Tomaten, die kein Wetter brauchen: Im Negev wächst das Gewächshaus der Zukunft

Draußen herrschen Wüstenhitze, trockene Luft und karger Boden. Drinnen messen Sensoren rund um die Uhr jedes Grad, jeden Tropfen und jedes Blatt, und Roboter fahren zwischen den Tomatenpflanzen hindurch. Mitten im Negev testen israelische Forscher, wie Landwirtschaft aussehen kann, wenn Klima, Wasser und Arbeitskräfte knapp werden. Ihr Anspruch ist groß: dreimal so viel Ertrag wie heute.

Hinter dem Projekt steht Mop Ramat HaNegev, die Forschungs- und Entwicklungsstation der Bauern im südlichen Negev, rund 30 Kilometer südlich von Be’er Scheva. Seit Jahrzehnten erproben Agrarwissenschaftler dort, was in der Wüste wachsen kann, von Oliven und Granatäpfeln über Jojoba bis zu Weinreben. Das sogenannte Gewächshaus der Zukunft entstand auf Initiative des israelischen Landwirtschaftsministeriums, investiert wurden rund 7,5 Millionen Schekel, umgerechnet knapp zwei Millionen Euro. Betrieben wird es gemeinsam mit Frontier, einem Innovationszentrum, das die Station zusammen mit der internationalen Investmentgruppe Arieli gegründet hat.

Ein geschlossener Kreislauf in der Wüste

Das Prinzip klingt einfach, ist aber technisch anspruchsvoll. Das Gewächshaus ist nach außen abgeschlossen. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Licht, Bewässerung und Düngung werden automatisch gesteuert und ständig überwacht. Die Pflanzen wachsen nicht im Boden, sondern in rund 60 Zentimeter hohen Beeten auf Kokosfasern. Das Wasser läuft in einem geschlossenen Kreislauf über zwei große Tanks mit je 40 Kubikmetern.

Eine besondere Rolle spielt dabei eine Filteranlage des israelischen Unternehmens Nuf Filtration. Sie arbeitet ähnlich wie eine Dialysemaschine in der Medizin: Bewässerungswasser und Nährstoffe werden gereinigt und wiederverwendet, ohne dass Krankheitserreger durch das System wandern. Gerade in einem Land, in dem jeder Liter zählt, ist das ein entscheidender Vorteil.

Zwischen den Pflanzenreihen kommen Roboter aus israelischer Entwicklung zum Einsatz. Sie sollen bei Ernte und Pflanzenkontrolle helfen und so Personal einsparen. Dr. Noga Weissman, die das Gewächshaus leitet, beschreibt das Ziel nüchtern: Der Tomatenanbau im Negev soll auch in fünf bis zehn Jahren nicht unter dem Klimawandel leiden. Gleichzeitig strebt das Team einen dreimal so hohen Ertrag an, wie er heute üblich ist.

Startups testen unter echten Bedingungen

Die Station ist zugleich ein Testfeld für junge Unternehmen. Das israelische Startup AgriLight etwa kombiniert Landwirtschaft und Solarenergie. Seine Paneele hängen über Weinreben und werden von Sensoren und künstlicher Intelligenz so ausgerichtet, dass die Pflanzen genug Licht bekommen und gleichzeitig möglichst viel Strom erzeugt wird. Ein anderes Unternehmen, Seymore, misst mit Sensoren Lufttemperatur, Blatttemperatur und Bodenbedingungen.

Für Yariv Erez, den Geschäftsführer von Frontier, liegt die eigentliche Herausforderung nicht im Erfinden, sondern im Verkaufen. Israelis seien hervorragend darin, Startups zu gründen, doch um eine Technologie wirtschaftlich erfolgreich zu machen, brauche es zusätzliches Know-how. Die Erfahrung aus der Praxis zeigt ihm auch, wie Bauern denken: Kaum einer will sofort ein komplettes Hightech-Gewächshaus kaufen. Gefragt ist, wie man Schritt für Schritt investieren kann.

Warum Israel auf Roboter setzt

Der Hintergrund ist nicht nur das Klima. Israels Landwirtschaft hängt seit Jahren stark von ausländischen Arbeitskräften ab, vor allem aus Thailand. Wie verletzlich dieses System ist, zeigte der 7. Oktober 2023. Nach Angaben von Erez wurden an jenem Tag rund 400 thailändische Arbeiter aus dem Grenzgebiet zum Gazastreifen in eben jenes Gebäude gebracht, in dem heute das Innovationszentrum arbeitet. Viele kehrten danach in ihre Heimat zurück, und auf zahlreichen Höfen fehlten plötzlich die Hände für Ernte und Pflege.

Automatisierung ist deshalb für Israel nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern auch der Versorgungssicherheit. Je weniger ein Betrieb von Wetter, Wasserknappheit und Personal abhängt, desto stabiler bleibt die Lebensmittelproduktion, auch in Krisenzeiten.

Mango und Litschi aus der Wüste

Die Forscher denken bereits weiter. In einem kontrollierten Umfeld könnten im Negev künftig auch Früchte wachsen, für die die Wüste eigentlich ungeeignet ist, etwa Litschi, Mango oder Avocado. Auf den Versuchsflächen rund um die Station laufen zudem seit über einem Jahrzehnt Versuche mit rund 30 Rebsorten, von denen die meisten zum Vergleich auch in Mitzpe Ramon angebaut werden.

Dr. Yuval Kay, der Leiter der Forschungsstation, fasst den Wandel in einem Satz zusammen: Man habe verstanden, dass man in die Welt der Innovation eintreten müsse. Der Gedanke dahinter reicht weit über Israel hinaus. Gelingt es, in der Wüste stabil und wirtschaftlich zu produzieren, lässt sich die Technik auch in anderen heißen und trockenen Regionen der Welt einsetzen.

Für viele Juden und Christen schwingt dabei ein biblisches Bild mit. Schon der Prophet Jesaja sah eine Zeit voraus, in der die Wüste blühen wird (Jesaja 35,1). Im Negev arbeiten Forscher heute ganz praktisch daran, mit Sensoren, Robotern und viel Erfindergeist.

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