Wo das Leben zerbrach, fahren wieder Kinder Rad: Be’eri baut seine Zukunft neu
Gut drei Jahre nach dem Massaker vom 7. Oktober kämpft der Kibbuz Be’eri noch immer um die Rückkehr zu einem normalen Leben. Viele Bewohner leben weiterhin außerhalb ihres Heimatortes, Häuser werden neu gebaut, die Erinnerungen sind überall gegenwärtig. Doch zwischen Baustellen und leeren Grundstücken ist jetzt etwas entstanden, das bewusst nach vorne weist: ein neuer Fahrradpark für die Kinder und Jugendlichen der Region.
Wer heute durch Be’eri fährt, sieht einen Ort im Übergang. Ein großer Teil der Zerstörungen vom 7. Oktober 2023 ist beseitigt. Wo damals Häuser standen, liegen teilweise noch freie Grundstücke, an vielen anderen Stellen wird gebaut. Die meisten Bewohner leben noch immer vorübergehend im Kibbuz Hatzerim bei Be’er Scheva. Die Hoffnung ist, dass ein großer Teil der Gemeinschaft bis Juli 2027 nach Be’eri zurückkehren kann. Doch Häuser allein machen noch keine Gemeinschaft.
Ein Ort für Kinder und Jugendliche
Genau hier setzt der neue Fahrradpark an, der Mitte Oktober in Be’eri eingeweiht wurde. Im Mittelpunkt steht ein sogenannter Pumptrack, eine Strecke mit Kurven und Wellen, auf der Radfahrer vor allem durch Gewichtsverlagerung und Körperbewegung Tempo aufnehmen, ohne zu treten. Die Anlage soll Kindern und Jugendlichen aus Be’eri und den umliegenden Orten des westlichen Negev einen Treffpunkt bieten.
Nach Angaben der Betreiber ist es die größte Anlage ihrer Art in Israel und der erste Pumptrack dieser Größe im Grenzgebiet zum Gazastreifen. Künftig sollen hier die israelischen Pumptrack-Meisterschaften stattfinden, geplant ist auch ein Qualifikationswettbewerb für die Weltmeisterschaft. Finanziert wurde der Park durch eine Spende des kanadischstämmigen Unternehmers und Philanthropen Sylvan Adams, gemeinsam mit der gemeinnützigen Israel Cycling Academy und dem Kibbuz. Doch bei der Eröffnung ging es um weit mehr als Sport.
Radfahren gehörte zu Be’eri
Be’eri war schon lange vor dem 7. Oktober ein Ziel für Radfahrer. Die Wege und Landschaften rund um den Kibbuz zogen Menschen aus der ganzen Region an, gemeinsame Touren gehörten zum Alltag. Am Morgen des 7. Oktober waren einige Bewohner bereits unterwegs oder wollten sich zu ihrer regelmäßigen Ausfahrt treffen. Insgesamt wurden an diesem Tag 14 Radfahrer und Triathleten aus Be’eri und anderen Orten des westlichen Negev ermordet. Bei der Eröffnung wurde an sie erinnert.
Eine, die diesen Morgen selbst erlebt hat, ist Aya Meidan. Sie war auf dem Weg zu einer Radtour, als sie in einen Hinterhalt von Hamas-Terroristen geriet und überlebte. „Wir werden uns immer an die Fahrer erinnern, die wir verloren haben“, sagte sie bei der Eröffnung. Der neue Park sei für sie „ein Weg in Richtung Erneuerung und Zukunft“.
Zurückkehren bedeutet mehr als neue Häuser
Auch Avida Bachar war dabei. Seine Frau Dana und sein Sohn Carmel wurden am 7. Oktober in ihrem Haus ermordet, er selbst wurde schwer verletzt und verlor ein Bein. Seine Geschichte zeigt, wie schwer das Wort Wiederaufbau in Be’eri wiegt. Es bedeutet nicht, dass irgendwann alles wieder so sein wird wie vorher. Menschen fehlen, Familien wurden zerstört, Freundeskreise sind nicht mehr vollständig. „Am Ende vermisst man das menschliche Gefüge, das es hier gab“, sagte Bachar. Zugleich könne er sich schon vorstellen, wie hier wieder Kinder spielen, Rad oder Skateboard fahren. Genau solche Orte seien Teil der Erneuerung.
Be’eri soll wieder ein Zuhause werden
Der Fahrradpark ist nur ein kleiner Teil eines viel größeren Wiederaufbaus. Mehr als 130 beschädigte oder zerstörte Häuser werden neu errichtet. Zugleich geht es darum, Bildungsangebote, Freizeit, Gemeinschaftsräume und den Alltag zurückzubringen. Gerade für Kinder ist das entscheidend. Denn die Frage lautet nicht nur, ob Familien irgendwann den Schlüssel für ein neues Haus bekommen, sondern ob sich Be’eri wieder wie ein Zuhause anfühlen kann.
Deshalb reicht die Bedeutung des Fahrradparks weit über seine Asphaltkurven hinaus. Am Ortseingang drehen wieder Kinder ihre ersten Runden, künftig sollen dort Wettkämpfe stattfinden, Menschen treffen sich, trainieren und verbringen ihre Freizeit miteinander. Drei Jahre nach dem 7. Oktober ist Be’eri noch längst nicht wieder das Be’eri von früher. Aber zwischen den neuen Häusern beginnt langsam wieder das, was einen Kibbuz erst zu einem Kibbuz macht: gemeinsames Leben.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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