fusionen vor der Wahl, 27 Prozent wollen getrennt antreten, 21 Prozent sind unentschieden. Bei Anhängern von Jair Golans Demokraten und Libermans Yisrael Beytenu liegt die Zustimmung zu Fusionen mit 57 beziehungsweise 55 Prozent noch etwas höher.

Das vollständige Umfragebild

Nach der Maariv-Umfrage käme Yashar auf 23 Sitze, der Likud auf 20, B’Yachad auf 15, die Demokraten auf zehn, Yisrael Beytenu auf neun, Otzma Yehudit auf acht, das Vereinigte Thora-Judentum, die Gemeinsame Liste und Schas auf je sieben, Ra’am auf fünf, Religiöser Zionismus-Zehut ebenfalls auf fünf und „Volk Israel“ auf vier Sitze.

Durchgeführt wurde die Umfrage vom Meinungsforschungsinstitut Lazar Research unter Leitung von Dr. Menachem Lazar in Zusammenarbeit mit Panel4ALL am 2. und 3. September. Von 4.102 eingeladenen Teilnehmern antworteten 600, eine Rücklaufquote von 15 Prozent, die als repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung Israels ab 18 Jahren gilt, jüdisch wie arabisch. Die maximale statistische Fehlerquote liegt bei vier Prozent.

Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
Wenn du das schätzt, kannst du unsere Arbeit direkt unterstützen.
Einfach und sicher per via PayPal

Weitere Artikel