Angriff auf Diplomaten im christlichen Taybeh: Warum der Fall Israel teuer zu stehen kommen könnte
Einen Tag nach dem Angriff auf die amerikanische Fotojournalistin Heidi Levine hat erneut Gewalt bei der Olivenernte in Judäa und Samaria für Aufsehen gesorgt, diesmal mit unmittelbaren Folgen für Israels Außenpolitik. Maskierte Israelis griffen am Samstag nahe dem christlichen Dorf Taybeh eine Delegation europäischer Diplomaten an. Ein französischer Bürgermeister wurde geschlagen und getreten, ein Fahrzeug des belgischen Konsulats beschädigt. Armee, Polizei, Präsident und Außenminister verurteilten die Tat. Das Büro des Ministerpräsidenten äußerte dagegen Zweifel an der Darstellung der Europäer.
Was in Taybeh geschah
Die Delegation mit Vertretern aus Belgien, Frankreich und Polen war auf Einladung von Dorfbewohnern zur Olivenernte gekommen, um ihnen beizustehen. Mit dabei war Bernard Baudoux, Bürgermeister der nordfranzösischen Stadt Aulnoye-Aymeries, die mit Taybeh eine Städtepartnerschaft pflegt. Der Vorfall begann nach Angaben des Senders N12 kurz vor 13.30 Uhr. Israelis vor Ort meldeten über eine Hotline der Armee, mindestens sieben maskierte Männer mit Knüppeln näherten sich, und baten darum, schnell zu kommen. Eine Antwort blieb aus, Soldaten kamen nicht.
„Ich sah maskierte Siedler mit Stöcken und Eisenstangen auf uns zurennen“, schilderte ein europäischer Diplomat gegenüber Ynet. „Sie haben den französischen Bürgermeister getreten und danach ‚Viva la France‘ gerufen.“ Nach Berichten von Kipa und Calcalist verfolgten die Angreifer die Delegation auf Geländefahrzeugen. Baudoux selbst sagte, er sei mit Eisenstangen geschlagen, zu Boden geworfen und getreten worden, aber nicht schwer verletzt. Der Angriff selbst wurde nicht gefilmt. Aufnahmen zeigen jedoch Baudoux am Boden, Maskierte, die ein Fahrzeug blockieren, und die eingeschlagene Scheibe des belgischen Wagens. Die Täter flohen, Festnahmen gab es bislang nicht.
Ob die Delegation gezielt angegriffen wurde, ist umstritten. Die Diplomaten sind nach Angaben von Ynet überzeugt, es habe sich um eine organisierte Aktion gehandelt, um den Europäern eine Botschaft zu senden. Das polnische Außenministerium erklärte dagegen, es gebe keine Hinweise, dass seine Vertreter gezielt ins Visier genommen worden seien.
Ein Staat, zwei Botschaften
Auffällig ist, wie unterschiedlich Israels Institutionen reagierten. Die israelische Armee (IDF) verurteilte einen schweren Gewaltakt „israelischer Randalierer“ gegen diplomatische Vertreter, betonte aber zugleich, der Besuch sei nicht mit ihr abgestimmt gewesen und am Ort seien keine Soldaten gewesen. Außenminister Gideon Sa’ar sprach von „schweren Gewalttaten israelischer Randalierer“ und kündigte an, mit den Botschaftern der betroffenen Länder bei der Identifizierung der Täter zusammenzuarbeiten. Staatspräsident Isaac Herzog verlangte, gegen jede Gewalt „mit eiserner Faust“ vorzugehen, und entschuldigte sich bei Heidi Levine. Die Polizei schickte Spurensicherer aus dem Bezirk Judäa und Samaria an den Tatort.
Das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu verbreitete dagegen eine Erklärung nur auf Englisch. Gewalt gegen Diplomaten sei inakzeptabel, doch je schwerer der Vorwurf, desto stärker müssten die Beweise sein. Die Bilder allein belegten weder den genauen Ablauf noch die persönliche Verantwortung. Die Delegation sei ohne Abstimmung mit der Armee in ein sensibles Gebiet gefahren. Zudem verwies das Büro darauf, dass Baudoux, Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, früher die palästinensische Flagge am Rathaus gehisst habe, worauf die französischen Behörden ihre Entfernung anordneten. Die Berichte stünden im Zusammenhang mit einer „koordinierten Kampagne“, Israel und die jüdischen Bewohner von Judäa und Samaria zu verleumden.
Bei den Europäern löste das Empörung aus. Die politische Haltung des Bürgermeisters habe nichts mit der Frage zu tun, wer ihn angegriffen habe, sagte der Diplomat. Auch den Vorwurf der fehlenden Abstimmung weist die Delegation zurück: Taybeh liege im Gebiet B, in dem nach den Oslo-Verträgen die Palästinensische Autonomiebehörde für zivile Angelegenheiten und Israel für die Sicherheit zuständig ist. Diplomaten besuchten das Dorf regelmäßig, eine Abstimmung sei dafür nie verlangt worden. Die Armee wiederum erklärt nach Angaben von N12, die Hotline sei nur für Sicherheitskräfte gedacht, und für eine lückenlose Präsenz in Judäa und Samaria fehlten ihr mindestens zehn Bataillone.
Europa droht mit Sanktionen
Die Reaktionen aus Europa fielen scharf aus. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot forderte, Israel müsse die Verantwortlichen festnehmen und vor Gericht stellen. Der belgische Außenminister Maxime Prévot kündigte an, sich weiter für EU-Sanktionen gegen die Verantwortlichen dieser Gewalt und ihre Unterstützer einzusetzen. Auch Polen zeigte sich empört. In Israel wächst die Sorge, dass solche Maßnahmen nicht bei den Siedlungen haltmachen. Ein hochrangiger israelischer Vertreter sprach nach einem Bericht von Calcalist von einem „strategischen Anschlag“ auf Israels Ansehen.
Auch Washington erhöht den Druck. Außenminister Marco Rubio sagte nach den Bildern vom Angriff auf Levine, man sei „sehr beunruhigt“ und fordere Israel weiterhin auf, hart durchzugreifen. US-Botschafter Mike Huckabee nannte den Angriff auf Levine einen „verabscheuungswürdigen Terrorakt maskierter Feiglinge“. Die Täter müssten „Jahre im Gefängnis“ verbringen. Wie schwer Levine verletzt wurde, ist inzwischen deutlicher: Nach Angaben ihrer Kinder erlitt sie neben einem fast abgetrennten Finger, der in Israel operiert wurde, einen Rippenbruch und mehrere gebrochene Wirbel.
Innenpolitisch wenige klare Worte
Im Regierungslager äußerten sich nur wenige. Eine Ausnahme ist die Partei Amcha Yisrael (Volk Israel) des früheren Brigadegenerals Ofer Winter. Die Gewalt einer Handvoll Extremisten verdiene eine unmissverständliche Verurteilung, erklärte sie. „Diese gewalttätige Minderheit repräsentiert nicht die Bewohner von Judäa und Samaria“, sie schade dem Siedlungswerk selbst. Der Vorsitzende des Jescha-Rats, Yisrael Ganz, forderte die Polizei allgemein auf, Ordnung zu schaffen und Steinewerfer sowie Organisatoren von Unruhen festzunehmen, ohne die Angreifer ausdrücklich zu benennen. Die Opposition wurde deutlicher: Gadi Eisenkot, Spitzenkandidat der Partei Yashar, sprach von „jüdischem Terror unter der Schirmherrschaft der Regierung“.
Das letzte christliche Dorf
Dass der Angriff ausgerechnet in Taybeh geschah, gibt ihm zusätzliches Gewicht. Taybeh ist das letzte Dorf in Judäa und Samaria, dessen Bewohner ausschließlich Christen sind. Die christliche Überlieferung sieht in ihm das biblische Ephraim, in das sich Jesus vor seinem letzten Weg nach Jerusalem mit seinen Jüngern zurückzog (Johannes 11,54). Nach Worten des Rabbiners Benny Lau in einer Ynet-Reportage machen Christen heute weniger als ein Prozent der palästinensischen Bevölkerung aus. Seit dem 7. Oktober 2023 haben nach Angaben von Ynet 15 Familien das Dorf verlassen. Westlich liegt die Siedlung Ofra, in den vergangenen Jahren sind rund um das Dorf mehrere Siedlerhöfe entstanden. Schon im Juli 2025 hatte Huckabee das Dorf nach Übergriffen besucht.
Für Israel ist das mehr als ein Imageproblem. Die Delegation kam aus katholisch geprägten Ländern, die sich dem Schutz der Christen in der Region verpflichtet fühlen, zu ihr gehörten nach belgischen Angaben auch katholische Vertreter. Neun Tage vor der Knesset-Wahl zeigt der Fall zudem, wie sehr eine kleine gewaltbereite Gruppe Israels Beziehungen zu seinen Partnern belasten kann, wenn Sicherheitskräfte nicht rechtzeitig eingreifen und die Regierung mit mehreren Stimmen spricht.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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