Ruhige Wahl, gespannte Lage: Warum die Gefahr einer neuen Eskalation mit dem Iran wächst

Die Knesset-Wahl ist ohne militärischen Zwischenfall verlaufen. Nach allem, was bekannt ist, blieb ein Angriff aus dem Iran oder von der Hisbollah aus. Doch die Ruhe täuscht. Neue Berichte aus Washington deuten darauf hin, dass die USA und Israel nach den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November erneut gegen den Iran vorgehen könnten. Und je konkreter diese Vorbereitungen werden, desto mehr stellt sich eine zweite Frage: Was tut Teheran, wenn es einen Angriff für unvermeidlich hält?

Washington bereitet die Golfstaaten vor

Nach einem Bericht des Wall Street Journal aus der Nacht zum Mittwoch haben die USA mehrere arabische Golfstaaten über diplomatische und militärische Kanäle gewarnt, sich auf einen möglichen kurzen, aber intensiven Militäreinsatz gegen den Iran nach dem 3. November einzustellen. Demnach füllen die USA ihre Munitionsbestände auf, verlegen ein Patriot-Luftabwehrsystem aus Texas in die Region und haben Soldaten von besonders gefährdeten Stützpunkten abgezogen. Ein weiterer Flugzeugträgerverband und eine Einheit der Marineinfanterie sollen im November zu den rund 20 amerikanischen Kriegsschiffen stoßen, die bereits im Nahen Osten liegen.

Präsident Donald Trump hat nach Angaben von Personen aus seinem Umfeld noch nicht entschieden, neige aber zu einem größeren Schlag gegen Infrastruktur und Atomanlagen. Das Weiße Haus wollte sich zu „sensiblen militärischen Planungen“ nicht äußern und erklärte nur, Trump halte sich alle Optionen offen, damit der Iran niemals eine Atomwaffe erlange. Bereits am 22. Oktober hatte der Sender NPR unter Berufung auf eine mit den Planungen vertraute Person berichtet, die USA und Israel bereiteten einen möglichen Angriff für Anfang November vor. Israel habe ursprünglich schon Mitte Oktober zuschlagen wollen, Trump habe aber widersprochen.

Teheran droht mit Vergeltung in der ganzen Region

Der Iran hat für den Fall eines Angriffs Vergeltung gegen wirtschaftliche und zivile Ziele in der gesamten Region angekündigt, so wie nach Kriegsbeginn Ende Februar, als iranische Raketen und Drohnen amerikanische Stützpunkte, Energieanlagen und Flughäfen am Golf trafen. Nach Einschätzungen, die das Wall Street Journal zitiert, verfügt das Land noch über Hunderte bis Tausende Raketen und baut aus gelagerten Teilen neue zusammen. Die Revolutionsgarden drohten zuletzt sogar mit Angriffen auf Rechenzentren und Unterseekabel im Golf. Außenminister Abbas Araghchi erklärte, der Iran sei auf Diplomatie ebenso vorbereitet wie auf Krieg, „jedes Szenario ist denkbar“.

Hinzu kommt die Warnung der US-Geheimdienste, wonach iranische Pläne für Anschläge auf amerikanische Diplomaten und Regierungsvertreter „fortgeschrittene Stadien“ erreicht haben. Washington hat daraufhin sein Botschaftspersonal in mehreren Ländern der Region verringert.

Israel zwischen Wahl und Krieg

In Israel fällt diese Entwicklung in eine Phase politischer Unsicherheit. Nach der Wahl hat keines der beiden Lager eine Mehrheit, Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bleibt bis zur Bildung einer neuen Regierung im Amt. An der militärischen Handlungsfähigkeit ändert das nichts, in Sicherheitsfragen kann auch eine Übergangsregierung uneingeschränkt entscheiden. Nach Angaben des Wall Street Journal hat Israel Pläne und Ziele für einen neuen Angriff vorbereitet, Netanyahu dränge auf eine Wiederaufnahme der Angriffe.

Analyse: Die gefährlichste Phase beginnt jetzt

Dass der Wahltag militärisch ruhig blieb, bedeutet nicht, dass es so bleibt. Im Gegenteil: Mit der Wahl in Israel ist einer der Gründe entfallen, die einen Angriff bisher hinausgezögert haben. Mit den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November fällt in wenigen Tagen auch der zweite weg. Die kommenden Tage und Wochen könnten deshalb die heikelste Zeit seit dem Frühjahr werden.

Das größte Risiko liegt dabei womöglich gar nicht in Washington oder Jerusalem, sondern in Teheran. Wenn die iranische Führung die amerikanischen Vorbereitungen als sicheres Zeichen eines bevorstehenden Angriffs deutet, könnte sie versucht sein, selbst zuerst zu handeln, um ihre Raketen nicht am Boden zu verlieren. Für ein solches Kalkül gibt es Gründe: die Initiative behalten, die Kosten eines Krieges für die USA vor Augen führen und Trump innenpolitisch unter Druck setzen. Dagegen spricht, dass ein iranischer Erstschlag Washington genau die Rechtfertigung für einen umfassenden Angriff liefern würde, die bislang fehlt. Wahrscheinlicher als ein direkter Raketenangriff auf Israel erscheinen deshalb Angriffe auf Schifffahrt, Energieanlagen oder amerikanische Einrichtungen am Golf, mit denen Teheran Druck aufbauen könnte, ohne sofort einen offenen Schlagabtausch mit Israel auszulösen.

Belege für einen bevorstehenden iranischen Erstschlag gibt es derzeit nicht. Die Gefahr einer Fehleinschätzung ist aber real. Je dichter Drohungen, Truppenbewegungen und Warnungen aufeinander folgen, desto größer wird das Risiko, dass eine Seite die Absichten der anderen falsch liest und damit genau den großen Krieg auslöst, den sie eigentlich vermeiden will.

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