23 Oct 2026

Wo Jerusalem wieder zur Ruhe kommt: Historischer Bauernhof öffnet seine Türen

Nur wenige Minuten von Jerusalems geschäftigen Straßen entfernt liegt eine Landschaft mit Obstbäumen, Weinreben und grünen Hügeln. Auf dem Gelände eines mehr als 70 Jahre alten Bauernhofs wurde jetzt ein neues Gäste- und Bildungszentrum eröffnet. Es soll junge Menschen aus unterschiedlichen Teilen Israels zusammenbringen und ihnen einen Ort für Begegnungen, gemeinsames Lernen und Zeit in der Natur bieten.

Wer Jerusalem besucht, denkt meistens an die Altstadt, die Klagemauer, die Kirchen oder die belebten Straßen der modernen Stadt. Am westlichen Stadtrand zeigt sich jedoch ein ganz anderes Bild. Im Emek HaArazim, dem Tal der Zedern, liegen Obstgärten, Felder und grüne Hügel. Hier befindet sich der historische Bauernhof Tur Sinai, der seit mehr als sieben Jahrzehnten zur Landschaft rund um Jerusalem gehört. Nun beginnt dort ein neues Kapitel: Am 19. Oktober wurde auf dem Gelände das erneuerte „Kfar Masa Israeli“ eröffnet, das Dorf der Organisation Masa Israeli. Das Projekt verbindet Übernachtungsmöglichkeiten mit Bildungsangeboten, Naturerlebnissen und Begegnungen zwischen Menschen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen.

Ein Bauernhof mit Geschichte

Die Geschichte des Ortes begann im Jahr 1952. Damals gründeten Ze’ev und Sima Tur-Sinai einen landwirtschaftlichen Betrieb am westlichen Rand Jerusalems. Sie legten Obstplantagen an und betrieben Landwirtschaft in der hügeligen Berglandschaft. Bemerkenswert war eine eigene Kläranlage, in der Abwasser gereinigt und anschließend zur Bewässerung genutzt wurde. Was damals ein Pionierprojekt im Kleinen war, ist heute ein Markenzeichen des ganzen Landes: Israel gehört weltweit zu den Spitzenreitern bei der Wiederverwendung von Abwasser in der Landwirtschaft.

Über die Jahrzehnte entwickelte sich Tur Sinai zu einem bekannten Ort für Landwirtschaft, Natur und Veranstaltungen. Bis heute finden sich dort Obstbäume, Weinreben und landwirtschaftliche Flächen, eingebettet in die Grünzüge am westlichen Stadtrand.

Platz für 232 Gäste mitten in der Natur

Mit der Eröffnung wird das Gelände stärker für Bildungsgruppen und Besucher zugänglich. Das erneuerte Gästezentrum bietet 232 Übernachtungsplätze in klimatisierten Glamping-Zelten, kleinen Ferienhäusern und Gästezimmern. Ein gewöhnlicher Hotelbetrieb soll es ausdrücklich nicht sein. Masa Israeli will Menschen nicht nur einen Platz zum Übernachten bieten, sondern ihnen ermöglichen, sich mit dem Land und seiner Gesellschaft auseinanderzusetzen. Untergebracht werden hier Teilnehmer von Bildungsreisen, Jugendliche in Sommercamps und angehende Gruppenleiter in Ausbildung. Zum Angebot gehören Workshops, gemeinsame Aktivitäten und geführte Ausflüge. Besucher können alte Handwerkstechniken kennenlernen, sich mit Heilpflanzen beschäftigen oder bei Führungen mehr über die Landschaft und Geschichte der Region erfahren. Das Angebot richtet sich vor allem an Gruppen, eine Buchung einzelner Übernachtungen wie in einem Hotel ist zunächst nicht vorgesehen.

Begegnungen statt nur Besichtigungen

Masa Israeli wurde vor 22 Jahren gegründet und will nach eigenen Angaben die zionistische und israelische Identität sowie die Verbundenheit mit Land, Staat und Gesellschaft stärken. Die Organisation arbeitet vor allem mit Schulen, aber auch mit der israelischen Armee (IDF), Unternehmen und anderen Einrichtungen. Auf dem Gelände von Tur Sinai ist sie bereits seit 2022 aktiv. Ihre Teilnehmer reisen nicht nur zu historischen Orten, sondern beschäftigen sich auch mit Fragen von Identität, gemeinsamer Verantwortung und ihrer eigenen Zukunft. In einem Land, in dem gesellschaftliche Unterschiede häufig auch den Alltag bestimmen, können solche Begegnungen eine besondere Bedeutung bekommen.

An der Eröffnung nahmen der Vorsitzende von Masa Israeli, der frühere Luftwaffenchef Eliezer Shkedi, und Gründer und Geschäftsführer Uri Cohen teil. „Die Eröffnung des Dorfes ist für uns ein großer Moment“, sagte Cohen. Es sei besonders bedeutsam, die Arbeit an einem Ort fortzusetzen, der von Pioniergeist, Landwirtschaft und Eigeninitiative erzählt. Er hoffe, dass hier Jugendliche, Soldaten und Gruppen aus allen Teilen der Gesellschaft zusammenkommen, einander kennenlernen und sich als Teil der israelischen Geschichte erleben.

Die Landwirtschaft soll zurückkehren

Fertig ist das neue Dorf noch nicht. Für 2027 ist ein eigener landwirtschaftlicher Lehrbauernhof geplant, auf dem Besucher wieder unmittelbar mit der Arbeit auf dem Land in Berührung kommen sollen. Wie wachsen Pflanzen? Was braucht ein Obstbaum? Welche Bedeutung hat Wasser in einer trockenen Region? Und wie hat sich die Landwirtschaft in Israel seit der Staatsgründung verändert? Solche Fragen sollen künftig direkt vor Ort beantwortet werden. Auch der historische Veranstaltungssaal von Tur Sinai wird derzeit renoviert, die Arbeiten sollen in rund drei Monaten abgeschlossen sein.

Ein anderer Blick auf Jerusalem

Gerade für Besucher aus dem Ausland ist das Tal der Zedern eine Erinnerung daran, wie unterschiedlich die Landschaften Israels auf engem Raum sein können. Nur wenige Kilometer trennen die dicht bebaute Hauptstadt von Obstgärten, Feldern und Wanderwegen. Mit dem neuen Bildungs- und Gästezentrum bekommt diese Landschaft eine weitere Aufgabe: Sie soll nicht nur der Erholung dienen, sondern ein Ort sein, an dem Begegnungen entstehen und Geschichte weitergegeben wird.

Das passt auf besondere Weise zum Beginn des Schabbats. Denn nicht jede gute Nachricht muss von einer großen Entdeckung oder einer spektakulären Entwicklung handeln. Manchmal ist es ein alter Bauernhof, auf dem wieder Menschen zusammenkommen, gemeinsam lernen, durch die Natur gehen und für eine Weile Abstand vom Alltag finden.


Shabbat Shalom

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