Der Norden lebt wieder: Besucher kehren nach Galiläa zurück
Nordisrael im Frühling, Golan-Wasserfall bei Banias
Noch vor zwei Jahren waren weite Teile Nordisraels nahezu leer. Kiryat Shmona war evakuiert, viele Kibbuzim verlassen, Gästehäuser geschlossen. Heute sieht das Bild anders aus: Familien wandern wieder, Museen öffnen ihre Türen, und in den Kibbuzim kehrt der Alltag zurück. Gerade während Sukkot zeigt sich, wie sehr sich der Norden verändert hat.
Zwischen dem Kibbuz Dan und HaGoshrim liegen am Straßenrand noch immer große Betonblöcke. Sie erinnern an eine Zeit, in der hier niemand wusste, wie sich die Lage an der Grenze zum Libanon entwickeln würde. Solche Befestigungen gehörten während des Kriegs vielerorts zum Landschaftsbild. Heute klettern Kinder darauf herum. Es ist nur ein kleines Bild, aber es beschreibt ziemlich gut, was gerade im Oberen Galiläa geschieht: Die Spuren der vergangenen Jahre sind noch da, und zugleich kehren Menschen zurück, die nicht hier wohnen, sondern einfach wieder einen Tag im Norden verbringen wollen.
Von der Evakuierungszone zurück zum Ausflugsziel
Im Jahr 2024 glich ein großer Teil der Region zeitweise einer verlassenen Landschaft. Kiryat Shmona war evakuiert, auch die Bewohner zahlreicher Kibbuzim entlang der Grenze lebten monatelang in Hotels oder Übergangsunterkünften weit weg von ihren Häusern. Tourismus fand praktisch nicht statt. Gästezimmer standen leer, Restaurants verloren ihre Kundschaft, Wanderwege und Sehenswürdigkeiten waren teils gesperrt oder kaum erreichbar. Selbst in diesem Frühjahr, als die Hisbollah im Zuge des Iran-Kriegs erneut auf Israel feuerte, war bis zur Waffenruhe im Juni an unbeschwerte Ausflüge kaum zu denken.
Heute fahren wieder Familien durch das Hula-Tal, besuchen die Quellen des Jordan, machen Ausflüge nach Tel Dan oder halten in den Orten des Oberen Galiläa. Auch während der Sukkot-Tage waren zahlreiche historische Orte und Museen geöffnet. Unter dem Motto „Zurück in den Norden, zurück zum Erbe“ lud der Rat für den Erhalt von Kulturerbestätten in Israel gezielt Besucher in die Region ein.
Geschichte öffnet wieder ihre Türen
Dazu gehören Orte wie Tel Hai, Kfar Giladi, Hanita, Rosh Pina oder das Ussishkin-Haus im Kibbuz Dan. Im historischen Hof von Tel Hai wurden während der Feiertage wieder Führungen für Familien angeboten, bei denen Besucher mehr über die frühen jüdischen Siedler im Norden und die Geschichte von Joseph Trumpeldor erfuhren. Auch in Akko, Kfar Masaryk und weiteren Orten gab es besondere Ferienprogramme.
Die Idee dahinter ist nicht nur kulturell, denn Besucher bedeuten Einkommen. Wer ein Museum besucht, trinkt danach vielleicht einen Kaffee. Wer wandern geht, kauft in einem kleinen Laden ein. Andere bleiben eine Nacht in einem Gästezimmer oder essen in einem Restaurant. Gerade für kleine Betriebe kann die Rückkehr der Besucher deshalb wichtiger sein als große staatliche Programme.
Noch ist nicht alles wie früher
Trotzdem wäre es falsch, von vollständiger Normalität zu sprechen. Viele Betriebe kämpfen weiter mit den wirtschaftlichen Folgen der langen Evakuierung, einige Hotels und Gästehäuser haben das Vorkriegsniveau noch nicht wieder erreicht. Auch Kiryat Shmona steht vor großen Herausforderungen: Ein Teil der Bevölkerung ist zurückgekehrt, andere Familien haben sich während der langen Evakuierung anderswo ein neues Leben aufgebaut und sind bislang nicht zurückgezogen. Das gilt auch für kleinere Orte entlang der Grenze. Der Wiederaufbau des Nordens besteht deshalb nicht nur aus reparierten Häusern und geöffneten Straßen, sondern auch darin, Arbeitsplätze, Schulen, Tourismus und gesellschaftliches Leben wieder attraktiv zu machen.
Wandern gehört wieder dazu
Dass sich etwas verändert hat, zeigt sich auch auf den Wanderwegen. Während der Feiertage wurden im Nahal Kziv im westlichen Galiläa wieder Shuttlebusse eingesetzt, die Wanderer zu verschiedenen Ausgangspunkten brachten, auch Naturreservate und Nationalparks im Norden meldeten wieder Ferienprogramme und Besucher. Es sind scheinbar selbstverständliche Dinge, die vor nicht allzu langer Zeit kaum möglich waren. Eine Familie, die morgens beschließt, zum Wandern nach Galiläa zu fahren, denkt darüber vielleicht nicht nach. Für einen Hotelbesitzer, einen Restaurantbetreiber oder einen kleinen Laden in der Region kann genau diese Familie aber Teil eines wirtschaftlichen Neuanfangs sein.
Ein Norden, der wieder besucht werden will
Zu Sukkot gehört das Reisen innerhalb Israels traditionell dazu: Familien fahren in die Natur, besuchen Nationalparks oder verbringen ein paar Tage in einem Gästehaus. Dass Nordisrael dabei wieder stärker auf der Landkarte steht, ist deshalb mehr als eine touristische Randnotiz. Es ist ein Zeichen dafür, dass sich der Alltag langsam zurückerobert, was in den vergangenen Jahren verloren ging.
Die alten Betonblöcke zwischen den Kibbuzim stehen weiterhin im Feld. Vielleicht werden sie irgendwann entfernt, bis dahin erinnern sie daran, wie schnell sich das Leben hier verändert hat. Und wenn heute Kinder darauf klettern, während wenige Kilometer weiter Gäste in einem Café sitzen oder Familien durch einen Nationalpark wandern, dann ist das vielleicht die unspektakulärste Form von Wiederaufbau. Nicht alles ist wieder wie früher. Aber der Norden füllt sich wieder mit Leben.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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