Thema: Tödlicher Blindgänger auf genehmigtem Wanderweg: Nordisrael vor neuen Fragen
Archivbild: Minenfeld an der Grenze zu Syrien im Norden.
Ein 14-jähriger Schüler ist bei einem Schulausflug in Obergaliläa durch die Explosion nicht detonierter Munition ums Leben gekommen. Weitere 24 Schüler und Begleiter wurden verletzt. Nach ersten Untersuchungen handelte es sich wahrscheinlich um Streumunition aus einer Rakete der Hisbollah. Besonders brisant ist, dass der Ausflug nach Angaben der Polizei offiziell genehmigt war, obwohl für das Gebiet weiterhin ein Betretungsverbot galt.
Eigentlich sollte es ein ganz normaler Schulausflug werden. Schüler der ORT-Jeschiwa-Oberschule in Ma’alot wanderten am Montag über den Rechess Ramim in Obergaliläa, am Rand der Orte Jiftach und Manara nahe der libanesischen Grenze. Dann explodierte ein Gegenstand. Der 14-jährige Elazar Yair Wilensky kam ums Leben. Er besuchte die neunte Klasse und war das jüngste von fünf Kindern. Seine Familie beschrieb ihn als „einen Jungen, der das Leben liebte, klug und weise, voller Freude, ein guter und geliebter Freund, mit seiner ganzen Zukunft vor sich“.
Von den Verletzten waren am Dienstagmorgen drei in ernstem Zustand, darunter ein 61-jähriger Lehrer, der in der Nacht im Rambam-Krankenhaus in Haifa operiert wurde. Zehn Menschen wurden mittelschwer verletzt, die übrigen leicht. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu besuchte Verletzte im Krankenhaus.
Wahrscheinlich Streumunition einer Rakete
Nach ersten Untersuchungen von Armee und Polizei handelte es sich um eine nicht detonierte Submunition einer Rakete, die die Hisbollah während der Kämpfe auf Nordisrael abgefeuert hatte. Nach Einschätzung der israelischen Armee (IDF) wurde sie zwischen Mitte März und Anfang April auf den Rechess Ramim geschossen. Solche Raketen verteilen zahlreiche kleinere Sprengkörper über ein größeres Gebiet. Nicht jeder davon explodiert beim Aufprall, und ein Blindgänger kann über Monate oder sogar Jahre im Gelände liegen und gefährlich bleiben.
Nach bisherigen Erkenntnissen hatte einer der Schüler den Gegenstand während einer Pause entdeckt, aufgehoben und in seinen Rucksack gesteckt. Wenige Minuten später kam es zur Explosion. Die genauen Umstände werden weiter untersucht. Spezialeinheiten der Armee und Sprengstoffexperten der Polizei durchsuchten das Gebiet anschließend nach weiteren Blindgängern. Schüler berichteten den Rettungskräften, sie hätten in der Nähe weitere Munitionsteile gesehen.
Der Ausflug war genehmigt
Genau hier beginnt die größere Frage hinter dem Unglück. Der Generalinspekteur der Polizei, Danny Levy, erklärte vor Ort, die Wanderung habe nach seinem Kenntnisstand über die notwendigen Genehmigungen verfügt. Das Bildungsministerium betont, der Ausflug sei als Teil des Israel-Wanderwegs genehmigt worden.
Gleichzeitig gilt für das Gebiet eine Warnung des Jüdischen Nationalfonds KKL-JNF. Ein Schild nahe der Unglücksstelle spricht wegen Kriegsschäden ein „absolutes Verbot“ aus, Wald- und Erholungsgebiete zu betreten. Auf der Internetseite des KKL-JNF wird die Panoramastraße im Naftali-Gebirge seit Mai 2025 als geschlossen geführt. Der Nationalfonds bestätigte, dass die Warnung weiterhin gilt. Ob die Gruppe an dem Schild vorbeikam oder das Gebiet über einen anderen, nicht beschilderten Zugang erreichte, ist nach den bisherigen Berichten unklar.
Wie Genehmigung und Verbot zusammenpassen, dürfte nun ein zentraler Punkt der Untersuchungen werden. Generalstabschef Eyal Zamir beauftragte den Befehlshaber des Nordkommandos, Generalmajor Rafi Milo, mit einer Untersuchung und verlangte eine rasche Vorlage der Ergebnisse.
Tausende Blindgänger im Norden
Die Polizei kündigte an, Wanderungen in der Region vorübergehend einzuschränken, bis Sprengstoffexperten weitere Wege überprüft haben. Das Bildungsministerium leitete Schulausflüge zunächst für zwei Tage aus den gefährdeten Gebieten um. Wie groß das Problem ist, zeigt eine Einschätzung des Nordkommandos: Im Norden Israels könnten noch Tausende Blindgänger im Gelände liegen, die meisten aus Raketen und Geschossen der Hisbollah.
Damit betrifft das Unglück nicht nur eine Schule. Nordisrael versucht seit einiger Zeit, zu einem normalen Alltag zurückzukehren. Nationalparks, Wanderwege, Gästehäuser und touristische Einrichtungen öffnen wieder, Familien fahren am Wochenende ins Galiläa, Wandergruppen sind erneut unterwegs. Doch die Landschaft trägt noch die Spuren der vergangenen Jahre: beschädigte Wälder, abgebrannte Flächen und offenbar auch Munition, die nach dem Einschlag nicht explodiert ist.
Wie sicher ist ein freigegebener Weg?
Für die Behörden entsteht damit eine schwierige Aufgabe. Große Flächen vollständig nach Blindgängern abzusuchen ist aufwendig. Zugleich müssen Eltern und Schulen darauf vertrauen können, dass ein genehmigter Ausflug nicht durch ein Gebiet mit tödlichen Gefahren führt. Geklärt werden muss, welche Stellen für die Freigabe zuständig waren, welche Informationen ihnen vorlagen und wie Warnungen verschiedener Behörden miteinander abgeglichen werden. Auch die Frage, welche Gebiete vor einer Öffnung systematisch abgesucht werden müssen, dürfte neu bewertet werden.
Für Wanderer gilt grundsätzlich: Unbekannte Metallteile, Munitionsreste oder auffällige Gegenstände dürfen keinesfalls berührt oder bewegt werden. Stattdessen sollte man Abstand halten und die Polizei unter der Notrufnummer 100 verständigen.
Für Elazar Yair Wilensky kommt jede Untersuchung zu spät. Für die vielen Familien, Schüler und Wanderer, die wieder in den Norden zurückkehren, muss sie jedoch eine klare Antwort liefern: Wie konnte ein genehmigter Wanderweg zugleich ein Ort sein, an dem noch tödliche Munition lag?
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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