Letzte Umfragen vor der Wahl: Patt zwischen Netanyahu und Eisenkot, harter Endspurt

Vier Tage vor der Knesset-Wahl am Dienstag liefern die letzten Umfragen kein klares Bild. Ab diesem Freitag dürfen in Israel per Gesetz keine neuen Umfragen mehr veröffentlicht werden, und die Bilanz der vergangenen Wochen bleibt dieselbe: In den meisten Umfragen kommt weder das Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu noch das Lager um seinen Herausforderer, den früheren Generalstabschef Gadi Eisenkot, auf die nötigen 61 der 120 Sitze. Im Endspurt setzen beide Seiten deshalb auf Mobilisierung, scharfe Worte und starke Bilder.

Ein Patt in fast allen Umfragen

In der letzten Umfrage der Times of Israel und ihres hebräischen Schwesterportals Zman Yisrael erreichen beide jüdisch geführten Lager jeweils 51 Sitze. Eisenkots Partei Yashar bleibt mit 23 Sitzen stärkste Kraft, verliert aber drei Sitze gegenüber der Vorwoche. Der Likud legt um einen Sitz auf 21 zu. Die arabisch geführten Parteien kämen zusammen auf 14 Sitze, die Liste der Reservisten auf 4. Amcha Yisrael (Volk Israel) von Ofer Winter scheitert an der Sperrklausel. Befragt wurden allerdings nur 500 Personen am 14. und 15. Oktober, die Fehlermarge liegt bei 4,4 Prozentpunkten.

Ein Überblick des US-Portals Jewish Insider zeigt, wie stark die Ergebnisse je nach Sender auseinandergehen. Im Durchschnitt von sechs Umfragen großer Sender und Zeitungen aus den letzten zwei Tagen liegt Eisenkots Lager mit 52 Sitzen knapp vor Netanyahus Lager mit 50. Die Umfragen der Sender Kanal 14 und i24NEWS, deren Meinungsforscher nach Angaben von Jewish Insider früher für den Likud gearbeitet haben, sehen Netanyahus Lager dagegen bei 61 Sitzen. Ein Unsicherheitsfaktor ist zudem die arabische Wahlbeteiligung. Nach einer Schätzung des Instituts Stat-Net könnte sie auf bis zu 69 Prozent steigen, nach rund 50 Prozent in den vergangenen Jahren.

Die meisten haben sich entschieden

Große Verschiebungen sind in den letzten Tagen kaum noch zu erwarten. In der Times-of-Israel-Umfrage gaben 87 Prozent der Befragten an, ihre Wahlentscheidung sei endgültig gefallen. Nur 2,4 Prozent schwankten noch zwischen den beiden Lagern. Bemerkenswert ist eine andere Zahl: Fast 60 Prozent meinen, Netanyahu solle sich aus der Politik zurückziehen, falls er keine Regierung bilden kann. Knapp 29 Prozent sind dagegen. Kommt keine Regierung zustande, wird Anfang 2027 erneut gewählt, bis dahin bliebe Netanyahu als Ministerpräsident einer Übergangsregierung im Amt.

Netanyahu: „Ich und Trump oder Eisenkot und Abbas“

Netanyahu spitzt den Wahlkampf weiter zu. Im Interview mit dem Sender Arutz Sheva sagte er, die Wahl laufe auf eine Entscheidung hinaus: „Ich und Trump oder Eisenkot und Abbas.“ Gemeint ist Mansour Abbas, Chef der arabischen Partei Ra’am. Damit spielte Netanyahu auf die Wahlempfehlung von US-Präsident Donald Trump an und wiederholte seinen Vorwurf, eine Regierung der Opposition werde von arabischen Parteien abhängen. Eisenkot und die meisten Oppositionsparteien haben ein solches Bündnis allerdings ausgeschlossen. Eisenkot selbst fehle es an Erfahrung und Talent für die Weltbühne, sagte Netanyahu.

Eisenkot besuchte am Donnerstag die Klagemauer in Jerusalem. Nach einem Bericht von Arutz Sheva war der Empfang geteilt: Anhänger riefen ihm „Der nächste Ministerpräsident“ zu, Gegner antworteten mit „Bibi, König Israels“. Sicherheitskräfte umringten ihn während des Besuchs.

Ein Wahlvideo mit Nebengeräuschen

Für Aufsehen sorgt ein Wahlvideo aus dem Norden. Bei der Eröffnung der neuen Universität Tel-Hai am Dienstag trat der Bürgermeister von Kiryat Shmona, Avichai Stern, gemeinsam mit Netanyahu vor die Kamera. „Ich glaube an dich“, sagte Stern darin, und er hoffe, die Israelis wüssten, wen sie wählen sollen. Aus Sterns Umfeld hieß es später, er habe nicht ausdrücklich zur Wahl des Likud aufgerufen. Zwei mit den Vorgängen vertraute Quellen berichten der Times of Israel, Netanyahus Mitarbeiter hätten Stern zu dem Auftritt gedrängt. Er habe nur zugestimmt, um der Stadt und der Universität nicht zu schaden. Eine ausdrückliche Drohung, Gelder zurückzuhalten, konnten die Quellen nicht bestätigen. Stern gehört seit Jahren zu Netanyahus schärfsten Kritikern und warf der Regierung vor, den Norden während des Kriegs mit der Hisbollah im Stich gelassen zu haben. Nach Angaben derselben Quellen ließ das Büro des Ministerpräsidenten auch den Namen der Universität kurzfristig um den Zusatz „Kiryat Shmona“ erweitern, um die Verbindung zur traditionellen Likud-Hochburg zu betonen. Allerdings war schon bei der Genehmigung durch den Rat für Hochschulbildung im Januar von einer Universität Kiryat Shmona die Rede.

Schin Bet entfernt Konten einer ausländischen Einflusskampagne

Auch die Sicherheitsbehörden sind im Wahlkampf gefordert. Der Inlandsgeheimdienst Schin Bet teilte mit, zahlreiche Profile in sozialen Netzwerken, die Teil einer „ausländischen Einflusskampagne“ gewesen seien, seien gemeinsam mit der Cyberabteilung der Staatsanwaltschaft und dem Zentralen Wahlausschuss aus dem Netz entfernt worden. Wie viele Konten betroffen waren und welcher Staat dahintersteckt, sagte der Schin Bet nicht. Bereits im Sommer hatten israelische Sicherheitskreise nach Angaben der Jerusalem Post vor Einflussversuchen aus dem Iran und der Türkei gewarnt.

Damit geht ein Wahlkampf ins Finale, der so offen ist wie lange keiner mehr. Am Dienstag um 22 Uhr, wenn die Wahllokale schließen, werden die ersten Prognosen zeigen, ob eines der beiden Lager die Mehrheit doch noch erreicht oder ob Israel erneut auf eine Wiederholungswahl zusteuert.

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