Nach Jahren der Vertreibung: Warum der erste Schultag für Tausende Kinder im Süden und Norden Israels diesmal etwas Besonderes ist
Rund 2,6 Millionen Kinder und Jugendliche haben am Dienstag in Israel nach den Sommerferien das neue Schuljahr begonnen, dieses Mal ohne die sonst üblichen Streikdrohungen der Lehrergewerkschaften. 180.000 von ihnen erleben ihren allerersten Schultag und starten damit in eine zwölfjährige Schullaufbahn, während 143.000 Zwölftklässler ihr letztes Jahr im Schulsystem beginnen, bevor Armeedienst oder Studium warten. Landesweit öffneten 27.757 Bildungseinrichtungen ihre Tore, darunter 21.800 Kindergärten und knapp 6.000 Schulen. Laut Bildungsministerium widmet sich die erste Schulwoche bewusst dem sozialen und emotionalen Wiederankommen der Kinder, dem Gefühl der Zugehörigkeit und dem Vertrauen zwischen Schülern und Lehrkräften.
Für Tausende Kinder aus den Gemeinden rund um den Gazastreifen und im äußersten Norden Israels ist dieser Schulbeginn jedoch weit mehr als ein gewöhnlicher Jahresauftakt. Nach fast drei Jahren der Evakuierung kehren viele von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben zum Schulanfang tatsächlich nach Hause zurück.
„Endlich wieder Eis auf der Veranda“
Galia Tivon, sechs Jahre alt, wird an der Schule „Alonim“ im Regionalverband Sha’ar Hanegev eingeschult. Sie lebt im Kibbuz Nahal Oz, wohin ihre Familie erst in diesem Sommer zurückkehrte, nach zweieinhalb Jahren in Mishmar HaEmek, wohin sie nach dem Massaker vom 7. Oktober evakuiert worden war. Ihre Eltern Amir und Miri wollten von Anfang an, dass ihre Tochter ihr erstes Schuljahr zu Hause beginnt.
Galia kann bereits einfache Sätze lesen und rechnen und stellt sich vor, wie es in ihrer neuen Klasse sein wird. Neben der Vorfreude bleiben auch Erinnerungen, den 7. Oktober nennt sie den „beängstigenden Schabbat“. Für das neue Schuljahr hat sie sich nur eines gewünscht: dass es keine Luftalarme gibt. Was sie sich für die erste Klasse erhofft? „Eine nette Lehrerin, die zu mir sagt, was für eine gute Schülerin ich bin. Dass der Unterricht spannend ist und die Pause lustig.“ Am meisten freut sie sich darauf, wieder zu Hause zu sein: „Eis essen auf der Veranda mit meiner Schwester, baden gehen, Eis am Stiel kaufen im Kolbo und schwimmen.“
Hinter diesen kleinen Freuden steht ein großer Wandel für die Familie und den ganzen Kibbuz. Rund 70 Prozent der früheren Bewohner Nahal Oz‘ sind inzwischen zurückgekehrt, für Vater Amir ist diese Zahl jedoch zweischneidig: „Das klingt vielleicht beeindruckend, bedeutet aber, dass einer von drei Menschen nicht zurückgekommen ist. Das ist ein großes Loch im Herzen, an das man sich erst gewöhnen muss. Ein Teil unserer Freunde ist zurückgekommen, ein Teil nicht, wir lieben sie alle und verstehen jede Entscheidung.“
Ein Zuhause ohne alle Freunde
Auch im kleinen Kibbuz Cholit macht ein Kind seinen ersten Schritt ins Schulsystem, unter veränderten Vorzeichen. Uri Sultan, fünfeinhalb Jahre alt, wird an der Schule „Sdot Eshkol“ eingeschult. Am 7. Oktober wurden seine Großeltern Roland und Ronit Sultan ermordet, seine Familie kehrte erst in diesem Monat nach einer langen Zeit der Evakuierung nach Cholit zurück. Für seine Eltern Adam und Nir sei die Entscheidung zur Rückkehr fast selbstverständlich gewesen: „Es gab hier eigentlich keinen Zweifel“, erzählt Nir. „Wir hatten die ganze Zeit einen Satz, den wir mit den Kindern wiederholten: ‚Zuhause ist, wo wir alle zusammen als Familie sind.‘ Aber wir wussten, dass wir am Ende nach Hause zurückkehren, nach Cholit.“ Uri beginnt das Schuljahr allerdings ohne einen Teil seiner Freunde, die am Ort geblieben sind, an den die Familie evakuiert worden war. Seine Eltern versuchen, ihm Sicherheit zu geben und ihm zugleich zu zeigen, dass er als einer der Ersten schon alles für seine zurückkehrenden Freunde vorbereiten kann. Uri selbst sagt, er sei aufgeregt, in die erste Klasse zu kommen, freue sich vor allem aufs Lesen- und Rechnenlernen und habe vor gar nichts Angst.
Drei Jahre, drei Schulen im Norden
Auch in Metula, unmittelbar an der libanesischen Grenze, beginnt ein besonderer Schulalltag: Die traditionsreiche Schule „HaNadiv“, die in diesem Jahr ihr 130-jähriges Bestehen feiert, war seit Oktober 2023 geschlossen und wurde während des Kriegs wiederholt von Hisbollah-Beschuss getroffen. Nach umfassender Sanierung nehmen dort nun 36 Schulkinder und 18 Kindergartenkinder den Unterricht wieder auf.
Eine von ihnen ist Alma Assor, die in die dritte Klasse kommt und damit bereits zum dritten Mal in drei Jahren an einer neuen Schule startet, nach Stationen im Kibbuz Ma’oz Chaim und in Kfar Giladi. „Ich bin sehr glücklich, ich glaube, das ist eine noch bessere Schule, mit einer richtig coolen Spielecke, einer Bibliothek und einem Musik- und Kunstraum“, erzählt Alma. Ihre Mutter Ye’ara, die selbst als Kind die HaNadiv-Schule besuchte, hofft, dass es diesmal die endgültige Schule für ihre Tochter ist. Zur angespannten Sicherheitslage der vergangenen Zeit sagt sie: „Der jüngste Waffengang gegen den Iran war nicht einfach, aber ich hoffe, er liegt hinter uns.“
Um wieder ausreichend Lehrkräfte für den Norden zu gewinnen, bietet ein gemeinsames Projekt der Verwaltungsstelle „Aufschwung für den Norden“ und des Bildungsministeriums Prämien von 60.000 Schekel für Lehrer, die für den Umzug in die Region infrage kommen. Die neue Schulleiterin Ida Kogan sagt, man habe rund um die Uhr gearbeitet, um diesen Tag möglich zu machen. Auch der Bürgermeister von Metula, David Azulai, blickte dem Tag entgegen wie einem Feiertag: „Wir haben eine lange, sehr komplizierte Zeit hinter uns. Die Bildungseinrichtungen wieder zu öffnen, das ist der eigentliche Sieg.“
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