Wasserwerke und Wahlkampf: Warum der Iran offenbar auf Zeit spielt

Der Iran erwägt einem Bericht der New York Times zufolge eine deutliche Eskalation seines Kriegs gegen die USA, gestützt auf ein gewachsenes Selbstvertrauen in die eigenen militärischen Fähigkeiten. Die Zeitung beruft sich auf aktuelle amerikanische Geheimdienstberichte, wonach Teheran im Verlauf des Kriegs ein deutlich besseres Verständnis seiner militärischen Stärken gewonnen habe, was die Bereitschaft der iranischen Führung schwächt, sich auf eine echte Beendigung des Kriegs einzulassen.

In den vergangenen Wochen hatte der Iran seine Angriffe auf amerikanische Ziele im Nahen Osten wieder aufgenommen, während die USA ihrerseits erneut Ziele im Iran selbst angriffen, wie mehrfach berichtet. Amerikanische Vertreter befürchten laut der New York Times nun eine weitere Zuspitzung an zwei Fronten zugleich: im Nahen Osten selbst, mit mehr Angriffen auf Schiffe in der Straße von Hormus und auf amerikanische Infrastruktur in der Region, sowie im Cyberraum, mit Angriffen auf zentrale amerikanische Versorgungssysteme im Inland.

Angriffe auf mehr als hundert Wassersysteme

Nach Einschätzung amerikanischer Vertreter stecken mit dem Iran verbundene Hacker hinter Cyberangriffen auf mehr als hundert Wassersysteme in den gesamten USA im Juli. Kein System sei so stark beeinträchtigt worden, dass Trinkwasser unsicher geworden wäre, die Angriffe hätten aber Störungen verursacht, die manuelle Noteingriffe und vorsorgliche Aufkochempfehlungen nötig machten. Nach Angaben von NBC News, die sich auf mehrere mit den Ermittlungen vertraute Personen beruft, richteten sich die iranischen Angriffe der vergangenen Wochen nicht nur gegen Wassersysteme, sondern auch gegen Telekommunikations-, Energie- und weitere Infrastruktur. Nach FBI-Angaben waren mindestens sieben, nach anderen Berichten bis zu zwölf US-Bundesstaaten betroffen, in einem besonders schweren Fall in Georgia schalteten die Angreifer eine Pumpstation ab, was den Wasserdruck einbrechen ließ.

Auch amerikanische Öl- und Gasinfrastruktur könnte laut aktuellen wie ehemaligen US-Vertretern auf der Zielliste der Hacker stehen, wenn auch besser geschützt, ob solche Energiesysteme bereits kompromittiert wurden, blieb laut der Zeitung unklar. Bemerkenswert ist eine öffentliche Diskrepanz: Während US-Sicherheitsbehörden die Angriffe dem Iran zuschreiben, hatte Präsident Trump zuvor öffentlich erklärt, er glaube nicht, dass es sich um einen iranischen Cyberangriff gehandelt habe.

Nicht nur Schaden, auch Zermürbung

Ehemalige Geheimdienstvertreter und Sicherheitsexperten sehen in den Attacken auch ein psychologisches Kalkül. Sie sollen nicht nur unmittelbaren Schaden anrichten, sondern die Kriegsmüdigkeit in der amerikanischen Öffentlichkeit verstärken. „Selbst wenn solche Angriffe die amerikanische Öffentlichkeit nicht spürbar verunsichern, können sie dennoch dazu beitragen, die innenpolitische Geduld mit dem Umgang dieser Regierung mit dem Konflikt zu erschöpfen“, sagte Alex Orleans, ein ehemaliger amerikanischer Cybersicherheitsberater, der auf die Beobachtung iranischer Hackergruppen spezialisiert ist, der New York Times.

Dem Bericht zufolge hat der Iran zudem ein präziseres Verständnis seines Druckmittels an der Straße von Hormus gewonnen und geht davon aus, dass die amerikanischen Streitkräfte wegen schrumpfender Munitionsbestände keine größeren neuen Angriffswellen durchhalten könnten, eine Einschätzung, die sich mit den bereits berichteten internen Warnungen amerikanischer Militärs deckt.

Warten bis zu den Zwischenwahlen

Weil der Krieg in den USA unpopulär ist, auch wegen hoher Benzinpreise, könnte die iranische Führung darauf setzen, den Konflikt zumindest bis zu den amerikanischen Zwischenwahlen hinzuziehen. „Die Iraner glauben, sie hätten maximalen Verhandlungsspielraum. Warum also aus ihrer Sicht nicht weiter am Präsidenten herumstacheln“, zitierte die Zeitung den demokratischen Abgeordneten Josh Gottheimer aus New Jersey.

Es gebe zudem Anzeichen für iranische Propaganda gegen Trump: Meta veröffentlichte einen Bericht über ein Netzwerk von Facebook- und Instagram-Konten iranischen Ursprungs, die sich mit amerikanischer Innenpolitik befassen, darunter mit ausdrücklich „republikfeindlichen“ Positionen. Nach Angaben des auf Bedrohungsanalysen spezialisierten Unternehmens Alethea veröffentlichten iranische Medien in den vergangenen zwei Wochen zudem mehr als 1.200 persischsprachige Artikel über Trump und die Zwischenwahlen.

Die US-Regierung setzt bislang vor allem auf Wirtschaftssanktionen. Ein Mitglied des Geheimdienstausschusses erwartet jedoch, dass der Iran diese aussitzen werde: „Weil sich die iranische Regierung wenig um das Leid ihrer eigenen Bevölkerung schert, konnte sie sowohl harte Wirtschaftssanktionen als auch militärische Bombardierungen bislang aushalten.“

Quellen

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