Zuschlagen oder abwarten: Vor welcher Entscheidung Trump im Iran-Konflikt steht
Drei Wochen vor den Zwischenwahlen in den USA am 3. November steckt US-Präsident Donald Trump in einer Zwickmühle. Er hat öffentlich zugesagt, den Iran vor der Wahl nicht anzugreifen. Gleichzeitig hat das Pentagon die Pläne für neue Angriffe fertig, und jede Woche ohne Entscheidung gibt Teheran Zeit, seine Fähigkeiten wieder aufzubauen. Ein neuer Schlag dagegen könnte den Ölpreis in die Höhe treiben, amerikanische Soldaten das Leben kosten und den Republikanern kurz vor der Wahl schaden. Für Israel, das am 27. Oktober selbst wählt und im Ernstfall Ziel iranischer Raketen wäre, ist der Ausgang dieser Abwägung von unmittelbarer Bedeutung.
Was Teheran in der Pause aufbaut
Wie schnell der Iran die Zeit nutzt, zeigen neue Satellitenbilder. Das Washingtoner Institute for Science and International Security hat Aufnahmen des Anbieters Vantor aus September und Oktober ausgewertet. Sie zeigen, dass auf dem Gelände von Minzadehei wieder in erheblichem Umfang gearbeitet wird. Die Anlage liegt am nordöstlichen Stadtrand von Teheran. Nach Einschätzung des Instituts diente sie der Entwicklung von Atomwaffen. Israel hatte sie am 3. März bombardiert, dabei mehrere Gebäude zerstört und unterirdische Einrichtungen beschädigt. Nun sind wieder regelmäßig Fahrzeuge zu sehen, Trümmer werden geräumt, Erdarbeiten laufen. Das Institut hält es für möglich, dass der Iran versucht, die verlorenen Fähigkeiten zur Waffenentwicklung wiederherzustellen. Uran angereichert wird in Minzadehei allerdings nicht. Für eine Atombombe bräuchte der Iran weitere Anlagen, etwa zur Umwandlung von Uran, die ebenfalls schwer getroffen wurden.
Sorgen bereitet auch der sogenannte Spitzhacken-Berg, auf Persisch Kuh-e Kolang Gaz La, rund zwei Kilometer von der Anreicherungsanlage Natans entfernt. Die Anlage wird tief im Granit errichtet, die Hauptkammern sollen mindestens 100 Meter unter der Oberfläche liegen und damit auch für bunkerbrechende Bomben schwer erreichbar sein. Nach Einschätzung des Washingtoner Instituts ist sie noch im Bau und nicht in Betrieb, Satellitenbilder zeigten im September allerdings verstärkte Bauarbeiten. Trump hatte damals gedroht, die Anlage womöglich „sehr bald“ anzugreifen, und erklärt, man wisse über „jeden, der sich dort bewegt“, Bescheid.
Ungeklärt ist zudem, wo die rund 440 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertes Uran geblieben sind, die der Iran vor den Angriffen im Juni 2025 besaß. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) vermutet einen großen Teil in Tunneln bei Isfahan, hat aber seit den Angriffen keinen Zugang zu den bombardierten Anlagen. Hinzu kommen die Berichte der vergangenen Wochen, wonach der Iran seine Raketen- und Drohnenproduktion zum Teil in unterirdischen Anlagen weiterbetreibt.
Was für einen schnellen Schlag spricht
Im Umfeld des Präsidenten gibt es Stimmen, die auf einen begrenzten Angriff noch vor der Wahl drängen. Nach einem Bericht des US-Magazins „The Atlantic“ ließ das Weiße Haus das Pentagon Optionen für solche Schläge ausarbeiten. Ziel wäre, einen sichtbaren militärischen Erfolg vorweisen zu können, den hohen Benzinpreisen etwas entgegenzusetzen und Teheran zu Zugeständnissen am Verhandlungstisch zu zwingen. Selbst Befürworter räumten nach dem Bericht allerdings ein, dass ein solcher Schlag bis zum Wahltag weder ein Abkommen bringen noch die Straße von Hormus öffnen oder die Benzinpreise senken würde.
Was dagegen spricht
Genau die Benzinpreise sind Trumps größte Schwachstelle. Nach Angaben von N12 kostete eine Gallone Benzin in den USA Anfang Oktober im Schnitt rund 4,37 Dollar, vor Kriegsbeginn im Februar waren es weniger als drei Dollar. Auch die Stimmung ist gegen ihn. Nach einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Pew Research Center lehnen rund 65 Prozent der Amerikaner Trumps Umgang mit dem Iran-Krieg ab, auch unter Republikanern wächst die Skepsis. In einer Umfrage von Reuters und Ipsos fiel Trumps Zustimmungswert auf ein Rekordtief von 32 Prozent. Ein Angriff mit amerikanischen Toten oder neuen Störungen im Golf könnte das weiter verschärfen.
Hinzu kommt die Diplomatie. Beide Seiten tauschen über Vermittler Vorschläge zur Beendigung des Krieges aus. Außenminister Abbas Araghchi kündigte am Donnerstag an, Teheran werde „in den nächsten Tagen“ auf den jüngsten amerikanischen Vorschlag antworten. Nimmt Washington den iranischen Plan an, könne die Straße von Hormus binnen sieben Tagen geöffnet werden. Strittig bleiben vor allem die US-Forderungen, die Urananreicherung einzustellen und die Uranvorräte abzugeben. Nach Einschätzungen, über die N12 berichtet, könnte ein neuer Angriff zudem der Führung in Teheran helfen, die Reihen gegen den äußeren Feind zu schließen, gerade jetzt, da die Wirtschaftskrise im Land neue Proteste auslösen könnte.
Auch militärisch ist der Zeitpunkt ungünstig. Derzeit operiert nur ein amerikanischer Flugzeugträger in der Region, die USS George Washington. Die USS George H. W. Bush hat den Nahen Osten nach sechs Monaten Einsatz verlassen und lief am 4. Oktober zur Erholung der Besatzung im thailändischen Phuket ein. Die USS Theodore Roosevelt ist noch auf dem Weg in die Region und wird dort nach Angaben der „New York Times“ erst gegen Ende Oktober erwartet.
Vier mögliche Wege
Damit zeichnen sich vier Entwicklungen ab. Nach Trumps Zusage liegt am nächsten, dass die Kampfpause bis zur Wahl hält, während Washington den wirtschaftlichen Druck durch Seeblockade und Sanktionen aufrechterhält. Denkbar bleibt zweitens ein begrenzter Schlag noch vor dem 3. November, trotz Trumps Zusage. Drittens könnte der Iran selbst eskalieren, etwa durch einen schweren Angriff auf amerikanische Truppen, Verbündete oder die Infrastruktur am Golf. Israelische Vertreter hatten bereits gewarnt, die Führung in Teheran fürchte einen dritten Überraschungsangriff und könnte deshalb selbst zuerst zuschlagen. Viertens könnte Trump nach der Wahl eine größere Offensive anordnen, frei vom Druck des Wahlkampfs. Beobachter halten das vor allem dann für möglich, wenn die Republikaner eine oder beide Kammern des Kongresses verlieren und Trump innenpolitisch wenig zu verlieren hat.
Für Israel bedeutet jede dieser Varianten etwas anderes. Hält die Pause, kann Israel ungestört wählen, muss aber zusehen, wie der Iran aufrüstet. Kommt es zu einem neuen Krieg, ob vor oder nach dem 3. November, wäre Israel nach Einschätzung israelischer Vertreter Teil der Angriffe und zugleich Ziel iranischer Raketen. Die Entscheidung fällt in Washington. Die Folgen würden in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem zu spüren sein.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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