Allein gegen die Übermacht am Gazastreifen: Die Armee-Untersuchung zum Kampf um Paga am 7. Oktober
Fast drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 hat die israelische Armee (IDF) ihre Untersuchung zu einem der folgenschwersten Gefechte jenes Tages vorgelegt: dem Kampf um den Außenposten Paga an der Grenze zum Gazastreifen, direkt westlich des Kibbuz Be’eri. Offiziell trägt der Posten den Namen „Magen Be’eri“, Schutzschild von Be’eri. Genau diese Aufgabe konnte er an jenem Morgen nicht erfüllen. Das Urteil der Ermittler fällt entsprechend unmissverständlich aus: Die Armee habe ihren Verteidigungsauftrag nicht erfüllt, weder den Fall des Postens verhindert noch das Eindringen der Terroristen nach Be’eri.
Zwischen 60 und 80 Hamas-Terroristen griffen den Posten und eine benachbarte Panzerstellung an. Von den rund 40 bis 50 dort stationierten Soldaten wurden 18 getötet und 22 verwundet, die Leichen von zwei Gefallenen verschleppten die Angreifer nach Gaza. Weil der Posten fiel, konnten die Terroristen nach Be’eri vordringen, wo 101 Zivilisten und 31 Sicherheitskräfte ermordet und 32 Menschen als Geiseln verschleppt wurden.
Vorbereitet auf Krawalle, nicht auf einen Großangriff
Die rund zehnmonatige Untersuchung unter Leitung von Oberst Uri Ron, genehmigt vom damaligen Generalstabschef Herzi Halevi, wertete Zeugenaussagen, Funkmitschnitte und Videoaufnahmen aus und wurde zunächst den Hinterbliebenen präsentiert. Ihr zentraler Befund: Die Kompanie des 13. Bataillons der Golani-Brigade war auf ihre Aufgabe nicht ausreichend vorbereitet, weder bei Ausrüstung und Kampfstellungen noch bei der baulichen Befestigung des Postens. In den Monaten zuvor hatten sich die Soldaten vor allem mit gewaltsamen, von der Hamas organisierten Ausschreitungen am Grenzzaun befasst. Diese Realität habe Denkweise, Ausbildung und Übungen geprägt, ein gleichzeitiger Überraschungsangriff im gesamten Sektor sei schlicht nicht trainiert worden.
Hinzu kam, dass die Hamas zu Beginn des Angriffs gezielt Aufklärungssysteme im Sektor ausschaltete. Wichtige Kommandeure, darunter der Postenkommandant, fielen im Verlauf des Gefechts, was die Führung schwer beeinträchtigte. Der Kompaniechef konnte den Posten nicht erreichen, weil die Zufahrtswege umkämpft waren. Auch die Luftwaffeneinsätze blieben laut Bericht größtenteils wirkungslos, weil die Abstimmung mit den Bodentruppen fehlte.
Stunden des Kampfes
Als um 6.29 Uhr der massive Raketenbeschuss begann, zogen sich die Soldaten in den befestigten Speisesaal zurück, während Panzer zur Grenze vorrückten. Die Besatzung von Shay Levinson tötete dort rund zehn Angreifer, bevor eine Panzerabwehrrakete das Fahrzeug traf. Levinson war sofort tot, seine Leiche wurde verschleppt, zwei weitere Besatzungsmitglieder erlagen ihren Verletzungen. Nur der Fahrer Ido Somech konnte weiterkämpfen. Er flüchtete mit dem Panzer nach Osten bis zum Gelände des Nova-Festivals, wo sein Erscheinen den Vormarsch der Terroristen kurzzeitig stoppte.
Um 6.55 Uhr drangen die ersten neun Terroristen in den Posten ein, weitere folgten wenige Minuten später. Die Soldaten an der Mörserstellung töteten mehrere von ihnen im Nahkampf, erlitten aber schwere Verluste. Ein Versuch, Verwundete mit einem Schützenpanzer vom Typ Namer zu evakuieren, scheiterte, als ein Terrorist eine Sprengladung an der Hecktür befestigte. Gegen 10.35 Uhr fielen der Postenkommandant und sein Funker im Kampf am Haupttor, nachdem sie noch mehrere Angreifer getötet hatten.
Die im Speisesaal verbliebenen Soldaten verbarrikadierten die Eingänge. Gegen 13 Uhr legten die Terroristen mit Matratzen und Diesel Feuer zu beiden Seiten des Gebäudes und leiteten Rauch durch die Lüftung, einige Soldaten verloren teilweise das Bewusstsein. Fünf von ihnen entschlossen sich, durch die brennende Küche auszubrechen und den Kampf aufzunehmen. Alle fünf fielen. Erst zwischen 16.20 und 16.50 Uhr erreichten Rettungskräfte den Posten. Am Abend traf eine Panzerabwehrrakete noch den Bergungskonvoi und tötete einen weiteren Soldaten.
Versagen des Systems, Heldenmut der Einzelnen
Die Ermittler kommen zu dem Schluss, dass die Armee unter den Bedingungen jenes Morgens zu einem anderen Ausgang hätte fähig sein müssen. Zugleich würdigt der Bericht ausdrücklich den außergewöhnlichen Mut, die Kameradschaft und die Entschlossenheit junger Kommandeure und Soldaten, die in einer Lage kämpften, die „bis an die Grenze des Unmöglichen“ reichte. Warum die Veröffentlichung um viele Monate verzögert wurde, blieb unklar.
Unter den Gefallenen waren 14 Soldaten der Golani-Brigade: Dekel Swissa, Lior Azizov, Roei Peri, Itamar Cohen, Tomer Barak, Habib Kiean, Idan Raz, Ido Binenstock, Shalev Baranes, Yakir Levi, Itay Glisko, Haim Meir Eden, Itamar Ben Yehuda und Dolev Amouyal. Von der 7. Panzerbrigade fielen Shay Levinson, Ariel Eliyahu und Ofir Testa, dazu der Spurenleser Muhammad el-Atrash. Die Leichen von Levinson und el-Atrash wurden später nach Israel zurückgebracht.
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