Stille in Israel, Sturm ringsum: Der Nahe Osten am Versöhnungstag
Israel begann den Versöhnungstag in diesem Jahr mit einer bemerkenswerten Besonderheit: Es war der erste Jom Kippur seit 2023, an dem an keiner Front aktiv gekämpft wurde, ein Kontrast, der besonders schwer wiegt, da der Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 damals weniger als zwei Wochen nach dem Feiertag jenes Jahres stattfand. Es war zudem der erste Jom Kippur seit mehr als einem Jahrzehnt, an dem keine Geiseln mehr in Gaza festgehalten wurden. Das Land schaltete am Sonntagnachmittag ab, „die nächsten 25 Stunden ist Israel offline“, teilte das Außenministerium auf X mit. Straßen leerten sich, Ampeln blinkten nur noch gelb, Menschen zogen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Klagemauer, wo bereits am Freitag zuvor Zehntausende zu den Selichot-Gebeten zusammengekommen waren.
Zugleich stand dieser Jom Kippur unter einem schweren Schatten: Nur einen Tag zuvor war ein israelischer Zivilist bei einem Terroranschlag nahe Neve Zuf in Binyamin erschossen worden, wie berichtet. Die Armee reagierte mit verstärkter Präsenz an allen Fronten, zusätzliche Kompanien wurden im Nord-, Süd- und Zentralkommando eingesetzt, in jedem Sektor blieb ein hochrangiger Offizier im Dienst, die Luftwaffe hielt mehr bewaffnete Maschinen in Bereitschaft, die Marine verstärkte ihre Raketenboote und Grenzschutzschiffe. Ein hochrangiger Kommandeur bezeichnete die Lage in Gaza gegenüber Channel 13 als „ruhig“, betonte jedoch, die Armee werde „nicht selbstgefällig“ und schließe eine Wiederaufnahme größerer Bodenoperationen im Gazastreifen nicht aus.
Ein Tanker in der Straße von Hormus, mitten am Feiertag
Während in Israel gefastet und geschwiegen wurde, ging die Krise rund um die Straße von Hormus ungebremst weiter: Am Montag, dem Tag des Jom Kippur selbst, wurde ein Tanker beim Einlaufen in die Meerenge nach Angaben des britischen Militärs von einem „unbekannten Geschoss“ getroffen, zwei Besatzungsmitglieder wurden verletzt, das Schiff konnte aus eigener Kraft weiter zum Hafen fahren. Seit Kriegsbeginn am 28. Februar beansprucht der Iran die Kontrolle über weite Teile der Meerenge, durch die in Friedenszeiten täglich rund 20 Millionen Barrel Öl, etwa ein Fünftel der weltweiten Versorgung, transportiert wurden. Vereinzelt durchqueren wieder Tanker die Straße, der Verkehr liegt jedoch weiterhin deutlich unter dem gewohnten Niveau.
Auch im Jemen setzte sich die Eskalation fort. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wurden allein in der Woche vom 13. bis 18. September 680 Menschen bei den Kämpfen zwischen den vom Iran unterstützten Huthis und den von Saudi-Arabien unterstützten Regierungstruppen getötet oder verletzt, 164 Tote und 516 Verletzte. Seit dem 6. August summiert sich die Zahl der Opfer damit auf 3.672, darunter 674 Tote. Die internationale Organisation für Migration beziffert die Zahl der durch die Kämpfe in sieben jemenitischen Provinzen vertriebenen Menschen inzwischen auf 129.438.
Parallel dazu empfing der iranische Innenminister Eskandar Momeni am Montag seinen pakistanischen Amtskollegen Mohsin Naqvi in Teheran. Pakistan versucht nach eigenen Angaben, gemeinsam mit anderen Staaten der Region, einen Dialog zwischen den USA und dem Iran zu vermitteln. Wenige Tage zuvor, am Freitag, hatte der Iran in Teheran mit der staatlich organisierten Militärparade „Dschanfada“ („Opfer für den Iran“) demonstrative Stärke gezeigt, schiitische Geistliche marschierten dabei bewaffnet mit Gewehren über den Revolutionsplatz.
In Saudi-Arabien gab der Zivilschutz inzwischen wieder Entwarnung, nachdem er zuvor angesichts der jüngsten Huthi-Angriffswelle Warnungen für mehrere Regionen des Königreichs ausgegeben hatte, darunter Dschidda, Taif in der Provinz Mekka, Khamis Mushait sowie die Provinz al-Ula. Die amerikanische Botschaft in Israel hielt ihre am Wochenende ausgegebene Sicherheitswarnung angesichts der eskalierenden Kämpfe zwischen Huthis und der saudisch geführten Koalition aufrecht, während israelische Truppen zeitgleich südöstlich von Jenin im Einsatz waren.
So verlief der heiligste Tag des jüdischen Kalenders in diesem Jahr als seltener Moment relativer Stille im eigenen Land, eingebettet in eine Region, die an praktisch jeder anderen Front weiter in Bewegung blieb.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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