Ein stillgelegter Flugplatz, ein türkischer Besuch, acht Einschläge
Am frühen Dienstagmorgen trafen Luftangriffe den Militärflugplatz Abu al-Duhur im Osten der syrischen Provinz Idlib, rund 70 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die ersten Meldungen sprachen von vier Angriffen durch nicht identifizierte Flugzeuge. Im Lauf des Tages änderte sich das Bild: Das syrische Staatsfernsehen Ekhbariya meldete unter Berufung auf eine Militärquelle acht israelische Angriffe, gerichtet gegen die Startbahn und Lagereinrichtungen. Opfer gab es nach Angaben derselben Quelle und eines Anwohners nicht.
Das israelische Militär lehnte eine Stellungnahme ab. Das syrische Verteidigungsministerium antwortete nicht auf Anfragen.
Was diesen Flugplatz interessant macht
Auf den ersten Blick ergibt das Ziel wenig Sinn. Abu al-Duhur ist seit 2012 oder 2013 außer Betrieb, je nach Quelle, und wurde im syrischen Bürgerkrieg schwer beschädigt. Er wechselte mehrfach den Besitzer: 2015 nahmen ihn Rebellen nach langer Belagerung ein, Anfang 2018 fiel er an Assads Truppen zurück, im November 2024 eroberten ihn Aufständische während jener Offensive, die zum Sturz des Regimes führte.
Seither steht er unter Kontrolle der neuen Regierung von Ahmad al-Sharaa. Und, das ist der Punkt: Nach Angaben einer syrischen Militärquelle dient er als Ausbildungszentrum für die neue syrische Armee.
Aufhorchen lässt ein weiteres Detail, das die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldet. Den Angriffen sei in den vergangenen Tagen der Besuch einer türkischen Militärdelegation auf dem Flugplatz vorausgegangen, im Rahmen von Bemühungen, ihn wieder in Betrieb zu nehmen. Die Türkei ist der wichtigste Verbündete der neuen Regierung in Damaskus.
Der Wiederaufbau der syrischen Luftwaffe
Damit fügt sich der Angriff in eine Entwicklung, die Israel seit Wochen beobachtet. Anfang August führte Syrien im Norden des Landes Luftübungen mit Kampfflugzeugen sowjetischer Bauart vom Typ MiG-21 durch, die ersten seit dem Sturz Assads.
Am 11. August berichtete der israelische Sender Kan, Sicherheitsvertreter hätten Anzeichen dafür erkannt, dass Syrien den Wiederaufbau seiner Luftwaffe beschleunige: Anwerbung neuer Piloten, Flugausbildung, eine erste Übung mit Kampfflugzeugen. Eine israelische Sicherheitsquelle sagte dem Sender, man verfolge die Entwicklung genau und habe die Bedenken mit den Vereinigten Staaten geteilt.
Genau über diese Berichte wurde in Israel in den vergangenen Tagen gestritten. Der frühere Geheimdienstoffizier Michael Milshtein hatte in einer Analyse die Frage aufgeworfen, wem solche Meldungen zu welchem Zeitpunkt nützen, und auf die auffällige Häufung ähnlicher Berichte über türkische Unterstützung hingewiesen. Ob der Angriff diese Skepsis entkräftet oder ob er die Vorlage für die nächste Runde derselben Debatte liefert, wird sich zeigen.
Wer geschossen hat, und wer schweigt
Offiziell hat sich niemand zu den Angriffen bekannt. Der Hisbollah-nahe Sender Al-Mayadeen brachte Israel früh ins Spiel, die israelische Armee äußerte sich nicht. Auf eine Anfrage der Nachrichtenagentur AFP antwortete sie mit „kein Kommentar“.
Zur Einordnung gehört: Israel hat seit dem Sturz Assads im Dezember 2024 Hunderte Angriffe in Syrien geflogen. Es ist der erste öffentlich gemeldete Angriff auf diesen Flugplatz seit dem Machtwechsel.
Zugleich verhandeln Israel und Syrien seit Monaten über ein Sicherheitsabkommen, vermittelt von den USA. Präsident al-Sharaa hat sich mehrfach dafür ausgesprochen und erklärt, sein Land vermeide Konfrontationen. Ein Angriff auf ein Ausbildungszentrum seiner Armee, wenige Tage nach dem Besuch türkischer Offiziere, sendet in diese Gespräche hinein eine unmissverständliche Botschaft.
Sie lautet in etwa: Über Sicherheitsarrangements lässt sich reden. Über eine neue syrische Luftwaffe nicht.
Wir berichten hier nicht aus der Distanz, sondern mitten aus dem Alltag in Israel.
Wenn du das schätzt, kannst du unsere Arbeit direkt unterstützen.
Einfach und sicher per via PayPal
Related Posts
Türkischer Forscher: Türkische Armee kann Tel Aviv innerhalb von 72 Stunden einnehmen
Ob er daraufhin einen direkten Angriff auf Israel verüben wird, ist unwahrscheinlich, aber Israel steht…
Gespräche mit dem Iran zum Scheitern verurteilt?
Irans Atomchef Islami: „Wir werden weiterhin Uran anreichern – und dem Westen die Augen ausstechen“…
Netanjahu versichert Eltern von Geiseln: Israel arbeitet an Abkommen zur Freilassung von zehn Geiseln
Geiselforum und Tikva-Forum fordern: Alle Geiseln müssen auf einmal freikommen; Ägyptische Quelle: Hamas bittet um…
Verwirrung um Verhandlungsort – Iran lehnt Uran-Transfer ab
Die jüngsten diplomatischen Bemühungen zwischen den USA und dem Iran stehen auf wackligen Füßen. Zwar…
