Ältere Wurzeln als gedacht: Was Archäologen unter dem heutigen Jerusalem entdeckten

Einmal im Jahr öffnet die City-of-David-Konferenz Jerusalems Besuchern einen Blick unter die Straßen der Gegenwart, hinein in Schichten, die bis in die Zeit der biblischen Könige zurückreichen. Bei der diesjährigen Ausgabe Anfang September stellten Archäologen neue Funde und frische Analysen vor, die zeigen: Selbst nach Jahrzehnten der Grabung ist die Geschichte des antiken Jerusalem noch lange nicht auserzählt.

Vor der eigentlichen Konferenz erhielten Teilnehmer Zugang zu Grabungsstätten, die der Öffentlichkeit sonst verschlossen bleiben, darunter der Bereich unter dem früheren Givati-Parkplatz im Tyropoiontal, wo seit mehr als 20 Jahren gegraben wird und unter anderem seltene verbrannte Sykomorenholzreste gefunden wurden, datiert auf die babylonische Zerstörung Jerusalems und des Ersten Tempels im Jahr 586 vor unserer Zeitrechnung. Weitere Führungen gingen zur neu eröffneten Pilgerstraße aus der Zeit des Zweiten Tempels, zu rätselhaften, in den Fels gehauenen Räumen am Osthang sowie zum Teich von Schiloach.

Eine anspruchsvollere Wanderung führte zudem ins Hinnom-Tal südlich der Stadt, jenes Tal, dessen hebräischer Name Gei Hinnom über die griechische Form „Gehenna“ später zu einem geläufigen Bild für das Jenseits wurde, ein anschauliches Beispiel dafür, wie tief biblische Geografie bis in unseren heutigen Sprachgebrauch nachwirkt.

Die gesuchte Festung

Im Zentrum der eigentlichen Konferenz, die unter mildem Jerusalemer Abendhimmel nahe einer Nachbildung der Theodotos-Inschrift stattfand, stand für viele der Vortrag von Dr. Ayala Zilberstein zur Akra, jener seleukidischen Festung, an der sich die Hasmonäer über Jahre die Zähne ausbissen. Ihr genauer Standort gehört zu den hartnäckigsten Rätseln der jerusalemer Archäologie, antike wie moderne Quellen platzieren sie an ganz unterschiedlichen Stellen der Stadt. Zilberstein präsentierte Indizien für eine Lage im Givati-Grabungsgebiet, unterhalb des Tempelbergs mit direktem Blick über die untere Stadt, und zeichnete zugleich ein größeres Bild: die scharfe Trennung zwischen zwei zentralen Bereichen des antiken Jerusalem in der Zeit des Ersten und des Zweiten Tempels, eine Kontinuität, die durch die Zerstörung des Ersten Tempels und das babylonische Exil unterbrochen wurde, dem heiligen Bezirk auf dem Berg Moria, wo sich an den drei Wallfahrtsfesten gewaltige Pilgermassen drängten, und der eigentlichen Wohnstadt mit ihrem ganz gewöhnlichen Alltag aus Häusern, Märkten und Gassen.

Älter als der berühmteste König

Nicht weniger spannend war der Beitrag von Dr. Eli Shukrun, der die überraschende Neudatierung des Teichs von Schiloach aus dem Vorjahr weiterdachte: Teile des jerusalemer Wassersystems könnten bis zu einem Jahrhundert älter sein als bislang angenommen und damit älter als König Hiskia selbst, dem der berühmte Tunnel traditionell zugeschrieben wird. Rückenwind erhielt diese These bereits im März, als ein Team der israelischen Altertümerbehörde und des Weizmann-Instituts im Fachjournal PNAS einen im Schiloach-Teich freigelegten, monumentalen Staudamm auf die Zeit der Könige Joasch oder Amazja datierte, rund 805 bis 795 vor unserer Zeitrechnung. Damit rückt ein System, das bislang fast ausschließlich mit der Vorbereitung auf die assyrische Bedrohung am Ende des achten Jahrhunderts in Verbindung gebracht wurde, in ein völlig neues Licht, während Forscher parallel untersuchen, ob benachbarte Anlagen durch ein Erdbeben zerstört wurden, möglicherweise jenes, das im biblischen Buch Amos erwähnt wird.

Wege der Pilger

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Südmauer des Tempelbergs, wo Prof. Ronny Reich gemeinsam mit Dr. Yuval Baruch und Esther Rakov Mellet der Frage nachgeht, wie dieser Bereich einst die gewaltigen Pilgerströme bewältigte, wie Priester und Leviten den Tempel erreichten, wo Geschäfte lagen und wie Opfertiere in den Tempelbezirk gelangten. Dr. Nachshon Szanton stellte mit Dr. Joe Uziel und Ari Levi unter dem programmatischen Titel „Zwischen dem Heiligen und dem Profanen“ vor, wie sich die Wege vom Teich und dem unteren Tor teilten: eine monumentale Straße für Pilger zu den südlichen Toren des Tempelbergs, eine zweite, unscheinbarere Route hinauf in die Oberstadt.

Als die Shuttlebusse die Teilnehmer schließlich zum Jaffator zurückbrachten, zogen bereits zahlreiche Juden zur Klagemauer, um vor den bevorstehenden Hohen Feiertagen die Selichot-Gebete zu sprechen, ein stilles, fast beiläufiges Echo darauf, wie nah Vergangenheit und Gegenwart in dieser Stadt beieinanderliegen.

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