Gewählt wird in Amerika, betroffen ist Israel: Was die Zwischenwahlen für den jüdischen Staat bedeuten
Israel steht nicht auf dem Stimmzettel, und doch geht es heute auch um seine Zukunft. In den USA entscheiden die Wähler bei den Zwischenwahlen über die Mehrheiten im Kongress und damit über die letzten zwei Amtsjahre von Präsident Donald Trump. Für Israel steht viel auf dem Spiel: die Militärhilfe, die Rückendeckung in Washington und die Frage, wie stark der Druck auf die nächste israelische Regierung wird. Während in Jerusalem noch um eine Koalition gerungen wird, könnte sich in Washington die politische Landkarte deutlich verschieben.
Worum es heute geht
Zur Wahl stehen alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und 35 der 100 Sitze im Senat, dazu 36 Gouverneursposten und Tausende Ämter in den Bundesstaaten. Bislang halten die Republikaner in beiden Kammern knappe Mehrheiten, im Senat stehen 53 republikanische 47 demokratischen Sitzen gegenüber. Um die Mehrheit zu übernehmen, müssen die Demokraten in beiden Kammern netto vier Sitze hinzugewinnen. Mehr als 54 Millionen Amerikaner hatten nach Angaben von Israel Hayom schon vorab per Briefwahl oder vorzeitig abgestimmt. Die ersten Wahllokale an der Ostküste öffnen um 13 Uhr israelischer Zeit, die ersten schließen um 1 Uhr in der Nacht zum Mittwoch, die letzten in Alaska um 8 Uhr morgens.
Die Prognosemodelle sehen die Demokraten beim Repräsentantenhaus klar vorn, beim Senat gilt das Rennen als offener. Belastet werden die Republikaner vor allem durch den Iran-Krieg, die Zölle und die gestiegenen Preise für Benzin und Lebensmittel. Ob die Umfragen diesmal stimmen, ist allerdings offen. Nach Berechnungen des CNN-Datenanalysten Harry Enten schnitten republikanische Senatskandidaten in Trump-Staaten zwischen 2018 und 2024 im Schnitt gut vier Prozentpunkte besser ab als vorhergesagt.
Ein Rennen, in dem Israel selbst Thema ist
Aus israelischer Sicht richtet sich der Blick vor allem nach Michigan. Dort tritt für die Demokraten Abdul El-Sayed an, der erste muslimische Senator der USA werden könnte. Er wirft Israel Völkermord vor, fordert ein vollständiges Ende der amerikanischen Militärhilfe und spricht Israel nach Angaben von Israel Hayom das Existenzrecht als jüdischer Staat ab. Die Abgeordnete Haley Stevens, die ihm in der Vorwahl knapp unterlag und von seinem Lager als Kandidatin der Pro-Israel-Lobby AIPAC angegriffen worden war, unterstützt inzwischen demonstrativ den Republikaner Mike Rogers. Auslöser war ein Wahlwerbespot, der die Hilfe für Israel mit steigenden Lebensmittelpreisen in Verbindung brachte. El-Sayed distanzierte sich zwar davon, sein Wahlkampfteam wies Stevens’ Unterstützung aber öffentlich zurück. Auch den demokratischen Kandidaten in Maine, Troy Jackson, beschreibt Ynet als ausgesprochen israelkritisch.
Die Stimmung kippt, auch bei den Republikanern
Die Rennen spiegeln einen tieferen Wandel. Nach einer Umfrage des Pew Research Center vom Juli sehen nur noch 43 Prozent der Demokraten das israelische Volk positiv, 2022 waren es 62 Prozent. Das palästinensische Volk sehen 67 Prozent der Demokraten positiv. Bei jungen Demokraten zwischen 18 und 29 Jahren haben nur 26 Prozent ein positives Bild der Israelis, aber 72 Prozent ein positives Bild der Palästinenser. Auch bei den Republikanern bröckelt die Unterstützung: Der Anteil mit positivem Bild der Israelis sank von 77 auf 65 Prozent.
Im Senat ist der Wandel bereits messbar. Im April stimmten 40 von 47 demokratischen Senatoren für eine Resolution von Bernie Sanders, den Verkauf von Bulldozern an Israel zu stoppen, 36 auch gegen die Lieferung schwerer Bomben. Im Juli 2025 waren es noch 27 gewesen. Beide Vorstöße scheiterten an der republikanischen Mehrheit. Unter einer demokratischen Mehrheit könnte das anders aussehen, auch wenn Trump gegen solche Beschlüsse sein Veto einlegen könnte.
Drei Szenarien
Der Ynet-Korrespondent Itamar Eichner beschreibt drei mögliche Ausgänge. Erobern die Demokraten beide Kammern, könnten sie Haushaltsmittel einschließlich der Israel-Hilfe verzögern, Ernennungen blockieren und Regierungsmitglieder vorladen, etwa Verteidigungsminister Pete Hegseth wegen der Kriegsführung im Iran. Gewinnen sie nur das Repräsentantenhaus, bleiben ihnen vor allem Anhörungen und politischer Druck. Behalten die Republikaner beide Kammern, würde das Trump stärken, und die breite Unterstützung für Israel dürfte bis 2028 weitergehen. Dieses Szenario hält Eichner allerdings für wenig wahrscheinlich.
Druck aus dem Weißen Haus statt aus dem Kongress?
Der Kommentator Gadi Ezra verweist bei Ynet auf ein historisches Muster. Präsidenten, die ihre Mehrheit im Kongress verloren, wandten sich der Außenpolitik zu, um ihr Vermächtnis zu sichern. George W. Bush verlor 2006 den Kongress und lud 2007 zur Nahostkonferenz von Annapolis. Barack Obama verlor 2014 und trieb 2015 das Atomabkommen mit dem Iran voran. Trump selbst verlor 2018 das Repräsentantenhaus und legte danach den „Deal des Jahrhunderts“ und 2020 die Abraham-Abkommen vor. Auch jetzt warten offene Akten: die Verhandlungen mit dem Iran, eine Normalisierung zwischen Israel und Saudi-Arabien und die Zukunft des Gazastreifens. Der Druck auf die nächste israelische Regierung könnte deshalb weniger von einem demokratischen Kongress kommen als von einem republikanischen Präsidenten, der schnelle Erfolge will. Der Forscher Kobby Barda vom Jewish People Policy Institute erwartet, dass Trump eine saudisch-israelische Normalisierung als zentrales Vermächtnis verfolgen wird.
Die Militärhilfe nach 2028
Langfristig geht es um die Grundlage der Beziehungen. Die laufende Absichtserklärung über die amerikanische Militärhilfe im Umfang von 38 Milliarden Dollar endet 2028, über ein Nachfolgeabkommen wird in diesem oder dem nächsten Kongress entschieden. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat erklärt, die Abhängigkeit von amerikanischer Hilfe in Trumps verbleibender Amtszeit verringern zu wollen. US-Botschafter Mike Huckabee schrieb, ein neues Abkommen werde die Hilfe beenden und stattdessen auf Handel setzen. William Galston von der Brookings Institution hält einen „politischen Krieg“ mit den Demokraten für wahrscheinlich, sollte Netanyahu im Amt bleiben. Eine neue israelische Regierung könnte dagegen etwas Luft bekommen. Andere in Washington halten den Fokus auf Netanyahu für überzogen, weil der Druck der demokratischen Basis ohnehin anhalte.
Für Israel bedeutet das eine doppelte Aufgabe: das Verhältnis zu den Demokraten zu reparieren und zugleich den Rückgang der Unterstützung bei den Republikanern aufzuhalten. Das Ziel bleibt die parteiübergreifende Unterstützung früherer Jahrzehnte. Die Ergebnisse dieser Nacht werden zeigen, wie weit der Weg dorthin ist.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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