Schnitzel, Alfajores und eingelegte Gurken: Wie Einwanderer Israels Küche verändern

Was haben Schnitzel aus Mitteleuropa, Alfajores aus Argentinien und eingelegte Gurken aus Osteuropa gemeinsam? Sie alle sind längst Teil der israelischen Esskultur. Zum Yom HaAliyah, dem Tag der Einwanderung, feiert das ANU-Museum in Tel Aviv am Sonntagabend nicht nur die Menschen, die nach Israel eingewandert sind, sondern auch die Gerichte, Geschichten und Traditionen, die sie mitgebracht haben.

Wer verstehen will, wie Israel entstanden ist, kann Geschichtsbücher lesen. Man kann aber auch auf einen israelischen Esstisch schauen. Dort treffen Speisen aufeinander, die ursprünglich kaum etwas miteinander zu tun hatten: Couscous aus Nordafrika, Schnitzel aus Mitteleuropa, Hummus aus dem Nahen Osten, Borschtsch aus Osteuropa, Jachnun aus dem Jemen oder Alfajores aus Südamerika. Viele dieser Gerichte kamen mit Einwanderern ins Land. Heute gelten sie für viele als selbstverständlich israelisch.

Ein Fest im Museum des jüdischen Volkes

Der Yom HaAliyah wurde 2016 per Gesetz eingeführt. Offiziell fällt er auf den 10. Nisan, den Tag, an dem das Volk Israel nach der Bibel unter Josua den Jordan überquerte und ins Land einzog (Josua 4,19). Weil dieser Tag kurz vor Pessach liegt und die Schulen dann geschlossen sind, wird er in den Schulen zusätzlich am 7. Cheschwan begangen, in der Woche, in der in den Synagogen der Wochenabschnitt Lech Lecha gelesen wird. Darin ruft Gott Abraham auf, in das Land zu ziehen, das er ihm zeigen will (1. Mose 12,1). In diesem Jahr ist das Sonntag, der 18. Oktober.

Das ANU-Museum des jüdischen Volkes nimmt den Tag zum dritten Mal in Folge zum Anlass für ein Fest unter dem Titel „Olé Olé“. Der Name ist ein Wortspiel: „Oleh“ ist das hebräische Wort für Einwanderer. Gemeinsam mit der Organisation Nefesh B’Nefesh und der Nadav-Stiftung lädt das Museum von 17.30 bis 22 Uhr zu einem Markt mit koscherem Essen aus aller Welt, Kunsthandwerk und Ständen von Unternehmen, die Einwanderer gegründet haben. Dazu kommen Führungen über jüdische Esskultur in Hebräisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch, Gesprächsrunden mit Einwanderern verschiedener Generationen und zum Abschluss Musik und Tanz. „Sie sind nicht nur Teil des israelischen Mosaiks, sie gestalten es mit“, sagt Museumsdirektor Oded Revivi.

Mehr als 20.000 neue Einwanderer in einem Jahr

Der Anlass passt zu einer Entwicklung, die Israel weiterhin prägt. Im vergangenen jüdischen Jahr kamen nach Angaben des Ministeriums für Alija und Integration und der Jewish Agency mehr als 20.000 Einwanderer aus über 100 Ländern nach Israel. Die größten Gruppen stammten aus Russland mit rund 5.700, Frankreich mit mehr als 4.300 und den USA mit über 3.300 Menschen. Aus Großbritannien kamen knapp 1.000. Bemerkenswert ist auch das Alter: Rund 35 Prozent der neuen Einwanderer sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, fast ein Viertel sind Kinder und Jugendliche.

Auch Deutschland gehört weiterhin zu den Herkunftsländern. Aus der Bundesrepublik kamen im vergangenen jüdischen Jahr 210 Menschen nach Israel, ebenso viele wie aus Südafrika.

Die Zahlen erzählen aber nur einen Teil der Geschichte. Mit jedem Einwanderer kommen auch Erinnerungen, Gewohnheiten und oft Rezepte ins Land. Manche dieser Traditionen verschwinden nach einer Generation, andere verändern sich. Wieder andere werden irgendwann so selbstverständlich, dass kaum noch jemand darüber nachdenkt, woher sie stammen.

Eine Küche ohne eindeutigen Ursprung

Das macht die Frage nach „israelischem Essen“ kompliziert. Denn eine einzige israelische Küche hat es eigentlich nie gegeben. Schon in den ersten Jahrzehnten des Staates trafen jüdische Einwanderer aus Europa auf Gemeinschaften aus Marokko, Tunesien, dem Irak, dem Iran, dem Jemen und anderen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas. Später kamen große Einwanderungswellen aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Äthiopien hinzu. Auch aus Nord- und Südamerika, Frankreich, Großbritannien und anderen Ländern ziehen bis heute Juden nach Israel.

Aus dieser Mischung entstand eine Esskultur, die sich ständig weiterentwickelt. Gerichte werden angepasst, Zutaten ausgetauscht und Traditionen miteinander kombiniert. Ein jemenitisches Jachnun kann am Samstagmorgen neben irakischer Amba stehen. In einer Bäckerei findet sich französisches Gebäck, wenige Straßen weiter georgisches Chatschapuri. In Israel ist das nichts Ungewöhnliches.

Einwanderer werden auch zu Unternehmern

Die Veranstaltung im ANU-Museum zeigt noch eine weitere Seite. Ein Teil der Stände gehört Unternehmen, die von Einwanderern gegründet wurden. Essen ist damit nicht nur eine Erinnerung an das frühere Zuhause, sondern kann auch der Anfang eines neuen Lebens sein. Ein Rezept aus Argentinien, Frankreich oder Russland wird zum Produkt eines kleinen Betriebs in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa. Gerade für Menschen, die zunächst mit Sprache, Bürokratie und Arbeitssuche kämpfen, kann die eigene Herkunft so auch wirtschaftlich eine Rolle spielen.

Alija verändert Israel bis heute

Seit der Staatsgründung sind rund 3,5 Millionen Menschen nach Israel eingewandert, fast die Hälfte davon seit 1990. Das heutige Israel wäre ohne diese Einwanderungswellen kaum vorstellbar. Sie veränderten Sprache, Musik, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und eben auch das Essen.

Und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen. Auch heute landen Menschen am Flughafen Ben Gurion mit Koffern, Dokumenten und der Entscheidung, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Manche bringen nur wenige persönliche Dinge mit. Fast alle aber bringen Geschichten, Erinnerungen und Gewohnheiten mit. Am Sonntag stehen einige davon auf einem Markt im ANU-Museum.

Vielleicht erzählt deshalb ein Tisch mit Schnitzel, eingelegten Gurken und argentinischen Alfajores mehr über Israel, als es auf den ersten Blick scheint. Er zeigt ein Land, dessen Kultur bis heute von Menschen geprägt wird, die von sehr unterschiedlichen Orten kommen und irgendwann anfangen, denselben Ort ihr Zuhause zu nennen.

Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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