Zwei Fronten, ein Muster: Israel rüstet für neue Offensiven in Gaza und Libanon
Israels Sicherheitsestablishment bereitet sich einem Bericht vom Sonntag zufolge auf die Möglichkeit einer erneuten groß angelegten Bodenoffensive im Gazastreifen vor, einschließlich der Einnahme von Gaza-Stadt. Grund sind Einschätzungen, wonach die Hamas ihre militärischen Fähigkeiten wieder aufbaut und nicht die Absicht hat, zu für Israel akzeptablen Bedingungen zu entwaffnen.
Die israelische Armee (IDF) hat laut dem Nachrichtenportal Walla bereits Pläne für eine schrittweise Übernahme von Gaza-Stadt entwickelt, an der mehrere Divisionen gleichzeitig beteiligt sein könnten. Der Chef des Südkommandos, Generalmajor Yaniv Asor, hatte Generalstabschef Eyal Zamir demnach bereits im Mai entsprechende Pläne vorgelegt, darunter die schrittweise Einnahme der Stadt sowie Vorbereitungen, die Zivilbevölkerung in neu eingerichtete humanitäre Zonen zu verlegen. Ein mit dem Vorschlag vertrauter Sicherheitsvertreter beschrieb ihn als „gestuften Plan“, der sich auf jenen Teil der Stadt konzentriert, in dem nach israelischer Einschätzung ein Großteil der verbliebenen militärischen Führung und der bewaffneten Kräfte der Hamas konzentriert ist.
Diplomatie zwischen Zweifel und Fortschritt
Die Vorbereitungen erfolgen parallel zu US-geführten diplomatischen Bemühungen um die Umsetzung von Präsident Trumps Gaza-Plan, der die Entwaffnung der Hamas, die Aufgabe der Gebietskontrolle und die Übergabe an eine neue zivile Verwaltung vorsieht. Das von Trump eingerichtete „Board of Peace“, für das Gaza-Dossier unter Leitung des früheren UN-Gesandten Nickolay Mladenov, versucht seit Monaten, die Differenzen zwischen Israel und der Hamas über Reihenfolge und Bedingungen von Entwaffnung, israelischem Rückzug und Wiederaufbau zu überbrücken. Im Mai hatte Mladenov erklärt, die Entwaffnung der Hamas sei „nicht verhandelbar“.
Anfang des Monats traf der US-Sondergesandte Jared Kushner ungewöhnlicherweise persönlich mit Hamas-Chef Khalil al-Hayya in Ägypten zusammen, bevor er nach Israel zu Gesprächen mit Netanyahu weiterreiste. Die Hamas erklärt, sie akzeptiere eine von den USA unterstützte Roadmap, knüpft die Umsetzung ihrer Entwaffnungszusagen jedoch an israelische Zugeständnisse bei anderen Punkten der Vereinbarung. Israel wiederum besteht darauf, seine Truppen erst weiter abzuziehen, wenn Waffen, Tunnel und militärische Infrastruktur der Hamas beseitigt sind. Laut Walla kamen israelische Vertreter bereits Anfang des Jahres zu dem Schluss, die Hamas versuche, den Prozess „in die Länge zu ziehen“, während sie ihren militärischen Flügel wieder aufbaut. Zamir sagte im August bei einem Besuch in Gaza, die Armee habe die Hamas „erheblich geschwächt“, werde aber weiter handeln, um zu verhindern, dass an der Grenze erneut eine Bedrohung wie am 7. Oktober entsteht.
Mladenov wiederum kritisierte die jüngsten israelischen Angriffe scharf und fragte den UN-Sicherheitsrat, ob ein weiterer Schlag gegen ein Munitionsdepot die Hamas von der Wiederbewaffnung abhalten werde, um die Frage selbst zu verneinen. Nach Einschätzung von Verteidigungsvertretern versucht die Hamas zudem, auch in Judäa und Samaria und im Ausland Infrastruktur für Anschläge aufzubauen. Eine mögliche Offensive, so die Einschätzung der zitierten Sicherheitsvertreter, dürfte frühestens nach der bevorstehenden israelischen Wahl und den amerikanischen Zwischenwahlen erfolgen.
Auch im Libanon spitzt sich die Lage zu
Ein sehr ähnliches Muster zeigt sich derzeit an der Nordgrenze. Am 26. Juni hatten Israel und der Libanon ein von den USA vermitteltes Rahmenabkommen geschlossen, das die Entwaffnung der Hisbollah, den schrittweisen Rückzug israelischer Truppen und die Stationierung der libanesischen Armee in Südlibanon vorsieht, zunächst in einzelnen Pilotzonen wie Froun, Srifa und Zawtar al-Gharbiyeh. Die Hisbollah hat das Abkommen jedoch nie unterzeichnet und lehnt eine Entwaffnung weiterhin ab. Vereinzelte Kämpfe halten seither an.
Am 4. August begann in Rom eine neue Gesprächsrunde zwischen israelischen und libanesischen Delegationen, in der Beirut vor allem auf ein Ende der israelischen Angriffe und weitere Truppenabzüge drängt. Der Generalsekretär der Hisbollah rief die libanesischen Behörden auf, die Verhandlungen ganz abzubrechen, da sie aus seiner Sicht nur einseitige libanesische Zugeständnisse enthielten.
Trotz der Gespräche kam es zuletzt wiederholt zu israelischen Angriffen: Mitte August wurden bei israelischen Luftschlägen im Südlibanon mindestens elf Menschen getötet, darunter drei Kinder und zwei Frauen, nachdem die Hisbollah drei israelische Soldaten bei einem Angriff verwundet hatte. Erst am vergangenen Donnerstag griff die Armee erneut Hisbollah-Infrastruktur im Gebiet Nabatieh an, nach einem Drohnenangriff der Hisbollah auf israelische Truppen in der Nacht zuvor, wobei nach libanesischen Angaben auch eine frisch verheiratete Frau ums Leben kam. Israel kontrolliert nach der im März gestarteten Bodenoffensive weiterhin rund 20 Prozent des libanesischen Staatsgebiets, mehr als eine Million Libanesen gelten als vertrieben. Die Türkei hat unterdessen Interesse bekundet, sich an einer künftigen internationalen Truppe für Südlibanon zu beteiligen, sobald das Mandat der UN-Truppe UNIFIL ausläuft.
An beiden Fronten zeigt sich damit dasselbe Grundproblem: Auf dem Papier existieren Rahmenabkommen für Entwaffnung und Rückzug, in der Praxis weigern sich sowohl Hamas als auch Hisbollah, ihre Waffen abzugeben, während Israel parallel zur Diplomatie weiter für den Fall eines Scheiterns plant.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
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