Piloten aus Syrien und dem Libanon: Wie groß die Sicherheitslücke im Luftverkehr nach Israel wirklich war
Knapp eine Woche nach dem vereitelten Anschlag auf Flug FZ1073 wird das Ausmaß der Sicherheitslücke erst richtig sichtbar. In einer vertraulichen Sitzung des Unterausschusses für Nachrichtendienste im Ausschuss für Auswärtiges und Verteidigung der Knesset bestätigten Fachleute am Dienstag, dass rund 1.240 Besatzungsmitglieder aus Staaten nach Israel gekommen sind, mit denen das Land keine diplomatischen Beziehungen unterhält. Nach Angaben von N12 bezieht sich die Zahl auf die Zeit seit Jahresbeginn, Ynet spricht vom vergangenen Jahr. Darunter waren Piloten und Flugbegleiter aus dem Libanon, aus Syrien und aus Oman.
Nach Angaben von Teilnehmern zeigte sich der Vertreter des Verkehrsministeriums sichtlich überrascht. Er habe die Einzelheiten nicht gekannt und um eine eigene Untersuchung gebeten, berichtete der Sender i24NEWS. Unklar blieb in der Sitzung auch, ob die Crews die israelische Grenzkontrolle passierten oder lediglich landeten und mit der nächsten Maschine weiterflogen. Ob sich unter ihnen auch iranische Staatsbürger befanden, ist bislang nicht geklärt. Der Ausschussvorsitzende Boaz Bismuth (Likud) kündigte anschließend an, das Gesicht der zivilen Luftfahrt in Israel werde sich „ab heute“ verändern.
Ein Papier aus dem eigenen Haus
Zusätzliche Schärfe bekommt die Debatte durch ein internes Dokument, das der Fernsehsender N12 veröffentlichte. Es trägt den Titel „Sicherheitsrichtlinie 2026: Sicherheitsmaßnahmen für ausländische Passagierflüge in den israelischen Luftraum“ und wurde am 1. Oktober an die Sicherheitschefs ausländischer Fluggesellschaften verschickt, also nur einen Tag nach dem Angriff im Cockpit. Unterzeichnet hat es Avri Cohen, der im Verkehrsministerium die Abteilung für Notfälle, Sicherheit, Information und Cyber leitet.
Entscheidend ist die rechtliche Grundlage, auf die sich das Papier selbst beruft. Darin heißt es ausdrücklich, die Sicherheitsabteilung des Verkehrsministeriums sei für die Sicherheit der nach Israel einfliegenden Flüge verantwortlich, gestützt auf das Gesetz über die Sicherheit in der Zivilluftfahrt von 1977. Das Gesetz gibt dem Ministerium die Befugnis, Fluggesellschaften strenge Sicherheitsauflagen zu machen. Zugleich verpflichtet die Richtlinie das Ministerium, die Bedrohungslage regelmäßig neu zu bewerten und Kontrollen an den betreffenden Abflughäfen durchzuführen.
Der wichtigste Abschnitt betrifft genau den Punkt, an dem der Anschlag möglich wurde. Die Fluggesellschaften müssen sicherstellen, dass kein Mitglied der Besatzung die Staatsangehörigkeit eines Landes ohne diplomatische Beziehungen zu Israel besitzt, auch nicht als zweite Staatsangehörigkeit. Die Crewlisten sind mit einer Liste der betroffenen Nationalitäten abzugleichen.
Damit gerät die Darstellung des Ministeriums ins Wanken. Verkehrsministerin Miri Regev hatte in den vergangenen Tagen betont, ihr Haus sei kein Geheimdienst und für die Überprüfung der Crews nicht zuständig. Nach Darstellung von N12 belegt das eigene Dokument des Ministeriums nun, dass die Zuständigkeit sehr wohl dort lag. Der Sender wirft dem Ministerium vor, die vorgeschriebenen Kontrollen an den Abflughäfen über Jahre nicht durchgeführt, keinen Abgleich der Crewlisten verlangt und die Überprüfung der Piloten den ausländischen Airlines überlassen zu haben.
Liste geprüft, aber nur auf Vorstrafen
Auch an anderer Stelle zeigen sich Lücken. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur JNS bestätigte die israelische Steuerbehörde, über deren Datenzentrum die Passagier- und Crewlisten laufen, dass sie die Liste der Besatzungsmitglieder erhalten hatte. Geprüft wurden die Namen jedoch lediglich auf strafrechtliche Einträge. Ob jemand aus einem Land ohne Beziehungen zu Israel stammte, war offenbar kein Prüfkriterium.
Regev kündigt neue Regeln an
Inzwischen reagiert das Ministerium. Regev verlangt, „unverzüglich“ Schritte einzuleiten, damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt. Geplant ist unter anderem ein einmaliges Luftfahrtvisum für alle Passagiere und Besatzungsmitglieder, die mit ausländischen, israelischen oder Charterflügen ins Land kommen. Fluggesellschaften sollen ihre Passagier- und Crewlisten künftig 48 Stunden vor dem Abflug zur Sicherheitsfreigabe übermitteln. Zudem soll eine Liste besonders gefährdeter Abflugorte mit verschärften Kontrollen entstehen. Die Bevölkerungs- und Einwanderungsbehörde soll Listen von Reisenden mit Pässen aus Staaten ohne diplomatische Beziehungen an die Sicherheitsabteilung des Ministeriums weitergeben. Die neuen Regeln sollen ab Sonntag gelten, sofern die Untersuchungen der Sicherheitsbehörden bis dahin abgeschlossen sind. Flüge von Flydubai nach Israel bleiben bis auf Weiteres ausgesetzt.
Einzeltäter, aber kein Einzelfall
Zum Täter selbst gibt es unterdessen eine vorläufige Einschätzung. Israelische Sicherheitskreise gehen nach Berichten davon aus, dass der omanische Kopilot Hamam al-Hammami allein handelte und andere Besatzungsmitglieder von Flydubai nicht beteiligt waren. Agenten des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet nehmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten an seinen Verhören teil.
Beruhigend ist das nur bedingt. Denn die Zahlen aus dem Ausschuss zeigen, dass al-Hammami kein Einzelfall war, sondern einer von mehr als tausend Crewmitgliedern, die nach der Richtlinie des Ministeriums nicht im Cockpit oder in der Kabine eines Fluges nach Israel hätten sitzen dürfen.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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