Wenn die Tora tanzt: Was Juden an Simchat Tora feiern und warum die Synagogen dabei überkochen

Simchat Torah, Synagoge tanzen Israel, 2026

Kaum ein anderes jüdisches Fest ist so ausgelassen. An Simchat Tora werden die Torarollen aus dem Toraschrein geholt, und dann wird getanzt: stundenlang, im Kreis, mit Gesang, mit Kindern auf den Schultern. In diesem Jahr mischte sich in vielen Synagogen ein besonderer Dank in die Freude. Nur zwei Tage vor dem Fest war ein Anschlag auf ein Flugzeug mit 174 Passagieren, fast alle aus Israel, in letzter Minute vereitelt worden. Viele Gemeinden dankten Gott für diese Bewahrung.

Simchat Tora heißt übersetzt „Freude an der Tora“. Gefeiert wird kein historisches Ereignis, sondern die Freude am Wort Gottes. Das Fest bildet den Abschluss der Herbstfeiertage, die mit Rosch Haschana beginnen und über Jom Kippur und Sukkot führen. In Israel fällt es mit Schemini Azeret zusammen, dem „achten Tag der Versammlung“, den die Bibel unmittelbar nach den sieben Tagen des Laubhüttenfestes anordnet (3. Mose 23,36). Außerhalb Israels feiern jüdische Gemeinden Simchat Tora einen Tag später. In diesem Jahr fiel das Fest in Israel auf den Schabbat, im Ausland dauert es bis zum heutigen Sonntagabend.

Das Ende ist zugleich der Anfang

Der Anlass ist schnell erklärt. In der Synagoge wird die Tora, also die fünf Bücher Mose, im Laufe eines Jahres Abschnitt für Abschnitt vollständig vorgelesen. An Simchat Tora erreicht die Lesung das Ende des 5. Buches Mose: den Segen Moses über die Stämme Israels und seinen Tod auf dem Berg Nebo. Doch die Gemeinde lässt das letzte Wort nicht stehen. Unmittelbar danach wird eine zweite Rolle aufgerollt, und es erklingt wieder der erste Vers der Bibel: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“ (1. Mose 1,1).

Die Botschaft dahinter: Mit Gottes Wort ist man nie fertig. In der jüdischen Tradition wird dazu gern auf eine kleine Beobachtung verwiesen. Der letzte Buchstabe der Tora ist ein Lamed, der erste ein Bet. Zusammen ergeben sie das hebräische Wort „Lev“, Herz. Wer Ende und Anfang zusammenliest, hält gewissermaßen das Herz der Tora in Händen.

Ein Fest, das erst später entstand

Anders als Sukkot oder Pessach wird Simchat Tora in der Bibel nicht erwähnt. Das Fest entwickelte sich erst im Mittelalter, nachdem sich der babylonische Brauch durchgesetzt hatte, die gesamte Tora innerhalb eines einzigen Jahres zu lesen. Im Land Israel hatte man dafür früher rund drei Jahre gebraucht. Mit dem jährlichen Lesezyklus entstand auch der Wunsch, dessen Abschluss gebührend zu feiern. Die Tänze in ihrer heutigen Form verbreiteten sich vor allem ab dem 16. Jahrhundert, nicht zuletzt unter dem Einfluss der Kabbalisten im galiläischen Safed. Von dort aus fanden sie nach und nach ihren Weg in Synagogen auf der ganzen Welt.

Sieben Runden um die Bima

Am Vorabend des Festes füllen sich die Synagogen wie an kaum einem anderen Tag im Jahr. Nach dem Abendgebet öffnet man den Toraschrein und holt sämtliche Torarollen heraus. Dann beginnen die Hakafot, die Umzüge. Siebenmal zieht die Gemeinde mit den Rollen um die Bima, das Lesepult in der Mitte des Raumes. Jede Runde wird mit kurzen Versen eröffnet, etwa mit dem Ruf „Ana Adonai hoschia na“, „Ach, HERR, hilf doch!“ (Psalm 118,25).

Was dann folgt, hat mit stiller Andacht wenig zu tun. Männer bilden Kreise, fassen sich an den Schultern und singen, während die schweren Rollen von Arm zu Arm weitergegeben werden. Jeder soll einmal eine Tora tragen dürfen, auch wer sonst selten in die Synagoge kommt. Die Rollen werden dabei liebevoll an sich gedrückt, beinahe wie ein Kind. Wer zusieht, denkt unwillkürlich an König David, der „mit aller Kraft vor dem HERRN“ tanzte, als die Bundeslade nach Jerusalem gebracht wurde (2. Samuel 6,14).

Kinder spielen an diesem Abend eine Hauptrolle. Sie schwenken kleine Fahnen, sitzen auf den Schultern ihrer Väter, bekommen Süßigkeiten zugesteckt und tanzen zwischen den Erwachsenen. Vielerorts ist die Synagoge bald zu eng. Dann ziehen die Tänzer mit den Torarollen auf die Straße, und ganze Viertel werden zur Tanzfläche.

Alle werden aufgerufen

Am Morgen wiederholen sich die Umzüge. Danach wird aus der Tora gelesen, und zwar so oft, dass in orthodoxen Gemeinden jeder Mann einmal zur Lesung aufgerufen werden kann. Eine besondere Ehre haben der „Bräutigam der Tora“, der beim letzten Abschnitt aufgerufen wird, und der „Bräutigam des Anfangs“, der die Lesung mit dem ersten Kapitel der Bibel neu beginnt.

Einer der bewegendsten Momente gehört den Kindern. Sie werden gemeinsam nach vorne gerufen und versammeln sich unter einem großen, ausgebreiteten Gebetsschal. Über ihnen spricht die Gemeinde den Segen, den Jakob einst über seine Enkel sprach: „Der Engel, der mich erlöst hat von allem Übel, der segne die Knaben“ (1. Mose 48,16). In Israel beginnt am selben Tag außerdem das Gebet um Regen, ein wichtiger Moment für ein Land, in dem die Winterregen für Natur und Landwirtschaft entscheidend sind.

Dank für ein Wunder über den Wolken

In diesem Jahr hatte der Segen über die Kinder für viele einen besonderen Klang. Unter den 174 Passagieren von Flug FZ1073 aus Dubai waren 27 Kinder. Am Mittwochmorgen hatte der omanische Kopilot den Kapitän im Cockpit mit einer Axt angegriffen und versucht, die Maschine zum Absturz zu bringen. Dass alle Insassen am Abend wohlbehalten in Israel landeten, verdanken sie dem schwer verletzten Kapitän, der die Cockpittür öffnen konnte, und israelischen Passagieren, die den Angreifer überwältigten.

Viele Israelis sprechen seitdem offen von einem Wunder. In zahlreichen Synagogen wurde bei den Gebeten und Tänzen daran erinnert und Gott für die Bewahrung gedankt. Die jüdische Tradition kennt dafür sogar einen eigenen Segen, die Birkat HaGomel. Sie wird von Menschen gesprochen, die aus großer Gefahr gerettet wurden, und zwar öffentlich, wenn sie zur Toralesung aufgerufen werden. Die Rabbiner leiten diesen Dank aus Psalm 107 ab, der unter anderem jene zum Lob Gottes aufruft, die auf gefährlicher Reise bewahrt wurden (Psalm 107,23–31).

Israel tanzt ein zweites Mal

Eine israelische Besonderheit beginnt, wenn das Fest am Abend endet. Bei den sogenannten zweiten Hakafot wird in vielen Städten erneut mit den Torarollen getanzt, oft auf öffentlichen Plätzen und nun auch mit Live-Musik, die während des Feiertags selbst nicht gespielt wird. Gedacht ist das auch als Zeichen der Verbundenheit mit den Juden im Ausland, die genau an diesem Abend ihr Simchat Tora beginnen.

Freude, die nicht vergessen hat

Seit 2023 liegt über dem Fest allerdings ein Schatten. Der 7. Oktober jenes Jahres war in Israel Simchat Tora. Während in den Synagogen getanzt werden sollte, überfielen Terroristen der Hamas den Süden des Landes. Seither fällt der Jahrestag des Massakers im jüdischen Kalender auf das Fest der Freude. Viele Israelis tanzen deshalb mit gemischten Gefühlen, manche widmen einzelne Runden den Ermordeten und den Verschleppten.

Umso stärker wirkte in diesem Jahr der Kontrast. Vor drei Jahren wurde die Freude des Festes durch einen Terrorangriff zerstört. Diesmal konnten 174 Menschen mit ihren Familien Simchat Tora feiern, weil ein geplanter Anschlag scheiterte. Der Tanz mit der Tora war in der jüdischen Geschichte immer auch eine Antwort auf Verfolgung: Das Wort Gottes wird weitergetragen, Runde um Runde, Jahr für Jahr. Und wenn die letzte Zeile gelesen ist, beginnt man wieder von vorn.

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