Raketenfabriken intakt, Nachschub aus Moskau? Westliche Vertreter zweifeln an Irans Entwaffnung
Trotz monatelanger Angriffe der USA und Israels kann der Iran offenbar weiterhin Raketen und Drohnen herstellen und seine Bestände rasch auffüllen. Das berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg in der Nacht zum Samstag unter Berufung auf westliche Regierungsvertreter. Nach deren Einschätzung hat Teheran seine Raketen- und Drohnenfabriken erhalten und verfügt noch über einen großen Bestand an ballistischen Raketen und Waffen gegen Schiffe. Brisant ist eine weitere Angabe: Einer der Vertreter erklärte, Russland liefere dem Iran Raketen. Das russische Verteidigungsministerium äußerte sich auf Anfrage nicht.
Die Richtung hat sich umgekehrt
Die Angabe ist bemerkenswert, weil die Waffen bisher in die andere Richtung flossen. Im August 2024 berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, der Iran bereite die Lieferung Hunderter ballistischer Raketen an Russland für den Krieg in der Ukraine vor. Einen Monat später erklärte der damalige US-Außenminister Antony Blinken, Russland habe bereits Raketen aus dem Iran erhalten. Inzwischen hat Russland seine eigene Produktion von Raketen und Drohnen nach Angaben des israelischen Senders N12 im vergangenen Jahr deutlich ausgebaut. Nach Angaben der Jerusalem Post deckt sich die Aussage über russische Lieferungen mit einer westlichen Geheimdiensteinschätzung vom Juni.
Wie viel vom iranischen Arsenal noch übrig ist, bleibt unklar. Vor Kriegsbeginn verfügte der Iran nach israelischer Schätzung über rund 2.500 ballistische Raketen. Westliche Geheimdienstberichte gingen im Juni davon aus, dass Teheran noch etwa drei Viertel seiner Munitionsbestände aus der Zeit vor dem Krieg besaß. Seit Kriegsbeginn am 28. Februar hat der Iran nach einer Auswertung von Bloomberg, über die N12 berichtet, mindestens 2.000 ballistische Raketen abgefeuert.
Washington hält dagegen
Der Bericht steht im Widerspruch zu den Erklärungen aus Washington. Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte erst am 30. September erklärt, die USA hätten die „militärisch-industrielle Kapazität“ des Iran zerstört. Präsident Donald Trump nannte das iranische Militär „vollständig zerstört“. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Anna Kelly, wies die Einschätzung der westlichen Vertreter gegenüber Bloomberg zurück. Trump habe bei der Operation „Midnight Hammer“ im Juni 2025 die iranischen Atomanlagen „ausgelöscht“, und die Operation „Epic Fury“ seit Februar habe den „konventionellen Schutzschild“ zerstört, den der Iran um sein Atomprogramm errichten wollte, darunter ballistische Raketen, Produktionsanlagen und die Marine.
Auch die Fachleute sind sich nicht einig. Der frühere CIA-Analyst Jim Lamson vom King’s College London hält es für wahrscheinlich, dass die Luftangriffe der Raketenproduktion langfristig erheblichen Schaden zugefügt haben. Israelische Militärs rechnen nach Angaben der Jerusalem Post damit, dass der Wiederaufbau zerstörter Rüstungsbetriebe Jahre dauern könnte, sorgen sich aber um die Fähigkeit des Iran, Abschussrampen und andere Komponenten zu ersetzen. Schon im Mai hatte N12 berichtet, der Iran habe die Raketenproduktion mit russischer und chinesischer Hilfe deutlich schneller wieder aufgenommen als erwartet, unter anderem in improvisierten unterirdischen Anlagen. Im September berichteten amerikanische Regierungsvertreter und Vertreter aus dem Nahen Osten von einer begrenzten Wiederaufnahme der Produktion, die noch unter dem Vorkriegsniveau liege.
Die Pause nützt Teheran
Der Zeitpunkt des Berichts ist heikel. Erst am Donnerstag hatte Trump erklärt, die USA würden den Iran vor den Zwischenwahlen am 3. November nicht angreifen. Nach Bloomberg erwägt er, die Angriffe nach den Wahlen auszuweiten. Die Kampfpause verschafft dem Iran nach Einschätzung von Bloomberg allerdings Zeit, seine militärischen Fähigkeiten wiederherzustellen. Nach Angaben von N12 wurde Generalstabschef Eyal Zamir in Gesprächen mit hochrangigen US-Vertretern über die amerikanischen Vorbereitungen unterrichtet. Ein hochrangiger amerikanischer Vertreter sagte dem Sender, diesmal sei die Initiative von Trump ausgegangen, anders als im Februar, als sie von Israel kam. Im Fall neuer Kämpfe würden die USA und Israel gemeinsam vorgehen, die israelische Armee (IDF) wäre an den Angriffen beteiligt.
Mehr Angriffe auf Schiffe
Wie groß Irans verbliebene Schlagkraft ist, zeigt sich derzeit vor allem auf See. Nach Angaben der britischen Marine wurden allein in der vergangenen Woche mindestens zehn Schiffe nahe der Straße von Hormus getroffen. William Alberque, leitender Wissenschaftler am Forschungsinstitut Pacific Forum, geht davon aus, dass der Iran über Jahre Marschflugkörper gegen Schiffe gehortet und versteckt hat, auch für die Huthi im Jemen. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir bei den Angriffen auf Schiffe noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs gesehen haben“, sagte er.
Für Israel ist der Befund doppelt unbequem. Sollten die westlichen Einschätzungen zutreffen, bleibt ein Iran, der seine Raketenproduktion erhalten hat und womöglich aus Russland Nachschub bekommt, eine direkte Bedrohung für israelische Städte. Und jede Woche ohne Entscheidung in Washington gibt Teheran Zeit, sich auf die nächste Runde vorzubereiten.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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