Von Alzheimer-Forschung bis Landwirtschaft: Acht Einwanderer, die Israel mitprägen
Sie kamen aus den USA, Kanada, Großbritannien und anderen englischsprachigen Ländern nach Israel. Einige wurden Wissenschaftler, andere gründeten soziale Einrichtungen, bauten Bildungsprojekte auf oder halfen Bauern, ihre Betriebe nach dem 7. Oktober wieder in Gang zu bringen. Jetzt wurden acht von ihnen mit dem Bonei-Zion-Preis ausgezeichnet. Ihre Geschichten zeigen, was Einwanderung für Israel bedeuten kann: Menschen kommen nicht nur in ein neues Land, sie verändern es.
Ihre Lebenswege könnten kaum unterschiedlicher sein. Eine entwickelte ein Medikament gegen Alzheimer, eine andere baute eine der wichtigsten israelischen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen auf. Ein Wissenschaftler arbeitet in der Hightech-Industrie, eine Einwanderin engagiert sich für israelische Bauern, ein anderer für den Sport. Was sie verbindet: Sie alle entschieden sich irgendwann, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und nach Israel einzuwandern.
Der Preis der Organisation Nefesh B’Nefesh, die Einwanderer aus Nordamerika und Großbritannien begleitet, wird zum zwölften Mal vergeben. Gestiftet wird er von dem kanadischstämmigen Unternehmer und Philanthropen Sylvan Adams. Sein Name „Bonei Zion“ bedeutet „Erbauer Zions“.
Ein Medikament, das weltweit eingesetzt wird
Zu den bekanntesten Preisträgern gehört Prof. Marta Weinstock-Rosin. Die Pharmakologin erhält den Preis für ihr Lebenswerk. Ihre Forschung führte zur Entwicklung von Rivastigmin, besser bekannt unter dem Handelsnamen Exelon. Das Medikament wird weltweit zur Behandlung von Symptomen der Alzheimer- und der Parkinson-Demenz eingesetzt. Weinstock-Rosin gehört damit zu den Forschern, deren Arbeit aus einem israelischen Labor weit über die Grenzen des Landes hinaus wirkt. Ihre Geschichte steht für einen Bereich, in dem Einwanderer Israel seit Jahrzehnten prägen: Wissenschaft und Medizin.
Ein Ort für Menschen mit Behinderungen
Eine ganz andere Lebensaufgabe fand Naomi Stuchiner. Sie gründete Beit Issie Shapiro, heute eine der bekanntesten israelischen Organisationen für Kinder und Erwachsene mit Behinderungen und ihre Familien. Was klein begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem Zentrum für Therapie, Bildung, Forschung und gesellschaftliche Teilhabe. Die Organisation arbeitet inzwischen auch international und gibt neue Ansätze im Umgang mit Behinderung und Barrierefreiheit weiter. Stuchiner erhielt den Preis in der Kategorie gesellschaftliches und gemeinnütziges Engagement.
Landwirtschaft wieder aufbauen
Besonders aktuell ist die Geschichte von Danielle Abraham. Sie arbeitete im britischen Innenministerium in London, als ein Vortrag des israelischen Agrarwissenschaftlers Yitzhak Abt sie so beeindruckte, dass sie 2010 nach Israel einwanderte. Seit 2017 leitet sie Volcani International Partnerships, eine Organisation, die israelisches Agrarwissen in Länder bringt, die mit Dürre, Ernährungsunsicherheit und schwierigen Anbaubedingungen kämpfen.
Wenige Tage nach dem 7. Oktober 2023 richtete sie den Blick auf Israel selbst und gründete ReGrow Israel. Die Initiative half zunächst den Bauern im Grenzgebiet zum Gazastreifen, ersetzte zerstörte Maschinen und reparierte beschädigte Anlagen. Es geht dabei ganz praktisch um Geräte, Gewächshäuser, Bewässerungssysteme und die Frage, wie ein Betrieb möglichst schnell wieder produzieren kann. Später weitete das Projekt seine Arbeit auf Betriebe im Norden aus, die unter dem Krieg mit der Hisbollah gelitten hatten. Nach Angaben von Ynet hat ReGrow Israel inzwischen zweistellige Millionenbeträge in Dollar gesammelt. Abraham erhielt den Preis in der Kategorie „Global Impact“.
Frauen und jüdische Bildung
Auch Rabbanit Chana Henkin gehört zu den Preisträgerinnen. Sie gründete in Jerusalem das Institut Nishmat, das Frauen ein vertieftes Studium jüdischer Texte und des Religionsgesetzes, der Halacha, ermöglicht. Bekannt wurde Nishmat vor allem durch die Ausbildung sogenannter Yoatzot Halacha. Diese Frauen verfügen über umfangreiche Kenntnisse im jüdischen Religionsrecht und beraten andere Frauen besonders bei Fragen rund um Familie und Gesundheit. Was vor Jahrzehnten noch ungewöhnlich war, ist inzwischen ein internationales Bildungsmodell. Henkin wird in der Kategorie Bildung ausgezeichnet.
Von Forschung bis Sport
In der Kategorie Wissenschaft und Medizin geht der Preis an Dr. Philip Klipstein, leitender Wissenschaftler in der Forschungsabteilung des israelischen Halbleiterherstellers SCD. Seine Arbeit gilt hochentwickelter Sensor- und Halbleitertechnik. In der Kategorie Kultur, Kunst und Sport wird Ami Baran geehrt, Präsident des israelischen Leichtathletikverbands und Geschäftsführer des israelischen Softballverbands. Der junge Content-Creator Barak Swarttz erhält den Preis für junge Führungspersönlichkeiten. Er gründete „GRIT for Good“ und nutzt digitale Plattformen für gesellschaftliche Projekte.
Eine Sonderauszeichnung ging an den in den USA geborenen früheren israelischen Botschafter in Washington und ehemaligen Minister für strategische Angelegenheiten Ron Dermer. Er war unter anderem maßgeblich an den Beziehungen zu den USA und an den Abraham-Abkommen beteiligt.
Einwanderung bleibt Teil der Geschichte Israels
Die Auszeichnung fällt in ein Jahr, in dem die Einwanderung aus Nordamerika nach Angaben von Nefesh B’Nefesh deutlich zugenommen hat. Allein im August kamen über die Organisation mehr als 1.100 Einwanderer aus Nordamerika nach Israel, nach eigenen Angaben ein Monatsrekord. Bis Ende August waren es in diesem Jahr rund 2.700, bis zum Jahresende erwartet die Organisation mehr als 4.000. Bemerkenswert ist, dass nicht alle nach Jerusalem oder in den Großraum Tel Aviv ziehen. Rund 650 Neuankömmlinge entschieden sich für Orte im Norden oder Süden des Landes. Insgesamt hat Nefesh B’Nefesh nach eigenen Angaben fast 100.000 Einwanderern aus Nordamerika geholfen, rund 90 Prozent von ihnen sind geblieben.
Ob sie irgendwann ebenfalls ausgezeichnet werden, weiß heute niemand. Doch genau darin liegt die Idee hinter „Bonei Zion“: Einwanderung ist nicht nur der Moment der Ankunft. Die eigentliche Geschichte beginnt oft erst danach, wenn aus einem Einwanderer ein Wissenschaftler, eine Lehrerin, ein Unternehmer, eine Ärztin oder jemand wird, der aus einer kleinen Idee ein Projekt macht. Die acht Preisträger haben genau das getan.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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