„Zum Glück behielten kühle Köpfe die Oberhand“: Wie nah Israel und die Türkei aneinandergerieten
Spät am Dienstagabend beendete Israel sein Schweigen. Das Büro des Ministerpräsidenten veröffentlichte auf X eine Erklärung, und zwar auf Englisch: „Israel und Syrien haben sich auf einen Status quo in Sicherheitsfragen verständigt, den Syrien zu brechen im Begriff war, indem es türkischen Truppen die Stationierung auf einem Luftwaffenstützpunkt bei Aleppo gestattete. Israel hat Syrien wiederholt gewarnt, dass eine solche Stationierung eine Bedrohung für Israels Sicherheit darstellen würde. Syrien entschied sich, diese Warnungen zu ignorieren. Israel wird Bedrohungen seiner Sicherheit nicht dulden und würde eine Rückkehr zum Status quo begrüßen.“
Damit übernahm Jerusalem erstmals offiziell die Verantwortung. Die Sprachwahl war kein Zufall: Der Text richtete sich an ein internationales Publikum, in erster Linie an Ankara und Washington. Die Ortsangabe fiel dabei großzügig aus. Abu al-Duhur liegt im Bezirk Idlib, im Dreieck zwischen den Provinzen Idlib, Hama und Aleppo, rund 45 Kilometer östlich der Stadt Idlib.
Der Gesandte, der die Nachrichtensperre unterlief
Ein Detail dieses Tages ist bezeichnend. Nach Angaben von Axios verhängte die israelische Militärzensur zunächst eine Nachrichtensperre über jede Berichterstattung, die den Schlag der IDF zuschrieb. Anschließend schrieb der amerikanische Sondergesandte Tom Barrack auf X von „den bestätigten israelischen Luftangriffen“ und machte damit öffentlich, was israelische Medien nicht melden durften.
Wie knapp es wurde
Kurz vor der israelischen Erklärung gab Barrack der Nachrichtenagentur Reuters ein Telefoninterview, das den eigentlichen Ernst der Lage offenlegt.
Das Bombardement spiegele eine Wahrnehmung wider, „ob zutreffend oder fehlgeleitet“, dass die Türkei ihre Präsenz an diesem Stützpunkt in naher Zukunft ausweiten könnte. Entscheidend ist, was folgte: Die Türkei sei nicht vorgewarnt worden „und beobachtete folglich Flugzeuge, die nordwärts auf ihr Territorium zuflogen, und hätte daher vernünftigerweise eine eigene Reaktion vorbereiten können“.
Sein Fazit: „Zum Glück konnten kühle Köpfe verhindern, dass sich die Lage weiter verschlechterte.“
Barrack zieht daraus eine Forderung: Der Vorfall unterstreiche die Notwendigkeit eines Mechanismus zur Konfliktvermeidung zwischen Israel, Syrien und der Türkei. Washington arbeite aktiv daran, einen solchen einzurichten, um künftige Missverständnisse zu verhindern.
Ankara bestreitet alles
Die türkische Seite widerspricht der israelischen Begründung vollständig. Ein Vertreter, den Axios zitiert, erklärte, es habe keine türkische Präsenz auf dem Stützpunkt gegeben: „Israel erfindet Vorwände, um Nachbarländer zu bombardieren und die Region zu destabilisieren.“
Offiziell verurteilte das türkische Außenministerium die Angriffe scharf und rief die internationale Gemeinschaft auf, eine entschiedenere Haltung einzunehmen, um „Israels eskalierende Aggression gegen Syrien“ zu beenden.
Zwei Tage vor dem Angriff hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan in einem Interview erklärt: „Wir sind definitiv nicht für Krieg. Wir sind für Frieden.“ Zugleich betonte er, sein Land werde sich verteidigen, falls es angegriffen werde.
Ein Indiz für die israelische Version
Zwischen beiden Darstellungen steht ein Befund, der die israelische stützt. Nach Angaben von Axios trafen mindestens acht Bomben Start- und Landebahnen sowie mehrere Hangars, und die getroffenen Bahnen waren erst kürzlich wieder instand gesetzt worden. Quellen der in Katar erscheinenden Zeitung Al-Araby Al-Dschadid erklärten, die Schläge seien erfolgt, nachdem eine türkische Militärdelegation den Platz besucht habe, um die Instandsetzung der Startbahn zu überwachen.
Wer eine Bahn erneuert, plant Flugbetrieb. Das ist der Kern der israelischen Sorge.
Der Riss mit Washington
Bleibt die unbequemste Bilanz dieses Tages. Es war der erste israelische Angriff auf Einrichtungen der syrischen Regierung seit März. Er richtete sich gegen einen Verbündeten der Türkei, die ihrerseits NATO-Mitglied ist. Und er stellte Israel gegen die erklärte Politik der amerikanischen Regierung, die Syriens neue Führung stützt und die Türkei einbinden will.
Axios fasste es in seiner Überschrift so zusammen: Der Angriff bringe Netanyahu über die Türkei in Gegensatz zu Trump.
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