Washington macht sich bereit: Kommt die nächste Angriffswelle gegen den Iran noch vor Israels Wahl?
Die USA bereiten sich auf eine mögliche Wiederaufnahme des Krieges gegen den Iran vor. Das Pentagon hat das für den Nahen Osten zuständige Zentralkommando der US-Streitkräfte (CENTCOM) vor einigen Tagen angewiesen, die Vorbereitungen für neue großangelegte Kampfhandlungen abzuschließen. Das berichtete der Journalist Barak Ravid in der Nacht zum Donnerstag im israelischen Sender N12 und auf dem US-Portal Axios unter Berufung auf amerikanische Regierungsvertreter.
Ein Datum für einen Angriff enthält die Weisung nicht, und US-Präsident Donald Trump hat nach diesen Angaben noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Amerikanische und israelische Quellen halten es jedoch für möglich, dass es noch vor den Zwischenwahlen in den USA am 3. November so weit sein könnte, womöglich sogar vor der Knesset-Wahl am 27. Oktober. Im Fall eines neuen Angriffs rechnen Eingeweihte mit massiven Bombardierungen von Energieanlagen, Infrastruktur und Atomanlagen im Iran.
Waffenruhe ohne Frieden
Der Bericht trifft auf eine Lage, die seit Monaten in der Schwebe ist. Der Krieg hatte Ende Februar mit gemeinsamen Angriffen der USA und Israels begonnen. Seit eine von Pakistan vermittelte Waffenruhe im April in Kraft trat, ruhen die großen Kampfhandlungen weitgehend. Im Juni folgte eine auf 60 Tage befristete Absichtserklärung, die eine Einigung vorbereiten sollte. Sie lief im August aus, ohne dass ein Abkommen zustande kam. Seither haben die Zwischenfälle rund um die Straße von Hormus wieder zugenommen. Die US-Marine blockiert seit April iranische Häfen, der Schiffsverkehr durch die für den weltweiten Ölhandel zentrale Meerenge ist stark eingeschränkt.
Die Verhandlungen kommen nicht voran. Am Rande der UN-Vollversammlung Ende September bot der Iran über Vermittler an, die Straße von Hormus binnen sieben Tagen wieder zu öffnen und die Atomgespräche wieder aufzunehmen, wenn im Gegenzug die Blockade und die Sanktionen aufgehoben werden. Trump erklärte, er habe das Angebot zurückgewiesen. Teheran bestreitet allerdings, eine offizielle Ablehnung erhalten zu haben. Der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Mike Waltz, nannte es einen „zynischen“ Versuch, unannehmbare Bedingungen auf den Tisch zu legen. Nach Angaben von Axios wartet Katar als Vermittler inzwischen auf eine iranische Antwort auf einen amerikanischen Gegenvorschlag, der Zugeständnisse im Atomprogramm verlangt.
„Auf die leichte oder auf die harte Tour“
Aus Washington kommen deutliche Töne. Ein Vertreter des Verteidigungsministeriums sagte, es sei Aufgabe des Ministeriums, dem Präsidenten militärische Optionen zu entwickeln und vorzulegen. Ein Vertreter des Weißen Hauses erklärte, die USA seien in einer sehr starken Position, mit Kontrolle über die Straße von Hormus und einer kollabierenden iranischen Wirtschaft. Die Lage werde sich „auf die leichte oder auf die harte Tour“ entwickeln.
Bereits am vergangenen Freitag hatte sich Trumps Sicherheitsteam unter Leitung von Vizepräsident JD Vance zu einer nicht angekündigten, mehrstündigen Sitzung in Camp David getroffen. Dabei waren unter anderem Außenminister Marco Rubio, Verteidigungsminister Pete Hegseth, CIA-Direktor John Ratcliffe und der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, Dan Caine, anwesend. Nach israelischen Angaben ging es dabei auch um eine Wiederaufnahme der Angriffe. Rubio sprach anschließend lediglich von „langfristiger“ außenpolitischer Planung. Am Mittwoch telefonierte Trump mit Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, zum zweiten Mal binnen weniger Tage, nachdem beide wochenlang kaum miteinander gesprochen hatten. Nach US-Angaben ging es um das Gedenken an die Opfer des 7. Oktober. Zuvor hatte Netanyahu mit seinen Sicherheitsberatern über den Iran beraten.
Teheran droht mit Vergeltung
Der Iran signalisiert seit Wochen, dass er mit einem Angriff rechnet. Bereits am 21. September erklärte das zentrale Militärkommando Chatam al-Anbiya, die USA bereiteten neue Angriffe vor. Jeder Angriff werde Vergeltung gegen amerikanische Stützpunkte nach sich ziehen, und Staaten, die ihr Gebiet dafür zur Verfügung stellten, würden als Mittäter betrachtet. Der Oberbefehlshaber der Armee, Amir Hatami, drohte: „Wenn der Iran keinen Handel treiben kann, wenn der Iran nicht leben kann, wird niemand Handel treiben oder leben können.“ Außenminister Abbas Araghchi sagte dem US-Sender NBC, sein Land sei „vollständig bereit“ für eine Wiederaufnahme des Krieges, setze aber weiter auf Diplomatie.
Israelische Vertreter beschreiben das Regime in Teheran als verzweifelt und paranoid. Nach zwei Überraschungsangriffen, gemeint sind die Angriffe im Juni 2025 und im Februar dieses Jahres, könne es sich eine dritte Überraschung nicht leisten. Das berge die Gefahr, dass der Iran selbst die Initiative ergreift und als Erster zuschlägt.
Was das für Israel bedeutet
Für Israel steht viel auf dem Spiel. Im Fall neuer Kämpfe würden die USA und Israel nach Einschätzung israelischer Vertreter gemeinsam vorgehen, die israelische Armee (IDF) wäre an den Angriffen beteiligt. Der Iran würde dann voraussichtlich Hunderte ballistische Raketen auf Israel abfeuern. Ein israelischer Vertreter dämpfte zugleich die Erwartungen: „Die Wahrscheinlichkeit, dass es vor den Wahlen passiert, ist nicht hoch, aber wir schließen es nicht aus. Nach den Zwischenwahlen steigt sie deutlich.“ Auch das „Wall Street Journal“ hatte Ende September berichtet, Trump rechne intern eher mit Angriffen nach den Zwischenwahlen.
Ein Krieg in den letzten Wochen des Wahlkampfs würde die politische Lage in Israel grundlegend verändern. N12 weist darauf hin, dass eine neue Eskalation oder auch nur ein anhaltender Ausnahmezustand Netanyahu politisch nützen und es seinen Gegnern erschweren könnte, ihn auf der Zielgeraden anzugreifen. Im äußersten Fall könnte ein neuer Krieg sogar zu einer Verschiebung der Wahl führen. In den USA wiederum könnte ein neuer Anstieg des Ölpreises nach Einschätzung von Axios die Zwischenwahlen beeinflussen. Ob und wann Trump den Befehl gibt, ist offen. Klar ist nur, dass das US-Militär angewiesen ist, dafür bereit zu sein.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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