Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Ein Land zwischen offenen Wunden und der Frage nach dem Morgen

Platz der Geiseln, Kiryat Shmona 7. Oktober 2026 Gedenken

Platz der Geiseln 2025 - die Geiseln kommen frei. Foto 2: Kiryat Shmona 2024: Krieg mit der Hisbollah

Um 6.29 Uhr hielt Israel am Mittwochmorgen inne. Genau in der Minute, in der vor drei Jahren der Raketenhagel aus dem Gazastreifen begann, blockierten Demonstranten in Tel Aviv die Ayalon-Autobahn in beide Richtungen und entrollten Transparente mit der Aufschrift „Das Volk wird seiner Söhne und Töchter gedenken“. Im Kibbutz Kfar Aza wurde zur selben Zeit die Flagge auf halbmast gesenkt. Drei Jahre nach dem schwersten Massaker an Juden seit der Schoa ist der Tag keine abgeschlossene Geschichte. Die Fronten sind nicht ruhig, die Verantwortung ist ungeklärt, und viele Menschen tragen die Last bis heute mit sich. Über allem steht die Frage: Wie geht es weiter?

Ein Gedenken, zwei Feiern

Schon die Form des Erinnerns zeigt, wie gespalten das Land ist. Die staatlichen Gedenkfeiern fanden nach dem hebräischen Kalender bereits am Montag auf dem Herzlberg in Jerusalem statt. Am Mittwochabend folgt im Tel Aviver Yarkon-Park eine eigene nationale Gedenkfeier, die von den Familien der Opfer organisiert wird und getrennt von den Veranstaltungen der Regierung stattfindet. Staatspräsident Isaac Herzog will im Laufe des Tages Überlebende in Netiv HaAsara treffen und am Abend an einer musikalischen Gedenkfeier auf dem Gelände des Nova-Festivals bei Re’im teilnehmen. Bei der zentralen Veranstaltung an der Südmauer neben der Klagemauer sollen am späten Nachmittag die früheren Geiseln Agam Berger, Sagui Dekel-Chen, Bar Kupershtein und Evyatar David sprechen.

Wie tief die Wunden sind, zeigen die Zahlen. Seit Kriegsbeginn sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums 1.318 Soldaten und Angehörige der Sicherheitskräfte gefallen, die Nationale Versicherung zählt 1.029 Zivilisten, die durch Terror ums Leben kamen.

Die Fronten: militärisch stark, politisch offen

Militärisch hat Israel seine Feinde schwer getroffen. Alle Geiseln, die Lebenden wie die Toten, sind zurück in Israel, die Führungsriegen von Hamas und Hisbollah sind dezimiert. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sagte bei der Gedenkfeier auf dem Herzlberg, der 7. Oktober habe sich „in uns eingebrannt“, Israel sei heute aber „stärker denn je“. Im Gazastreifen werde es „keinerlei Herrschaft der Hamas“ geben.

Die Wirklichkeit ist komplizierter. Seit Oktober 2025 gilt im Gazastreifen eine Waffenruhe. Die israelische Armee (IDF) kontrolliert nach Angaben von Ynet rund 64 Prozent des Gebiets und unterhält dort etwa 30 Stützpunkte. Im übrigen Teil regiert die Hamas jedoch weiter. Sie verfügt nach Einschätzung von Sicherheitskreisen noch immer über Zehntausende Kämpfer, wenn auch viele unerfahren, und finanziert sich unter anderem über Abgaben auf Waren und Hilfsgüter. Ein ranghoher Sicherheitsvertreter brachte das Dilemma auf den Punkt: „Für die Hamas bedeutet die Abgabe ihrer Waffen, nicht mehr zu existieren.“ Zugleich hängt nach Einschätzung derselben Kreise alles an dieser Entwaffnung.

Im Norden griff die Hisbollah im März erneut in den Krieg ein. Seit dem Frühjahr gelten mehrfach verlängerte Waffenruhen, die israelische Armee hält eine Sicherheitszone im Südlibanon. Mit dem Iran, gegen den Israel und die USA seit Ende Februar Krieg geführt haben, besteht eine brüchige Waffenruhe ohne endgültiges Abkommen. Wie weit der Arm Teherans weiterhin reicht, zeigte zuletzt der mutmaßliche Anschlagsplan gegen einen US-Luftwaffenstützpunkt in England.

Die Verantwortung: weiter ungeklärt

Am schwersten wiegt für viele Israelis die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Eine staatliche Untersuchungskommission, wie sie Israel nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 einsetzte, gibt es bis heute nicht. Netanyahu lehnt sie ab, weil er eine Kommission, deren Mitglieder der Präsident des Obersten Gerichts bestimmt, für voreingenommen hält. Er will stattdessen eine Untersuchung, deren Rahmen die Politik festlegt. In einer 55-seitigen Stellungnahme an den Staatskontrolleur wies er im Februar die Verantwortung vor allem dem Sicherheitsapparat sowie dem Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 und aus dem Gazastreifen 2005 zu. Ein persönliches Schuldeingeständnis enthielt das Papier nicht.

Das Oberste Gericht hat die Entscheidung über eine staatliche Kommission inzwischen bis nach der Wahl am 27. Oktober vertagt und der Regierung eine Frist zur Stellungnahme bis zum 15. Januar 2027 gesetzt. Die Opposition hat angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs eine staatliche Kommission einzusetzen.

Andere haben sich klarer geäußert. Generalstabschef Eyal Zamir sagte auf dem Herzlberg, die Erfolge der Armee „löschen das Versagen des 7. Oktober nicht aus und mindern nicht unsere Verantwortung dafür“. Präsident Herzog forderte, „entschlossen, mutig und ohne Voreingenommenheit“ zu untersuchen. Oppositionsführer Yair Lapid blieb der staatlichen Feier fern, weil er nicht mit Regierungsvertretern auf einer Bühne stehen wollte, die sich nach seinen Worten weigern, Verantwortung zu übernehmen. Während Netanyahus Rede rief ein trauernder Vater: „Du hast meinen Sohn am 7. Oktober nicht beschützt.“

Die unsichtbaren Wunden

Neben den Gräbern gibt es Verletzungen, die man nicht sieht. Die Organisation ERAN, die rund um die Uhr seelische Erste Hilfe am Telefon und online leistet, hat in den drei Kriegsjahren 928.911 Hilferufe entgegengenommen, davon mehr als 154.000 über Chat, WhatsApp, SMS und E-Mail. Rund 160.000 kamen von Soldaten und Reservisten, bei ihnen ging es am häufigsten um Einsamkeit. Etwa ein Viertel der Hilfesuchenden war jünger als 24 Jahre. Auch insgesamt ist Einsamkeit zum beherrschenden Thema geworden: Ihr Anteil an allen Gesprächen stieg von 28 Prozent im ersten auf 41 Prozent im dritten Kriegsjahr.

„Hinter jedem Anruf steht ein Mensch, der mit Schmerz, Verlust, Angst, Einsamkeit oder Erschöpfung ringt, und oft mit allem zugleich“, sagte ERAN-Geschäftsführer David Koren. Die landesweite fachliche Leiterin Dr. Shiri Daniels spricht von einer „Scheinnormalität“: Menschen arbeiten und erziehen ihre Kinder, aber das bedeute nicht, dass es ihnen gut gehe. Eine Umfrage der Traumahilfsorganisation NATAL kommt zu einem ähnlichen Befund: Angst und posttraumatische Belastung betreffen seit drei Jahren gleichbleibend etwa ein Viertel der Israelis.

Zeichen des Neuanfangs

Und doch ist der dritte Jahrestag nicht nur ein Tag der offenen Fragen. Im Grenzgebiet zum Gazastreifen, das nach dem Massaker weitgehend geräumt war, sind nach Angaben der staatlichen Wiederaufbaubehörde Tkuma mehr als 90 Prozent der Bewohner zurückgekehrt. Die Bevölkerung der Region liegt heute sogar rund zehn Prozent über dem Stand vor dem 7. Oktober. In Kfar Aza sollte die Rückkehr Ende September beginnen, in Be’eri soll sie Ende Dezember anlaufen, die Bewohner von Nir Oz sollen 2027 folgen. Bis 2033 soll sich die Einwohnerzahl der Region verdoppeln. Der Entschädigungsfonds der Steuerbehörde hat seit Kriegsbeginn rund 38,6 Milliarden Schekel für direkte und indirekte Kriegsschäden ausgezahlt.

Wie geht es weiter?

Die Antwort hängt in den kommenden Monaten an wenigen Weichenstellungen. Die Wahl am 27. Oktober entscheidet darüber, wer die Untersuchung des Versagens verantwortet und welchen Kurs Israel im Gazastreifen einschlägt. Ob die Hamas entwaffnet wird, ob die Waffenruhen im Norden und mit dem Iran halten und ob es gelingt, die tiefen Gräben in der Gesellschaft zu überbrücken, ist offen. Präsident Herzog mahnte am Montag, man dürfe die Warnlichter der inneren Spaltung nicht übersehen. „Wer heute anderer Meinung ist als du, wird morgen weiter neben dir hier leben.“

Gewiss ist nur, dass der 7. Oktober Israel noch lange begleiten wird. Die Rückkehr der Familien in die Kibbutzim am Gazastreifen zeigt aber auch, dass dieses Volk nach dem dunkelsten Tag seiner jüngeren Geschichte nicht aufgegeben hat.

Wer in Israel seelische Unterstützung braucht, erreicht ERAN rund um die Uhr unter der Nummer 1201.

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