Zwischen Stille und Protest: So hat Israel des 7. Oktober gedacht
Der Tag begann um 6.29 Uhr, in der Minute, in der vor drei Jahren der Angriff begann, der Israel veränderte. Er endet am Abend im Tel Aviver Yarkon-Park mit den Familien der Opfer. Dazwischen lag ein Tag, an dem Menschen schweigend an den Orten des Massakers standen, an Gräbern und Gedenkstätten zusammenkamen und zugleich auf die Straße gingen. Der dritte Jahrestag war ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag, an dem sichtbar wurde, wie viele Fragen bis heute offen sind.
Am Morgen des 7. Oktober 2023 hatte um 6.29 Uhr der massive Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen begonnen, während Terroristen der Hamas und weiterer Gruppen die Grenze durchbrachen. Rund 1.200 Menschen wurden an diesem Tag ermordet, 251 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Heute entzündete Präsident Isaac Herzog mit seiner Frau Michal in der Präsidentenresidenz eine Gedenkkerze. Auf dem Gelände des Nova-Festivals bei Re’im kamen Angehörige, Überlebende und Freunde zusammen, auch in Kfar Aza und anderen schwer getroffenen Orten fanden Zeremonien statt.
Es war ein besonderer Jahrestag. Erstmals wurde der 7. Oktober begangen, nachdem alle Geiseln lebend zurückgekehrt oder ihre sterblichen Überreste nach Israel gebracht worden sind. Der Kampf um ihre Rückkehr, der das Land über Jahre geprägt hatte, ist damit beendet. Die Folgen ihrer Gefangenschaft sind es nicht.
Um zwölf Uhr stand das Land still
Mehr als 400 Orte und Organisationen beteiligten sich an einer landesweiten Initiative unter dem Motto „Innehalten und erinnern“. Um zwölf Uhr wurde in Krankenhäusern, Unternehmen und Organisationen zu einer Schweigeminute aufgerufen. Gedenkveranstaltungen fanden von den Gemeinden im Süden bis nach Haifa, Tel Aviv und Jerusalem statt.
Neben dem stillen Gedenken gab es Protest. In Tel Aviv wurde das Wasser des bekannten Brunnens am Dizengoff-Platz rot gefärbt. Mehrere Demonstrationen richteten sich gegen die Regierung und forderten erneut eine staatliche Untersuchungskommission, die es drei Jahre nach dem Massaker noch immer nicht gibt. Generalstabschef Eyal Zamir zog am Mittwoch eine Linie vom Jom-Kippur-Krieg 1973 zum 7. Oktober: „Die Lehre, die wir alle aus beiden Kriegen ziehen müssen, ist, dass uns die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs alle beschäftigen muss.“
„Wir werden nicht vergessen“
Besonders eindrücklich waren erneut die Stimmen der Familien. Die Angehörigen der Beobachtungssoldatinnen des Stützpunkts Nahal Oz erinnerten daran, dass ihre Töchter vor dem Angriff immer wieder vor ungewöhnlichen Aktivitäten der Hamas gewarnt hatten. Fünfzehn der jungen Frauen wurden am 7. Oktober getötet, sieben verschleppt. Noa Marciano wurde in der Gefangenschaft ermordet. Die Familien erklärten, sie würden weder das Versagen noch den Einsatz ihrer Töchter vergessen.
Auch Yarden Bibas meldete sich zu Wort. Seine Frau Shiri und seine beiden kleinen Söhne Ariel und Kfir waren nach ihrer Verschleppung in den Gazastreifen ermordet worden. Seine wenigen Worte an seine Familie gehörten zu den bewegendsten des Tages: Er bat sie um Vergebung dafür, dass er hier sei und sie nicht.
Während Israel trauert, feiert die Hamas
Fast wie ein Gegenbild zum Gedenken veröffentlichte die Hamas eine Erklärung zum Jahrestag, in der sie das Massaker erneut als „außergewöhnliche militärische Leistung“ feierte. Der Nationale Sicherheitsrat hatte bereits im Vorfeld gewarnt, der Iran und seine Stellvertreter, die Hamas und globale Dschihadgruppen könnten das symbolische Datum für Anschläge nutzen. Israelis im Ausland wurden zu besonderer Vorsicht aufgerufen. Bis zum späten Nachmittag bestimmten jedoch das Gedenken, die politischen Auseinandersetzungen und die Erinnerung an die Opfer die Nachrichten.
Gedenken auch im Ausland
Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot reiste eigens nach Israel, um der Opfer zu gedenken. Er besuchte den Platz der Geiseln in Tel Aviv und den Kibbuz Be’eri und bezeichnete das Massaker als den schwersten antisemitischen Massenmord seit der Schoa. Auch aus Deutschland, Großbritannien, Österreich, Schweden und von der Europäischen Union kamen Botschaften des Gedenkens, verbunden mit Warnungen vor wachsendem Antisemitismus. Zugleich gab es in mehreren Ländern erneut antiisraelische Kundgebungen, in London etwa vor dem Sitz des Dachverbands der britischen Juden, wo Demonstranten palästinensische und iranische Fahnen schwenkten.
Der Abend gehört den Familien
Der staatliche Gedenktag hatte nach dem hebräischen Kalender bereits am Montag stattgefunden. Für viele Israelis bleibt jedoch der 7. Oktober der eigentliche Jahrestag, das Datum, das sich eingebrannt hat. Um 21.15 Uhr soll im Yarkon-Park die zentrale Gedenkveranstaltung beginnen, die Überlebende und Angehörige selbst organisiert haben. Noch einmal werden Namen genannt, Geschichten erzählt und Menschen zu Wort kommen, deren Leben an jenem Morgen für immer verändert wurde.
Drei Jahre sind vergangen. Israel hat an mehreren Fronten gekämpft, alle Geiseln heimgeholt und seine militärische Lage grundlegend verändert. Doch dieser Tag hat gezeigt, dass der 7. Oktober für viele Menschen im Land keine Geschichte ist, sondern Gegenwart.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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