Verlorene Jahre: Israels Schüler fallen bei der PISA-Studie so stark ab wie kaum ein anderes Land

Die am Dienstag veröffentlichten Ergebnisse der internationalen PISA-Studie 2025 zeichnen ein alarmierendes Bild vom Zustand des israelischen Bildungssystems. Gegenüber der letzten Erhebung von 2022 verlor Israel 38 Punkte in der Lesekompetenz, 25 Punkte in Mathematik und 23 Punkte in den Naturwissenschaften, Rückgänge, die weit über dem OECD-Durchschnitt liegen. Im Ranking der OECD-Staaten fiel Israel bei der Lesekompetenz um fünf Plätze auf Rang 31 von 38, bei den Naturwissenschaften um zwei Plätze auf Rang 33, bei Mathematik um einen Platz, ebenfalls auf Rang 33. Das israelische Bildungsministerium selbst bezeichnete den Rückgang im staatlichen Schulwesen als „besonders außergewöhnlich“.

Getestet werden bei PISA 15-Jährige, überwiegend Neunt- und teilweise Zehntklässler, in ihrer Fähigkeit, erlerntes Wissen auf konkrete Aufgaben und Probleme anzuwenden. Bemerkenswert ist dabei ein weiterer Aspekt, den eine Recherche des Journalisten Guy Asif für Ynet und Jedioth Achronoth aufgedeckt hatte: Im Vorfeld des Testtermins sollen Stellen im Bildungsministerium versucht haben, gezielt auf die Ergebnisse einzuwirken, unter anderem weil die Veröffentlichung zeitlich nah an die Wahl fiel, durch gezielte Vorbereitung der für den Test ausgewählten Schulen sowie unzulässige Einflussnahme auf die nationale Prüfstelle.

Trotz dieser Versuche fielen die Ergebnisse enttäuschend aus.

Ein historischer Tiefpunkt

An der Erhebung 2025 nahmen 91 Staaten teil, deutlich mehr als die 80 der vorherigen Runde, die meisten davon keine OECD-Mitglieder. In diesem breiteren internationalen Vergleich liegt Israel bei den Naturwissenschaften auf Platz 43 von 91, bei der Lesekompetenz auf Platz 37 und bei Mathematik auf Platz 43. In absoluten Zahlen erreichte Israel in den Naturwissenschaften 442 Punkte, gegenüber 482 im OECD-Schnitt, ein Rückstand von 40 Punkten. In Mathematik kamen israelische Schüler auf 433 Punkte, gegenüber 463 im Organisationsdurchschnitt, in der Lesekompetenz auf 436 gegenüber 461, jeweils rund 25 bis 30 Punkte unter dem OECD-Mittel. Der israelische Durchschnittswert in allen drei Bereichen ist der niedrigste seit Beginn der Teilnahme an PISA und unterscheidet sich statistisch kaum von den Werten aus dem Jahr 2006 in Mathematik und Lesekompetenz beziehungsweise 2009 in den Naturwissenschaften, praktisch der Verlust von anderthalb bis zwei Jahrzehnten an Fortschritt.

Das Bildungsministerium selbst räumte ein, die Rückgänge zählten „zu den schärfsten, die je in einem OECD-Land seit Beginn der PISA-Erhebung im Jahr 2000 registriert wurden, insbesondere bei der Lesekompetenz“. Als Erklärung verweist das Ministerium auf den Krieg: Die Schüler seien nach fast anderthalb Jahren Kampfhandlungen getestet worden, während derer Gemeinden evakuiert, Schulen geschlossen und wiedereröffnet, der Unterricht mehrfach unterbrochen und Lehrkräfte zum Reservedienst einberufen worden seien. Ausgerechnet während der Testphase selbst sei zudem die Kampfintensität in Gaza erneut gestiegen, während im Norden die Rückkehr des Schulsystems in die betroffenen Ortschaften gerade erst begonnen habe.

Fast jeder Dritte ohne Grundkompetenzen

Besonders alarmierend ist der Anteil der Schüler ohne grundlegende Kompetenzen: 29 Prozent der israelischen Schüler erreichen in keinem der drei Testbereiche das Basisniveau, gegenüber 19,7 Prozent im OECD-Durchschnitt, fast jeder dritte Schüler. Gleichzeitig schrumpfte die Gruppe der Spitzenschüler: Nur 8,8 Prozent der israelischen Schüler erreichten in mindestens einem Fach die höchsten Kompetenzstufen, gegenüber 11,9 Prozent im OECD-Schnitt und deutlich weniger als in Estland (18 Prozent), Japan (27,1 Prozent) oder Singapur (42,3 Prozent). Dieser Exzellenzwert bezieht sich allein auf die PISA-Skala und ist nicht identisch mit der israelischen Definition hochbegabter Schüler oder der Teilnahme an eigenen Förderprogrammen.

Auffällig ist zudem ein deutlicher Geschlechterunterschied: Israelische Mädchen erzielten bei der Lesekompetenz 455 Punkte gegenüber 417 bei den Jungen, ein Vorsprung von 38 Punkten und größer als der OECD-Durchschnitt. Besonders auffällig: Die Leseleistung der Jungen brach seit 2022 um rund 46 Punkte ein, fast dreimal so stark wie der durchschnittliche Rückgang bei Jungen im OECD-Raum von 17 Punkten. Auch die Mädchen büßten Punkte ein, ihr relativer Vorsprung ist also kein Beleg für eine Verbesserung.

Bildungsminister Yoav Kish wertete die Ergebnisse dennoch als „Beweis für die außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit des israelischen Bildungssystems“. Israel habe seine Position bei Lesekompetenz und Naturwissenschaften gegenüber 2018 gehalten und sei bei Mathematik nur einen Platz gefallen, ein Verdienst in erster Linie der Lehrkräfte, die die Schüler auch in den schwersten Momenten zusammengehalten hätten. Man habe die Erhebung bewusst auch während des Kriegs durchgeführt, „weil wir ein wahres Bild wollten“.

Deutlich schärfer fiel die Reaktion der nationalen Elternvertretung aus: „Leider überrascht uns das nicht. In den vergangenen sechs Jahren erlebten Israels Kinder den Weg von Corona über Lockdowns und Isolation bis zu Militäreinsätzen, dem 7. Oktober und langwierigen Kriegen und verloren dabei schulische, soziale und emotionale Kontinuität, die zwangsläufig Spuren hinterlässt. Aber das sind keine weiteren enttäuschenden Ergebnisse mehr, das ist ein echter Alarm für das Bildungssystem.“ Corona und Krieg erklärten das Ausmaß der Herausforderung, entbänden das Bildungsministerium aber nicht von der Verantwortung, ihr zu begegnen. Nötig sei jetzt ein nationaler Plan mit klaren Zielen, Ressourcen und Zeitplänen, um Lücken zu schließen. „PISA ist nicht das Problem, PISA ist der Spiegel. Statt mit dem Spiegel zu streiten, ist es Zeit, sich mit dem zu befassen, was sich darin zeigt.“

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