Mehr als nur die Schraubpresse: Was eine neue Studie über den byzantinischen Weinboom im Süden Israels verrät
Eine neue statistische Analyse israelischer Archäologen zeigt, dass der beeindruckende Aufschwung der Weinproduktion im byzantinischen Südisrael nicht allein der Einführung der Schraubpresse zu verdanken war, wie lange angenommen. Die 2024 im Fachjournal „Atiqot“ der israelischen Altertümerbehörde veröffentlichte Studie von Matan Chocron, Oren Ackermann, Ilan Stavi und Boaz Zissu untersuchte systematisch die technischen Merkmale zahlreicher Kelteranlagen aus der Region und kommt zu einem differenzierteren Bild: Neben der Schraubpresse trugen vor allem der Einbau eines zweiten Sammelbeckens sowie eigens integrierter Gärzellen erheblich zur gesteigerten Weinausbeute bei, ein Zusammenspiel mehrerer technischer Neuerungen statt einer einzigen entscheidenden Erfindung.
Die byzantinische Epoche, etwa vom vierten bis siebten Jahrhundert, markierte einen historischen Höhepunkt der Weinproduktion in der südlichen Levante. Ausgangspunkt war die stark gestiegene Nachfrage nach dem als „Gaza-Wein“ berühmten Weißwein der Region, lateinisch auch „vinum Gazetum“ genannt, der über den Hafen von Gaza in den gesamten Mittelmeerraum verschifft wurde und dort als eine der begehrtesten Weinsorten der Spätantike galt. Transportiert wurde er in unverwechselbaren Tonkrügen, den sogenannten Gaza-Krügen, die im Mittelmeerraum jener Zeit so vertraut gewesen sein dürften wie heute eine Coca-Cola-Flasche.
Ein Weingut von industriellem Ausmaß
Wie groß diese Industrie werden konnte, zeigte sich eindrucksvoll bei der Ausgrabung einer der größten bislang bekannten byzantinischen Kelteranlagen der Welt im Jahr 2021 im zentralisraelischen Yavne. Die rund ein Hektar große Anlage soll nach Schätzungen der Altertümerbehörde bis zu zwei Millionen Liter Wein pro Jahr produziert haben, vollständig erhaltene Amphoren aus der Anlage waren für die Lagerung und den Export des Weins bestimmt, der, wie historische Quellen belegen, im gesamten Mittelmeerraum bekannt war.
Auch im trockenen Negev, wo Ausgrabungen an den Ruinenstätten Elusa, Shivta und Nessana über 10.000 verkohlte Traubenkerne sowie Getreidekörner in antiken Abfallgruben zutage förderten, lässt sich der Aufstieg des Weinbaus ab dem vierten Jahrhundert nachvollziehen, unterstützt auch durch Kirchenmosaike, die den Transport von Gaza-Krügen bildlich festhalten, sowie die Nessana-Papyri aus dem sechsten und siebten Jahrhundert, die Weinberge rund um die Siedlung dokumentieren. Unter Fachleuten allerdings nicht unumstritten: Manche Forscher argumentieren, die in den Höhensiedlungen des Negev gefundenen Gaza-Krüge sprächen eher für einen Weinimport in die dortigen Siedlungen als für einen Export aus ihnen, da der Transport leerer Krüge von der Küste ins Hochland wirtschaftlich wenig Sinn ergeben hätte.
Wer sich für die vollständige Studie interessiert, findet sie über die Forschungsdatenbank der Ariel-Universität: cris.ariel.ac.il/en/publications/wine-production-in-the-byzantine-winepresses-of-southern-israel-i
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