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07 Jun 2026

Alte Fehleinschätzung, neues Ziel: Warum Israel seine Gegner wohlmöglich erneut falsch liest

In Israel kehrt derzeit ein bekanntes Muster zurück. Nach schweren Schlägen gegen den Iran wird erneut davon gesprochen, das Regime in Teheran stehe vor dem Zusammenbruch. Ähnliche Sätze hörte man in den vergangenen Jahren bereits über die Hamas und über die Hisbollah. Immer wieder war von inneren Rissen, Erschöpfung, Kontrollverlust und wachsendem Zerfall die Rede. Doch die Realität erwies sich oft als widerspenstiger.

Der israelische Nahostexperte Michael Milshtein warnt deshalb vor einer gefährlichen Selbsttäuschung. Seiner Einschätzung nach wurde auch im Fall Iran ein strategisches Experiment versucht, dessen Grundannahme fragwürdig war: Wenn man die Führung ausschaltet, militärische Strukturen zerstört und innere Unruhe fördert, werde das Regime kollabieren. Diese Logik mag in manchen Konflikten funktionieren. Gegen ideologisch geprägte Akteure im Nahen Osten ist sie jedoch oft zu schlicht.

Der Iran, die Hamas und die Hisbollah folgen nicht nur einer militärischen Logik. Sie leben von Ideologie, Geduld, Opferbereitschaft und einem tief verankerten Widerstandsnarrativ. Solche Organisationen können schwere Schläge einstecken, ohne sofort zu zerfallen. Gerade darin liegt ihre Stärke. Sie verlieren Kommandeure, Infrastruktur und Gebiete, aber sie geben nicht automatisch ihre Ziele auf.

Problematisch ist nicht der Wunsch, dass ein feindliches Regime verschwindet. Problematisch ist, wenn dieser Wunsch zur Analyse wird. Wenn Medien, Politiker und Sicherheitskreise immer wieder dieselben Begriffe wiederholen, Zusammenbruch, Panik, Zerfall, Handlungsunfähigkeit, ohne nüchtern zu prüfen, ob diese Begriffe wirklich zur Lage passen.

Der 7. Oktober hätte Israel eigentlich zu einer tieferen Selbstprüfung zwingen müssen. Damals zeigte sich brutal, wie gefährlich es ist, den Gegner durch die eigene Wunschvorstellung zu betrachten. Doch statt alte Denkmuster konsequent zu hinterfragen, scheinen sie in neuen Formen zurückzukehren.

Auch die Idee, im Iran mit Randgruppen, Minderheiten oder sogar Figuren wie Mahmoud Ahmadinejad eine neue Ordnung anzustoßen, wirkt eher wie Ausdruck von Ratlosigkeit als von realistischer Strategie. Wer glaubt, ein komplexes, ideologisches Regime von außen mit einzelnen Hebeln zum Einsturz bringen zu können, unterschätzt die Tiefe solcher Systeme.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie stark Israel seine Feinde militärisch treffen kann. Die Frage lautet auch, ob es sie wirklich versteht. Ohne ehrliche Analyse der eigenen Fehler, ohne Untersuchung gescheiterter Annahmen und ohne Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, droht Israel, dieselben Fehleinschätzungen immer wieder zu wiederholen.

Der Iran mag geschwächt sein. Die Hamas mag schwer getroffen sein. Die Hisbollah mag unter Druck stehen. Aber geschwächt ist nicht gleich besiegt. Und getroffen ist nicht gleich zerbrochen. Genau diese Unterscheidung entscheidet darüber, ob eine Strategie trägt oder ob sie nur die nächste Enttäuschung vorbereitet.

Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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