Wer eine Startbahn saniert, plant keinen Museumsbetrieb

Ein Kommentar

Es ist noch keinen Monat her, dass Syriens Präsident Ahmad al-Sharaa ein Sicherheitsabkommen mit Israel in Aussicht stellte, das „den Weg zu einem umfassenden Frieden ebnen“ solle. Keine zwei Wochen ist es her, dass von einer amerikanisch-syrisch-israelischen Vereinbarung zur Entfernung nuklearen Materials aus Syrien berichtet wurde.

Dann kehrte Damaskus diese Zusage um. Das Material bleibe unter syrischer Kontrolle, hieß es, zu „friedlichen Zwecken“. Wenige Tage später griff Israel den Militärflugplatz Abu al-Duhur an.

Wer die Chronologie nebeneinanderlegt, sieht ein Muster. Geredet wird von Frieden. Gehandelt wird anders.

Was auf dem Flugplatz geschah

Nach Angaben israelischer Sicherheitsvertreter lagen Erkenntnisse vor, wonach Ankara zunächst Radar auf dem Platz stationieren wollte, später Luftabwehrsysteme und eine türkische Kommandoeinheit zu deren Bedienung.

Aus israelischer Sicht stünde damit weit mehr auf dem Spiel als ein Flugplatz: das regionale Kräfteverhältnis, die Bewegungsfreiheit der Luftwaffe, und die Anflugmöglichkeit für einen künftigen Schlag gegen den Iran.

Israels Botschafter in Washington, Yechiel Leiter, sagte: „Wir suchen keine Eskalation mit der Türkei oder mit Syrien, aber eine rote Linie wurde überschritten.“ Und ein Sicherheitsvertreter schilderte, was vorausging: „Der Mossad-Chef hat den syrischen Außenminister praktisch angefleht, den Türken das nicht zu erlauben. Die Syrer haben die Botschaft nicht verinnerlicht.“

Das Dementi, das mehr verrät als beabsichtigt

Beide Seiten widersprechen, und dabei unterläuft ihnen etwas.

Die Türkei nennt die Vorwürfe „unhaltbar“. Syriens Außenminister erklärt dagegen, es sei weder ein türkischer Stützpunkt noch eine dauerhafte türkische Präsenz geplant gewesen. Die Bauarbeiten hätten dazu gedient, der syrischen Luftwaffe die Wiederaufnahme des Betriebs zu ermöglichen.

Genau das ist der Punkt. Damaskus räumt damit ein, was zuvor niemand offen ausgesprochen hatte: Der seit Jahren stillgelegte Flugplatz sollte wieder in Betrieb gehen. Satellitenaufnahmen zeigen vier Monate Bauarbeiten an Start- und Rollbahnen. Wer eine Piste über Monate saniert, plant keinen Museumsbetrieb.

Ob dort am Ende türkische oder syrische Maschinen stehen sollten, ist für Israel eine Frage von nachgeordneter Bedeutung. Die syrische Luftwaffe wurde nach Assads Sturz zerstört, und sie wird nicht aus eigener Kraft wiederauferstehen. Wer sie aufbaut, wird Einfluss darauf haben, wohin sie fliegt.

Der amerikanische Einwand, und was ich davon halte

Nun steht dem eine unbequeme Tatsache gegenüber, und wir haben sie an dieser Stelle selbst berichtet: Tom Barrack, amerikanischer Botschafter in Ankara und Trumps Sondergesandter für Syrien, erklärte, Washington habe die israelischen Erkenntnisse geprüft und sei zu einem anderen Ergebnis gekommen. „Die Antwort, die wir bekamen, lautet: Nein, das findet nicht statt.“

Man muss diesen Einwand ernst nehmen. Es ist ein verbündeter Dienst mit eigenen Quellen.

Nur muss man auch wissen, wer ihn vorträgt. Derselbe Barrack erklärte in derselben Woche, Israel „besetze“ die Golanhöhen entgegen den UN-Resolutionen. Damit widersprach er der Entscheidung seines eigenen Präsidenten, der 2019 die israelische Souveränität anerkannte. In den Vereinigten Staaten folgten Rücktrittsforderungen.

Derselbe Barrack stellte die Theorie in den Raum, Israel habe die Türkei bewusst provozieren wollen, weil das vor der Wahl gut ankomme. Das ist keine nachrichtendienstliche Bewertung. Das ist eine politische Unterstellung, vorgetragen von einem Diplomaten, der in Jerusalem seit Monaten als Erdogan-nah gilt.

Ein israelischer Vertreter formulierte es so: „Barrack wird als jemand gesehen, der in den Vereinigten Staaten die Interessen Erdogans und des syrischen Regimes befördert. Er ist für israelische Sorgen nicht empfänglich.“

Wer die Golan-Äußerung, die Provokationsthese und die Geheimdienstbewertung nebeneinanderlegt, erkennt keine drei unabhängigen Befunde, sondern eine Haltung. Und deshalb wiegt für mich in dieser Frage die israelische Einschätzung schwerer als die amerikanische.

„Er hat nur geredet“

Am nüchternsten hat es diese Woche jemand formuliert, der die syrische Seite aus eigener Anschauung kennt. Oberstleutnant der Reserve Eyal Dror leitete während des Bürgerkriegs die humanitäre Direktion „Guter Nachbar“ der IDF, die verwundete Syrer behandelte.

„Al-Sharaa spielt das Spiel, aber gleichzeitig verschärft er seine Rhetorik. Wir wissen, dass arabische Herrscher, die etwas verhindern wollen, es auch zu verhindern wissen.“ Er verweist auf Vorfälle bei einem Abschlusslehrgang syrischer Luftwaffenoffiziere und auf Sprechchöre gegen Juden.

Sein Fazit: „Dass er den Medien sagt, er wolle keine Eskalation, ist Unsinn. Ich würde gern Gesten am Boden sehen, und bisher hat er nichts getan. Er hat nur geredet.“

Am Samstag griff die IDF erneut an, ein Fahrzeug in Beit Jinn bei Damaskus, einem Dorf mit Terrorinfrastruktur und Hamas-nahen Kräften. Nach Armeeangaben stand ein Anschlag kurz vor der Ausführung.

Und auf dem Wasser

Die Sache endet nicht an Land. Israelische Sicherheitskreise beobachten türkische Kriegsschiffe in Gebieten des östlichen Mittelmeers, in denen sie zuvor nicht auftraten, teils in der Nähe israelischer Einheiten. Zusammenstöße gab es nicht, wohl aber Machtdemonstrationen: schnelle Vorbeifahrten in geringem Abstand, gelegentlich das minutenlange Umkreisen eines Schiffes.

Ein Sicherheitsvertreter beschrieb den Unterschied so: „Es macht einen großen Unterschied, ob man einem deutschen Marineschiff begegnet oder einem türkischen. Die Alarmstufe ist eine andere.“

Die Türkei gilt in Israel offiziell als Rivale, nicht als Feindstaat. Man sollte hinzufügen: bislang.

Unterdessen beantragte Ankara bei Interpol eine internationale Fahndungsnotiz gegen Netanyahu. Ein NATO-Mitglied lässt einen befreundeten Regierungschef zur Fahndung ausschreiben, während es in einem Nachbarland Flugplätze saniert. Wer angesichts dessen von israelischer Eskalation spricht, hat die Reihenfolge der Ereignisse nicht verstanden.

Benjamin Funk, Israel

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