Wenn das Schofar ertönt: Was Rosch Haschana bedeutet und wie Israel es feiert

RoshSha Shana jüdisch israel Granatapfel und Honig

Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest, beginnt in diesem Jahr am Abend des 11. September und dauert, wie an jedem Ort begangen, zwei volle Tage bis zum Einbruch der Dunkelheit am 13. September. Mit ihm startet das Jahr 5787 nach jüdischer Zeitrechnung, und zugleich die intensivste und stillste Phase des israelischen Kalenderjahres: die „Hohen Feiertage“, die sich über gut drei Wochen bis Sukkot und Simchat Tora hinziehen.

Der Name Rosch Haschana bedeutet wörtlich „Kopf des Jahres“. Anders als ein westliches Silvesterfest ist es kein reines Freudenfest, sondern der Auftakt zu den „Jamim Noraim“, den „ehrfurchtsvollen Tagen“: zehn Tagen der Umkehr und Selbstprüfung, die zehn Tage später in Jom Kippur, dem Versöhnungstag, gipfeln. Der jüdischen Tradition nach ist Rosch Haschana zugleich der Jahrestag der Erschaffung der Welt und ein Tag des Gerichts, an dem über das Schicksal des kommenden Jahres entschieden wird, weshalb Gläubige einander wünschen, „gut eingeschrieben und besiegelt“ zu werden, „Ketiva VeChatima Tova“. Anders als viele andere jüdische Feste erinnert Rosch Haschana nicht an ein konkretes historisches Ereignis wie einen Auszug oder eine Errettung, sondern hat einen universelleren, gleichsam kosmischen Charakter, was ihm unter den jüdischen Feiertagen eine besondere Stellung verleiht.

Der Klang des Widderhorns

Zentrales Element des Festes ist das Blasen des Schofars, eines Widderhorns. An beiden Tagen des Feiertags ertönt es traditionell hundertmal während des Gottesdienstes, es sei denn, der erste Tag fällt auf einen Schabbat, dann wird es erst am zweiten Tag geblasen. Der Brauch wird auf mehrere Bedeutungsebenen zurückgeführt: Wie bei der Krönung eines Königs soll der Klang Gott als Herrscher über die Welt „krönen“, zugleich gilt er als Weckruf, der die Seele zur Umkehr aufrufen soll. Schon im gesamten vorangehenden Monat Elul wird täglich das Schofar geblasen, um auf den nahenden Tag des Gerichts vorzubereiten.

Ungewöhnlich ist, dass Rosch Haschana als einziger jüdischer Feiertag auch in Israel selbst zwei volle Tage dauert, alle anderen Feste werden dort nur an einem Tag begangen, in der Diaspora dagegen oft an zweien. Das öffentliche Leben kommt für diese zwei Tage weitgehend zum Erliegen: Geschäfte, Büros und der öffentliche Nahverkehr stehen still, Straßen leeren sich, während sich Familien zu ausgedehnten Festmahlen versammeln und Synagogen sich mit Gottesdienstbesuchern füllen, die sonst über das Jahr seltener kommen.

Süß ins neue Jahr

Auf dem Festtisch dominieren symbolische Speisen. Am bekanntesten ist der in Honig getauchte Apfel, mit dem der Wunsch nach einem süßen Jahr verbunden wird, dazu gehört das runde Challa-Brot, oft mit Rosinen gebacken, dessen Form für die Kontinuität des Jahreskreises steht. Besonders in Israel gehört der Granatapfel fest zum Fest, seine vielen Kerne stehen sinnbildlich für die Vermehrung guter Taten. Viele Familien folgen zudem der Tradition der „Simanim“, einer Abfolge kleiner Symbolspeisen mit Wortspielen auf ihre hebräischen oder aramäischen Namen, etwa Datteln, Lauch, Rote Bete oder Kürbis, zu denen jeweils ein kurzer Segensspruch für das neue Jahr gesprochen wird. Bittere oder saure Speisen werden an diesem Tag bewusst gemieden. Besonders in sephardischen und misrachischen Familien, die einen großen Teil der israelischen Gesellschaft ausmachen, wird zu jeder dieser Symbolspeisen ein eigener kurzer Segensspruch, ein „Jehi Ratzon“, gesprochen, ein kleines häusliches Ritual, das dem Fest zusätzlich zum Synagogenbesuch eine familiäre, fast intime Note verleiht.

Am Nachmittag des ersten Feiertags findet vielerorts das „Taschlich“ statt, ein Brauch, bei dem Gläubige zu einem fließenden Gewässer gehen, Gebete sprechen und symbolisch Brotkrumen oder Kieselsteine ins Wasser werfen, ein Bild dafür, die eigenen Verfehlungen des vergangenen Jahres „abzuwerfen“. In einem Land mit fast 200 Kilometern Mittelmeerküste ist das für viele israelische Familien zugleich ein beliebter, halb feierlicher, halb geselliger Ausflug an Strand oder Fluss. Die gängigen Grußformeln dieser Tage sind „Schana Tova“, „gutes Jahr“, oder ausführlicher „Schana Tova U’Metuka“, „ein gutes und süßes Jahr“.

In der Synagoge selbst greifen Gläubige an diesen Tagen zu einem besonderen Gebetbuch, dem Machsor, das ausschließlich für die Hohen Feiertage verwendet wird und eigene, oft jahrhundertealte liturgische Gedichte enthält. Doch Rosch Haschana ist in Israel längst nicht nur ein religiöses Fest: Auch viele säkulare Familien, die das Jahr über selten eine Synagoge betreten, kommen an diesem Abend zusammen, essen den obligatorischen Apfel in Honig und stoßen auf ein gutes neues Jahr an, ein Beispiel dafür, wie eng religiöse und nationale Identität im israelischen Alltag oft verwoben sind.

Ein besonderer Auftakt in diesem Jahr

Praktisch bedeutet Rosch Haschana für Israel auch den Beginn der verkehrsreichsten Wochen des Jahres: Wie berichtet, werden allein am Flughafen Ben Gurion im September Millionen Reisende erwartet, viele Israelis nutzen die freien Tage für Besuche bei Familie im Ausland oder für Kurzreisen im eigenen Land. Für dieses Jahr kommt zu den gewohnten Vorbereitungen ein zusätzlicher Unterton hinzu: Nach Monaten erhöhter Sicherheitslage im Land, wie zuletzt bei den Warnungen von Verteidigungsminister Katz vor möglichen Angriffen während der Feiertage, fällt der jährliche Moment der Einkehr und des Innehaltens heuer in eine besonders wachsame Zeit. Für viele israelische Familien dürfte gerade das dem alten Wunsch nach einem „guten und friedlichen Jahr“ in diesem Herbst noch einmal mehr Gewicht verleihen.

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