Warnung aus dem Inneren: Schin-Bet-Chef sieht bewaffnete Strukturen im Negev
Während Israels Blick vor allem auf den Iran, den Libanon und den Gazastreifen gerichtet ist, sorgt eine ungewöhnliche Warnung des Inlandsgeheimdienstes für Unruhe. Schin-Bet-Chef David Zini spricht von Versuchen, in der beduinischen Streusiedlung im Negev Verbände mit militärischem Charakter aufzubauen. Kommunalpolitiker reagieren alarmiert, doch ausgerechnet aus der Polizei kommt Widerspruch.
Drei Jahre nach dem 7. Oktober reagiert Israel empfindlicher auf Warnzeichen als früher. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit für das, was Zini am Montag im Sicherheitskabinett vortrug. In einer Sitzung über die Bedrohungen aus dem Gazastreifen und aus Judäa und Samaria warnte er nach übereinstimmenden Berichten von Ynet, i24NEWS und der Jerusalem Post vor Entwicklungen in Teilen der beduinischen Bevölkerung im Süden des Landes. Es gebe Orte mit „militärischer Infrastruktur“, und man vereitle „ständig Versuche, militärische Bataillone aufzubauen“. Zini nannte das „ein sehr besorgniserregendes Phänomen“.
Nur eine kurze Autofahrt von Beerscheba
Brisant ist vor allem der Ort. Es geht nicht um den Gazastreifen, den Libanon oder eine ferne Grenze, sondern um das Kernland im Süden Israels. Einige der betroffenen Gebiete liegen nach Angaben von Ynet nur eine kurze Autofahrt von Beerscheba und Dimona entfernt.
Nach Zinis Darstellung gibt es bei einzelnen Akteuren eine „besorgniserregende Verbindung“ zu Terrororganisationen wie der Hamas, unter anderem weil viele von ihnen Frauen aus dem Gazastreifen oder aus Judäa und Samaria geheiratet hätten. Von einem unmittelbar bevorstehenden Angriff war nicht die Rede. Öffentlich wurde auch nicht bekannt, wie groß diese Gruppen sind, wie weit ihre Organisation fortgeschritten ist oder über welche Waffen sie tatsächlich verfügen. Zwischen einer ernsten Warnung und einer bereits bestehenden „Terrorarmee“ ist deshalb zu unterscheiden.
Gemeinden reagieren alarmiert
Im Negev selbst haben die Aussagen dennoch erhebliche Unruhe ausgelöst. Kommunalpolitiker aus der Region erklärten, sie warnten seit Jahren vor der großen Menge illegaler Waffen und davor, dass der Staat in manchen Gebieten seine Autorität kaum noch durchsetzen könne. Der Bürgermeister von Omer, Erez Badash, sagte gegenüber Ynet sinngemäß, die Grenze zwischen gewöhnlicher Kriminalität und nationalistisch oder terroristisch motivierter Gewalt sei teilweise sehr dünn geworden. In einigen Orten fällt inzwischen sogar der Vergleich mit dem 7. Oktober: Man wolle dieses Mal nicht erst nach einer Katastrophe feststellen, dass die Warnungen bekannt gewesen seien.
Auch politisch schlug die Warnung Wellen. Naftali Bennett, Vorsitzender der Partei Beyachad, sprach von einem Verlust der staatlichen Kontrolle im Negev und kündigte an, Waffenschmuggel in einer künftigen Regierung als Terror einzustufen. Ofer Winter, Vorsitzender von Amcha Yisrael (Volk Israel), nannte Zinis Warnung ein „rotes Warnsignal“ und fragte, wo der Ministerpräsident und der Polizeiminister seien. Selbst Yoav Segalovitz, früherer Vizeminister für innere Sicherheit und Nummer zwei auf der Liste der arabischen Partei Ra’am, sprach von einem schweren Versagen der Regierung, nachdem eine Veranstaltung in Rahat von Schüssen aus einem Clanstreit unterbrochen worden war.
Ausgerechnet die Polizei widerspricht
Ein entscheidender Punkt macht die Geschichte jedoch komplizierter. Ein hochrangiger Polizeibeamter äußerte gegenüber Ynet deutliche Zweifel. „Es ist nicht klar, woher der Schin-Bet-Chef diese Information hat“, sagte er. „Man kann eine solche Aussage nicht einfach in die Luft werfen.“ Selbst die Verbindungsleute des Geheimdienstes, die mit dem Südbezirk der Polizei zusammenarbeiten, wüssten nicht, worauf sich die Behauptungen stützten. Sollte es Erkenntnisse über Bataillone oder militärische Infrastruktur geben, müssten sie an die Polizei weitergegeben werden, damit diese handeln könne.
Auch Vertreter der Beduinen weisen die Vorwürfe zurück. Habes al-Atawna, Vorsitzender des Gemeinderats von Hura, sagte, so etwas gebe es bei ihnen nicht, und kritisierte den Zeitpunkt „zwanzig Tage vor den Wahlen“. Die meisten Beduinen seien gesetzestreu, die Kriminalität einer kleinen Minderheit sei „unter keinen Umständen Terror“. Der Regionalrat der nicht anerkannten Dörfer warf Zini vor, politisch motiviert zu handeln.
Hier ist Sorgfalt geboten. Die beduinische Bevölkerung des Negev ist keine einheitliche Gruppe. Beduinen dienen in den israelischen Sicherheitskräften, halfen am 7. Oktober bei der Rettung von Israelis und wurden selbst Opfer des Hamas-Angriffs. Die Warnung richtet sich nach Darstellung des Schin Bet gegen bestimmte Strukturen und Personen, nicht gegen alle Beduinen im Süden.
Hunderttausend illegale Waffen
Unabhängig vom Streit zwischen Geheimdienst und Polizei gibt es ein Problem, über das in Israel seit Langem gesprochen wird: die enorme Zahl illegaler Waffen. Das Rippman-Institut schätzt nach einem Bericht von Israel Hayom, dass allein im Negev rund 100.000 illegale Waffen im Umlauf sind. Geschmuggelt wird über die Grenzen zu Ägypten und Jordanien, zunehmend auch mit Drohnen. Nach Angaben der Sicherheitsbehörden laufen die Waffen über Knotenpunkte im Negev weiter in gemischte Städte und von dort in Orte wie Kalkilia, Ramallah und Dschenin. Der Schin Bet stellte fest, dass zwei geschmuggelte Pistolen bei tödlichen Anschlägen im Oktober 2024 in Beerscheba und an der Route 4 eingesetzt wurden. Im Juli bewilligte die Regierung rund 364 Millionen Schekel für eine eigene Einheit des Schin Bet gegen Waffenschmuggel.
Was bislang häufig als Problem der Kriminalität behandelt wurde, bekommt eine andere Dimension, wenn Waffenbestände auf islamistische oder nationalistisch motivierte Gruppen treffen. Die Spitzen von Armee, Polizei und Schin Bet trafen sich in dieser Woche zu einer gemeinsamen Lagebewertung. Dabei ging es ausdrücklich um die „sensible Zeit“ der kommenden Wochen, die Sicherheit im Inneren und die Wahl am 27. Oktober. Die Sicherheitsorgane kündigten an, ihre Zusammenarbeit gegen Terrororganisationen und nationalistisch motivierte Gewalt zu verstärken.
Die Front im Inneren reicht bis Judäa und Samaria
Der Negev steht dabei nicht allein. Dieselbe Kabinettssitzung befasste sich mit dem Terror aus Judäa und Samaria, und dort ist die Bedrohung durch zahlreiche Ermittlungen belegt. Nach Angaben des Schin Bet vom Juni hat er im vergangenen Jahr Dutzende Anschläge in Judäa und Samaria vereitelt, die von Hamas-Funktionären in der Türkei gesteuert wurden. Sie werben Attentäter an und schleusen Geld und Waffen in die Region. Im September wurden zwei Palästinenser aus der Gegend von Nablus angeklagt, die nach Angaben der Ermittler über Sturmgewehre verfügten, Kämpfer ausbildeten, Anschläge mit Autobomben und Drohnen planten und einen Mordanschlag auf Minister Itamar Ben-Gvir erwogen.
Damit ergibt sich ein klares Bild: Waffen, die über den Negev ins Land kommen, landen auch in Judäa und Samaria, und die Hamas versucht, aus dem Ausland heraus bewaffnete Strukturen im Inneren aufzubauen. Ob sich Zinis Warnung vor Bataillonen im Negev in vollem Umfang bestätigt, ist umstritten. Unstrittig ist, dass Israels Sicherheitsproblem drei Jahre nach dem 7. Oktober nicht nur an seinen Grenzen liegt, sondern mitten im Land.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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