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28 Jun 2026
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Wenn Sehnsucht bleibt

Titelbild blog alex funk israel - Sehnsucht. Spaziergang übers feld

von Alexandra

Wie wir mit unerfüllten Wünschen leben lernen – und warum Gott uns gerade dort begegnen kann

Es gibt Wünsche, die kommen und gehen. Und dann gibt es Sehnsüchte, die sich tief im Herzen einnisten. Sie begleiten uns über Jahre hinweg, manchmal sogar ein ganzes Leben.

Eine solche Sehnsucht trage ich selbst in mir.

Seit vielen Jahren wünsche ich mir, Israel zu verlassen und näher bei meinen Verwandten zu leben. Nicht, weil ich dieses Land nicht liebe. Im Gegenteil. Israel ist zu einem Teil meines Lebens geworden. Und doch schlägt mein Herz manchmal schmerzhaft, wenn ich daran denke, wie schön es gewesen wäre, wenn meine Kinder mit ihren Großeltern hätten aufwachsen können. Gemeinsame Sonntage. Geburtstage. Spontane Besuche. Erinnerungen, die sich ganz selbstverständlich ergeben, wenn Familie nah beieinander lebt.

Doch unser Leben verlief anders.

Immer wieder hatte ich den Eindruck, dass Gott uns in Israel haben möchte. Türen schlossen sich, andere öffneten sich. Im Laufe der Jahre durfte ich erleben, wie Gott geführt, versorgt und uns an genau den Platz gestellt hat, an dem wir sein sollten.

Und trotzdem …

Die Sehnsucht ist nicht verschwunden.

Sie meldet sich leise, manchmal auch laut. Wenn ich Bilder meiner Familie sehe. Wenn meine Kinder fragen, warum Oma und Opa so weit weg wohnen. Oder wenn ich selbst einen Moment habe, in dem ich mir wünsche, einfach einmal kurz vorbeifahren zu können.

Früher dachte ich, echter Glaube müsste jede Sehnsucht zum Schweigen bringen. Heute glaube ich etwas anderes.

Man kann Gott vollkommen vertrauen und trotzdem einen Schmerz im Herzen tragen.

Man kann überzeugt sein, dass Gott den richtigen Weg führt, und dennoch um etwas trauern, das man sich so sehr gewünscht hätte.

Vielleicht kennst du das auch.

Vielleicht ist deine Sehnsucht eine andere.

Ein unerfüllter Kinderwunsch. Eine Ehe, die nie zustande kam. Gesundheit, die nicht zurückkehrt. Ein Beruf, den du nie ausüben konntest. Versöhnung, auf die du seit Jahren hoffst. Oder einfach das Gefühl, irgendwo angekommen sein zu wollen.

Unerfüllte Sehnsüchte gehören zu den schwersten Lasten, die wir tragen können. Nicht, weil sie laut sind, sondern weil sie still sind. Sie begleiten unseren Alltag. Sie sitzen mit am Frühstückstisch. Sie fahren mit uns zur Arbeit. Sie liegen nachts neben uns wach.

Die Frage ist deshalb nicht nur: Wie werde ich diese Sehnsucht los?

Vielleicht lautet die wichtigere Frage:

Wie kann ich mit einer Sehnsucht leben, ohne dass sie mein Leben bestimmt?

Was ist eigentlich Sehnsucht?

Wir benutzen das Wort oft, doch nur selten fragen wir uns, was es wirklich bedeutet.

Ein Wunsch kann erfüllt werden. Eine Sehnsucht geht tiefer.

Sie berührt einen Teil unserer Persönlichkeit, unserer Geschichte und oft auch unserer Identität. Sehnsucht entsteht dort, wo unser Herz spürt, dass etwas fehlt, das eigentlich dazugehören sollte.

Deshalb kann Sehnsucht wunderschön sein – und gleichzeitig schmerzhaft.

Sie erinnert uns an das, was wir lieben. Aber sie erinnert uns ebenso an das, was wir nicht haben.

Der österreichische Psychiater Viktor Frankl schrieb einmal sinngemäß, dass der Mensch nicht in erster Linie nach Glück sucht, sondern nach Sinn. Glück lässt sich oft nicht erzwingen. Sinn hingegen kann sogar mitten im Leid gefunden werden.

Vielleicht liegt genau darin der Schlüssel.

Nicht jede Sehnsucht verschwindet. Aber jede Sehnsucht stellt uns die Frage, ob wir trotz des Mangels einen Sinn entdecken können.

Wenn ich an meinen unerfüllten Wunsch denke, spüre ich oft Traurigkeit. Doch warum liegen Sehnsucht und Trauer so nah beieinander? Und sind sie nicht eigentlich dasselbe?

Der Unterschied zwischen Trauer und Sehnsucht

Viele Menschen verwechseln Trauer und Sehnsucht.

Doch sie sind nicht dasselbe.

Trauer entsteht, wenn wir etwas verloren haben.

Einen Menschen, eine Beziehung, einen Traum oder eine Lebensphase.

Trauer blickt zurück. Sie verarbeitet einen Verlust. Sehnsucht dagegen schaut nach vorne.

Sie richtet sich auf etwas, das fehlt oder niemals Wirklichkeit geworden ist.

Der Trauerforscher J. William Worden beschreibt Trauer als einen Prozess, in dem der Mensch lernt, mit einem Verlust weiterzuleben. Die Beziehung zum Verlorenen verändert sich, aber sie verschwindet nicht.

Bei Sehnsucht ist das anders.

Sie kann jahrzehntelang bestehen bleiben, weil sie nicht nur einen vergangenen Verlust betrifft, sondern eine Zukunft, die nie eingetreten ist.

Genau deshalb fühlt sich Sehnsucht manchmal so ungreifbar an.

Man kann sie nicht „abschließen“. Sie besucht uns immer wieder.

Im Garten kochen mit den Kids. Familie
Gemeinsam im Garten kochen. Unser Familienleben im Moshav 2020.

Wann wird Sehnsucht gefährlich?

Nicht jede Sehnsucht ist schlecht.

Im Gegenteil.

Sie zeigt, dass unser Herz lebendig ist.

Gefährlich wird sie erst, wenn sie beginnt, unser ganzes Leben zu bestimmen.

Wenn wir glauben:

„Erst wenn das passiert, kann ich glücklich sein.“

„Erst wenn Gott mir diesen Wunsch erfüllt, werde ich zufrieden.“

„Erst dann beginnt mein richtiges Leben.“

Dann wird aus einer Sehnsucht langsam ein Götze.

Nicht, weil der Wunsch falsch wäre.

Sondern weil wir unser Leben an seine Erfüllung knüpfen.

Ich musste mir diese Frage selbst stellen.

Würde ich Gott auch dann vertrauen, wenn ich bis an mein Lebensende in Israel bliebe?

Ich wünschte, ich könnte sagen, diese Antwort falle mir leicht.

Und vielleicht ist genau diese Ehrlichkeit der Anfang echten Glaubens.

So schwer und schmerzhaft es auch ist, ich muss mich dieser Sehnsucht immer wieder bewusst stellen. Denn nur so verliere ich mich nicht in Fantasien oder unerfüllbaren Wünschen, sondern kann meinen Blick immer wieder neu auf Gott richten.

Wenn ich dann die Bibel lese, verstehe ich, dass sie viel über Sehnsucht zu sagen hat.

Die Bibel kennt Sehnsucht sehr gut.

David schreibt:

„Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele nach dir, o Gott.“
(Psalm 42,2)

Sehnsucht ist also nichts Ungeistliches.

Sie gehört zum Menschsein.

Auch Abraham lebte mit einer Sehnsucht.

Der Hebräerbrief beschreibt ihn und viele andere Glaubenshelden mit erstaunlichen Worten:

„Sie alle sind im Glauben gestorben, ohne das Verheißene empfangen zu haben … Sie bekannten, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden seien.“
(Hebräer 11,13)

Das berührt mich.

Diese Menschen vertrauten Gott.

Und dennoch starben manche mit unerfüllten Verheißungen.

Glaube bedeutet also nicht, dass Gott jeden Wunsch erfüllt.

Glaube bedeutet, dass wir Gott auch dort vertrauen, wo Wünsche offenbleiben.

Auch Paulus kennt das.

Dreimal bittet er Gott, ihm seinen „Stachel im Fleisch“ zu nehmen.

Doch Gottes Antwort lautet nicht:

„Ja.“

Sondern:

„Meine Gnade genügt dir.“

Manchmal schenkt Gott Veränderung. Manchmal schenkt er Kraft.

Beides ist Gnade.

Gott, ich verstehe jetzt, was ich fühle und warum. Aber was mache ich nun damit?

Wie kann ich lernen, mit dieser Sehnsucht zu leben?

Es gibt einige Schritte, die mir helfen.

Ich nehme meine Sehnsucht wahr und benenne sie ehrlich vor Gott.

Nicht verdrängen. Nicht kleinreden. Gott hat keine Angst vor meinen Tränen. Die Psalmen sind voll davon.

Dann prüfe ich immer wieder:

Will ich diesen Wunsch mehr als Gott selbst?

Das ist keine einfache Frage.

Aber eine Heilsame.

Außerdem hilft Dankbarkeit.

Nicht als fromme Pflicht.

Sondern als tägliche Erinnerung daran, dass unser Leben nicht nur aus dem besteht, was fehlt.

Und schließlich dürfen wir lernen, mit offenen Händen zu leben.

Vielleicht erfüllt Gott unsere Sehnsucht. Vielleicht verändert er sie. Und vielleicht nimmt er sie nicht weg, sondern trägt sie gemeinsam mit uns.

Genau darin liegt unsere Hoffnung.

Unsere tiefste Sehnsucht

Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass alle Sehnsüchte auf eine einzige Sehnsucht hinweisen.

Die Sehnsucht nach Heimat.

Nach Ankommen.

Nach einem Ort, an dem nichts mehr fehlt.

Vielleicht schmerzt uns diese Welt manchmal gerade deshalb so sehr, weil sie nie als unsere endgültige Heimat gedacht war.

Vielleicht erklärt das, warum selbst Menschen, die scheinbar alles besitzen, dennoch eine Leere empfinden.

Der Kirchenvater Augustinus schrieb vor über 1.600 Jahren einen Satz, der bis heute nichts von seiner Wahrheit verloren hat:

„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“

Ich glaube, genau das ist der Kern.

Nicht jede Sehnsucht wird auf dieser Erde erfüllt.

Aber jede Sehnsucht kann uns näher zu Gott führen.

Zum Schluss

Meine Sehnsucht ist geblieben.

Vielleicht wird sie mich mein ganzes Leben begleiten.

Vielleicht wird Gott eines Tages doch noch eine Tür öffnen.

Ich weiß es nicht.

Was ich heute aber weiß, ist etwas anderes:

Gott hat mich in all den Jahren nie allein gelassen.

Er war da, wenn ich geweint habe.

Er war da, wenn ich gezweifelt habe.

Und er war da, wenn ich wieder neu vertrauen konnte.

Vertrauen bedeutet nicht, dass alle Fragen beantwortet werden. Vertrauen bedeutet, dass wir Gott auch dann nicht loslassen, wenn unsere Sehnsucht bleibt.

Vielleicht ist das sogar das größte Wunder.

Nicht, dass jede Sehnsucht verschwindet.

Sondern dass Gottes Treue größer ist als das, was uns fehlt.

Denn am Ende wartet nicht die Erfüllung all unserer irdischen Wünsche.

Am Ende wartet unser Vater.

Und bei ihm werden wir endlich ganz zu Hause sein.

Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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