Balance statt Boykott: Warum ein Ex-Diplomat gelassen auf die Sanktionen aus London blickt
Während sich Israels Außenministerium und die britische Regierung seit Dienstag einen scharfen diplomatischen Schlagabtausch liefern, wie berichtet, meldete sich am Mittwoch eine deutlich ruhigere Stimme zu Wort: Shmuel Ben-Tovim, früherer israelischer Wirtschaftsattaché in London, verwies im Sender 103FM vor allem auf Israels eigene wirtschaftliche Möglichkeiten. Der Handel zwischen Israel und Großbritannien sei weitgehend ausgeglichen, Großbritannien selbst auf eine breite Palette israelischer Güter angewiesen, darunter auch im Verteidigungsbereich. Sein Fazit: Der politische Schlag habe London unmittelbar getroffen, während sich die wirtschaftlichen Folgen für Israel, sollte es reagieren wollen, erst mit Verzögerung zeigten.
Konkret auf die britischen Maßnahmen selbst angesprochen, relativierte Ben-Tovim ihre Tragweite deutlich: „Aus wirtschaftlicher Sicht ist das nicht so schlimm, wie es klingt.“ Nach seiner groben Schätzung machten Produkte, die direkt aus den Siedlungen stammten, allenfalls einen Wert im niedrigen zweistelligen Millionenbereich aus, verschwindend gering im Vergleich zum gesamten bilateralen Handelsvolumen. Zudem müssten die am Vortag angekündigten Maßnahmen erst noch gesetzlich umgesetzt werden, ein Prozess, der mehrere Monate dauern könne, „und wer weiß schon, wo die Dinge dann stehen“.
Kein Novum in den bilateralen Beziehungen
Ben-Tovim erinnerte daran, dass es zwischen Israel und Großbritannien bereits mehrfach zu ernsten Krisen gekommen sei, am prägendsten womöglich 2010 im Zuge der Mavi-Marmara-Affäre. Auch damals seien die Beziehungen erheblich belastet gewesen, hätten sich am Ende jedoch wieder normalisiert. Die aktuelle Schließung des britischen Konsulats in Jerusalem, eine der Gegenmaßnahmen von Außenminister Sa’ar, nannte er dennoch „einen sehr ernsten Schritt“, auch die Ausweisung britischer Vertreter aus dem Hauptquartier in Kiryat Gat begrüßte er ausdrücklich als richtige Reaktion.
Damit gesellt sich zur bisherigen Berichterstattung, Sa’ars scharfer politischer Antwort und der Erkenntnis, dass Washington den britischen Schritt trotz Botschafter Huckabees Warnung nicht blockiert hatte, eine dritte, eher wirtschaftlich-nüchterne Perspektive: Die unmittelbare materielle Bedrohung für Israel selbst bleibt aus dieser Sicht begrenzt.
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