Purpur, Oliven und Schafe: Wie eine Fabrik im Königreich Israel vor 2.800 Jahren funktionierte
An der Mittelmeerküste bei Haifa produzierte das Königreich Israel vor rund 2.800 Jahren einen der kostbarsten Farbstoffe der Antike. Eine neue Untersuchung zeigt nun, dass in den Werkstätten von Tel Shiqmona längst nicht nur Purpur hergestellt wurde. Je nach Jahreszeit wurden dort Oliven gepresst, Tiere untergestellt und wohl auch Textilien bearbeitet. Winzige Spuren im Boden erzählen vom Arbeitsalltag im biblischen Israel.
Wer heute am südlichen Stadtrand von Haifa die Küste entlangfährt, würde kaum vermuten, dass hier einmal einer der ungewöhnlichsten Industriebetriebe des antiken Nahen Ostens stand. Tel Shiqmona war klein, befestigt und lag direkt am Meer, auf einer Fläche von kaum fünf Dunam. Trotzdem spielte der Ort im 9. und 8. Jahrhundert vor Christus eine bemerkenswerte wirtschaftliche Rolle. Hier wurde Purpur hergestellt, nicht irgendeine Farbe, sondern einer der kostbarsten Farbstoffe der Antike.
Farbe für Heiligtum, Priester und Könige
Der Farbstoff wurde aus Meeresschnecken gewonnen und war aufwendig herzustellen. Große Mengen der Tiere mussten gesammelt und verarbeitet werden, um vergleichsweise wenig Farbe zu erhalten. Purpur wurde dadurch zum Luxusgut.
Auch in der Bibel begegnet die Farbe immer wieder. Blauer und roter Purpur, hebräisch Techelet und Argaman, gehören zu den Materialien für die Stiftshütte (2. Mose 25,4) und für die Gewänder des Hohenpriesters (2. Mose 28,5–6). Später erscheint Purpur als Kleidung von Königen, etwa bei den Königen der Midianiter (Richter 8,26).
Tel Shiqmona gilt heute als größte bekannte Produktionsstätte für Purpur aus der Eisenzeit im Mittelmeerraum. Ursprünglich eine kleine phönizische Werkstatt, wurde der Ort um die Mitte des 9. Jahrhunderts vor Christus vom Königreich Israel übernommen, befestigt und ausgebaut. Archäologen fanden dort 176 Gegenstände, die mit der Purpurproduktion in Verbindung stehen, darunter zahlreiche Keramikgefäße mit erhaltenen Farbresten. Einige der großen Bottiche fassten rund 350 Liter.
Eine neue Studie von Forschern um David Friesem und Ayelet Gilboa von der Universität Haifa, erschienen in der Fachzeitschrift PLOS ONE, zeigt nun: Wer Tel Shiqmona einfach als antike Purpurfabrik bezeichnet, erzählt nur einen Teil der Geschichte.
Die eigentliche Entdeckung lag im Boden
Die Forscher untersuchten zwei Arbeitsräume aus der Zeit zwischen etwa 790 und 740 vor Christus. Das entspricht der Blütezeit des Nordreichs Israel unter Jerobeam II., der nach 2. Könige 14,23 einundvierzig Jahre in Samaria regierte. Dabei interessierten sie sich nicht nur für Mauern, Gefäße oder Werkzeuge, sondern nahmen Bodenproben. Unter dem Mikroskop und mit chemischen Analysen lassen sich darin Spuren erkennen, die bei einer gewöhnlichen Ausgrabung kaum sichtbar sind: winzige Pflanzenreste, Holzasche, Tierdung, Hitzespuren oder Reste von Oliven.
Und plötzlich sahen die Räume ganz anders aus. In einem Bereich fanden die Wissenschaftler Hinweise auf das Pressen von Oliven, darunter einen Stein zum Zerkleinern der Früchte und erhaltene Olivenreste. Im selben Raum zeigten sich aber auch mikroskopische Spuren von Tierdung und typische Trittschichten. Offenbar wurden dort zeitweise Tiere gehalten. Zwei Webgewichte deuten zudem darauf hin, dass auch Textilien verarbeitet wurden.
Eine Fabrik für jede Jahreszeit
Das Überraschende ist nicht allein, dass all diese Arbeiten am selben Ort stattfanden. Die Forscher erkennen sogar ein jahreszeitliches Muster. Im Spätherbst wurden Oliven gepresst, im Winter diente der Raum als Unterstand für das Vieh, im Frühjahr folgte die Arbeit an Textilien. Die Purpurherstellung fügte sich nach Einschätzung der Forscher höchstwahrscheinlich in die Zeitfenster dazwischen ein. Wann genau, lässt sich bislang nicht sicher bestimmen.
Auch in einem benachbarten Arbeitsbereich fanden die Archäologen eine bezeichnende Mischung: zerbrochene Purpurschnecken, Olivenkerne, Teile einer Olivenpresse und Keramikgefäße mit Resten des kostbaren Farbstoffs. Die Menschen nutzten ihre Arbeitsräume offenbar nicht nur für eine einzige Tätigkeit, sondern passten sie immer wieder an.
Asche gegen Geruch und Ungeziefer
Besonders aufschlussreich ist eine weitere Beobachtung. Zwischen den verschiedenen Nutzungsschichten fanden die Forscher Holzasche. Sie gehen davon aus, dass die Böden damit bewusst behandelt wurden. Asche konnte Gerüche binden, Ungeziefer fernhalten und die Räume nach der Tierhaltung für die nächste Nutzung vorbereiten.
Was zunächst improvisiert klingt, deutet auf eine gut organisierte Produktion hin. Gebäude, Einrichtungen und Arbeitskräfte wurden offenbar möglichst das ganze Jahr genutzt. Die Autoren sehen darin ein durchdachtes Management der wirtschaftlichen Güter des Königreichs. Das klingt erstaunlich modern. Denn schon vor 2.800 Jahren stellte sich eine ganz praktische Frage: Warum sollte eine wertvolle Produktionsstätte monatelang leer stehen, nur weil die Olivenernte vorbei war?
Ein anderer Blick auf das biblische Israel
Genau darin liegt die Bedeutung der neuen Untersuchung. Archäologen finden häufig eine Ölpresse und sprechen anschließend von einer Ölmühle, oder sie entdecken Webgewichte und rekonstruieren eine Textilwerkstatt. Tel Shiqmona zeigt, dass die Wirklichkeit vielschichtiger war. Ein Gebäude konnte im Laufe eines Jahres völlig unterschiedliche Aufgaben erfüllen.
Damit erzählen die winzigen Spuren im Boden etwas über Menschen, deren Namen wir nicht kennen: Arbeiter, die im Herbst Oliven pressten, im Winter Tiere versorgten, im Frühjahr Textilien bearbeiteten und dazwischen mit einem Farbstoff arbeiteten, der für Heiligtum, Könige und Wohlhabende bestimmt war. Ihre Arbeitspläne sind nicht erhalten. Doch noch 2.800 Jahre später liegen ihre Spuren im Boden an der Küste von Haifa.
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