Unter Verschluss: Israels Umweltministerium warnt intern vor der eigenen Geflügelindustrie
Im Büro des Chefwissenschaftlers von Israels Umweltschutzministerium entstand ein Dokument, das es in sich hat: Es warnt vor Luft- und Wasserverschmutzung, massivem Antibiotikaeinsatz, resistenten Keimen und dem Risiko einer Pandemie, ausgehend von der heimischen Geflügelindustrie. Im Februar vergangenen Jahres war der Bericht fertig. Veröffentlicht wurde er nie. Die Recherchegruppe Shomrim hat ihn jetzt öffentlich gemacht, der Bericht erschien über Ynet.
Der Befund ist unbequem, weil Geflügel als das gesunde, günstige Fleisch gilt. Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild.
Weltmeister im Hühnerkonsum
Israels Geflügelindustrie zählt gemessen an der Bevölkerung zu den größten der Welt. 2023 produzierte sie 675.500 Tonnen Hühnerfleisch. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei gut 52 Kilogramm im Jahr, mehr als doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt und dreimal so viel wie von Israels Gesundheitsministerium empfohlen. Damit ist Israel laut Bericht der größte Pro-Kopf-Konsument von Hühnerfleisch weltweit, vor den USA, Peru und Australien.
Dieser Verbrauch hat einen Preis, und der Bericht rechnet ihn vor.
Der verschwiegene Preis
Die Geflügelindustrie verursacht rund die Hälfte der Ammoniak-Emissionen in Israels Luft. Umweltökonomen beziffern allein die Schäden durch Luftverschmutzung auf etwa 1,7 Milliarden Schekel pro Jahr. Die Kosten trägt nicht die Branche, die von sechs Konzernen beherrscht wird, sondern die Allgemeinheit. Hinzu kommen jährlich rund eine Million Tonnen Hühnermist und 36.000 Tonnen Tierkadaver. Medikamentenreste und Krankheitserreger sickern in Boden und Grundwasser.
Besonders alarmierend ist der Abschnitt zur öffentlichen Gesundheit. Um die Enge und die Krankheiten in den Ställen zu überstehen, erhalten die Tiere große Mengen Antibiotika. Israel steht laut Bericht in Europa an erster Stelle beim Antibiotikaeinsatz für Nutztiere, die Geflügelbranche ist der Hauptverbraucher.
„Unser Land ist mit Hühnerkot bedeckt“
Dr. Gal Zagron, Mitautorin des Berichts und frühere leitende Wissenschaftlerin im Ministerium, benennt die Folgen deutlich. Rund 90 Prozent der verabreichten Antibiotika gelangten in die Umwelt und von dort zurück zum Menschen. In Urinproben von etwa 85 Prozent der Israelis fänden sich Medikamentenrückstände, die die Betroffenen nie selbst eingenommen hätten.
Mehr als 80 Prozent der Geflügelprodukte sind mit Campylobacter oder Salmonellen belastet. Rund eine Million Israelis erkranken jährlich an einer Darminfektion, die auf Keime aus Geflügel zurückgeht. Am stärksten gefährdet sind Säuglinge und Kleinkinder. Zagron warnt vor einer weiteren Gefahr: Die Bedingungen in den Ställen machten diese zum Treibhaus für aggressive Varianten der Vogelgrippe. Mutiere das Virus so, dass es von Mensch zu Mensch springe, drohe eine globale Pandemie mit hoher Sterblichkeit.
Die Antwort des Ministeriums
Das Umweltschutzministerium erklärt, es handele sich um einen Entwurf, der nie zu einem endgültigen Dokument gereift und nie als Position des Ministeriums angenommen worden sei. Bei der Prüfung seien Einwände aufgekommen, unter anderem zu Zuständigkeiten außerhalb des Ministeriums. Deshalb sei das Papier nicht veröffentlicht worden.
Die Tierschutzorganisation Animals, die mit drastischen Stallaufnahmen auf das Thema aufmerksam macht, zieht einen anderen Schluss: Wer diese Wirklichkeit sehe, werde den Konsum von Hühnerfleisch überdenken.
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