08 Nov 2026

Palmen aus 2.000 Jahre alten Kernen: Wie ein Kibbuz in der Arava die Dattel der Bibel zurückholte

Im Kibbuz Ketura, tief im Süden Israels, wächst eine Palme, die eigentlich nicht existieren dürfte. Ihr Kern lag rund 2.000 Jahre unter dem Schutt einer antiken Festung, bevor er keimte. Die Forscher nannten sie Methusalem, nach dem Mann, der laut der Bibel älter wurde als jeder andere Mensch (1. Mose 5,27). Aus dieser Palme und ihren jüngeren Geschwistern ist eine der erstaunlichsten Geschichten der israelischen Wüste geworden.

Ein Kibbuz im Wüstental

Ketura liegt in der Arava, dem trockenen Tal zwischen dem Toten Meer und Eilat, etwa 50 Kilometer nördlich der Stadt am Roten Meer. Gegründet wurde der Kibbuz 1973 von jungen Leuten, viele von ihnen aus Nordamerika. Regen fällt hier nur selten, im Sommer steigen die Temperaturen weit über 40 Grad. Trotzdem leben die Bewohner seit Jahrzehnten von der Landwirtschaft, vor allem von Datteln. Auf dem Gelände arbeitet auch das Arava-Institut für Umweltstudien, an dem Israelis, Jordanier, Palästinenser und internationale Studenten gemeinsam lernen. Zudem entstand in der Nähe des Kibbuz eines der ersten großen Solarfelder des Landes.

Ein Samen aus Masada

Die Geschichte von Methusalem beginnt in den Sechzigerjahren. Bei den Ausgrabungen des Archäologen Yigael Yadin auf der Festung Masada am Toten Meer wurden unter Schutt Dattelkerne gefunden. Mehr als 40 Jahre lagen sie in einer Sammlung, bis die Ärztin Dr. Sarah Sallon vom Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem eine ungewöhnliche Frage stellte: Könnte man sie noch zum Leben erwecken?

Die Aufgabe übernahm Dr. Elaine Solowey, Leiterin des Zentrums für nachhaltige Landwirtschaft am Arava-Institut. Sie weichte die Kerne langsam ein, behandelte sie mit einem Pflanzenhormon und Dünger und pflanzte sie im Jahr 2005. Einer keimte. Untersuchungen mit der Radiokarbonmethode ergaben, dass der Kern etwa aus der Zeit um Christi Geburt stammt. Methusalem galt damals als ältester Samen, aus dem je eine Pflanze gezogen wurde. Die Fachzeitschrift Science veröffentlichte die Ergebnisse 2008.

Die Palme der Bibel

Für viele Israelis war das mehr als ein wissenschaftlicher Erfolg. Die Dattelpalme gehört zu den sieben Früchten, mit denen die Bibel das Land preist (5. Mose 8,8), Jericho wird die „Palmenstadt“ genannt (5. Mose 34,3), und im Psalm heißt es: „Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum“ (Psalm 92,13). Antike Schriftsteller rühmten die Datteln Judäas für ihre Größe und Süße. Doch in den folgenden Jahrhunderten verschwanden die alten Sorten aus dem Land. Die Dattelplantagen, die Israel heute prägen, gehen auf Sorten zurück, die im 20. Jahrhundert aus dem Ausland eingeführt wurden.

Methusalem hatte allerdings einen Haken: Die Palme ist männlich und kann selbst keine Früchte tragen. Also wagte das Team einen zweiten Versuch. Aus 32 weiteren alten Kernen von Masada und aus Höhlen bei Qumran keimten sechs. Solowey gab ihnen biblische Namen: Adam, Hanna, Judith, Jona, Boas und Uriel. Hanna und eine weitere Palme erwiesen sich als weiblich.

Die erste Ernte nach 2.000 Jahren

Im Jahr 2020 war es so weit. Hanna, bestäubt mit den Pollen von Methusalem, trug 111 Datteln. Im folgenden Sommer waren es schon fast 700. Nach Angaben des Instituts sind die Früchte halbtrocken, schmecken nach Honig und erinnern an die heute verbreitete Sorte Medjool. Sallon verglich sie mit einer Sorte aus dem Irak und verwies auf genetische Spuren, die nach Babylon führen. Womöglich, so ihre Vermutung, brachten Rückkehrer aus dem babylonischen Exil die Vorfahren dieser Palmen mit. Die Ergebnisse veröffentlichte das Team in der Fachzeitschrift Science Advances.

Die Forscher hoffen, die alte judäische Dattel eines Tages wieder anzubauen, auch wegen möglicher gesundheitlicher Eigenschaften. Bis dahin sind die Palmen im Besucherpark des Instituts in Ketura zu sehen. Für Sallon steckt in ihnen eine Botschaft, die über die Botanik hinausgeht, wie sie nach der ersten Ernte sagte: „Die Natur gibt nicht ohne Kampf auf. Das ist ein Leitmotiv für unsere Zeit.“

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