Wenn Druck zum Angriff führt: Warum Israel sich auf einen iranischen Erstschlag vorbereitet
Die israelische Einschätzung dreht eine gängige Annahme um. Nicht das Nachlassen des Drucks auf Teheran gilt in Jerusalem als Risiko, sondern seine Fortdauer. „Gerade der wirtschaftliche Druck auf den Iran könnte ihn zu einem offensiven Schritt treiben“, sagte ein ranghoher israelischer Vertreter.
Seine Begründung: „Sollte Teheran zu dem Schluss kommen, dass die Fortsetzung der Blockade die Stabilität des Regimes und seine Fähigkeit bedroht, den Sicherheitsapparat und die von ihm unterstützten Organisationen zu finanzieren, könnte es versuchen, die Gleichung durch regionale Eskalation zu verändern.“
Die dahinterliegende Logik ist einfach. Wer Energierouten stört und die Öl- und Benzinpreise in den Vereinigten Staaten nach oben treibt, erhöht den politischen Druck auf Trump, die Kampagne zu beenden und an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Im November stehen die Zwischenwahlen an, in Washington läuft die Debatte über die wirtschaftlichen und militärischen Kosten des Krieges bereits. Amerikanische und europäische Analysen kommen in den vergangenen Wochen zum selben Befund.
Trump droht dem Vermittler
Wie aufgeladen die Lage ist, zeigte eine Äußerung des Präsidenten vom Montag. Auf die Gespräche zwischen Oman und dem Iran über die Verwaltung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus angesprochen, sagte Trump bei Fox News: „Wenn Oman sich in den Weg stellt, bomben wir sie in Grund und Boden.“ Später bekräftigte er, sein übergeordnetes Ziel bleibe, dem Iran den Weg zur Atomwaffe zu versperren.
Aus Teheran kommen Signale, die den Zeitdruck bestreiten. Außenamtssprecher Esmail Baghaei erklärte, das Memorandum nenne gar keine 60-Tage-Frist, Iran akzeptiere keinen an einen Zeitplan gebundenen Druck. Washington habe seine Verpflichtungen nicht erfüllt, deshalb sei „die Frage der 60 Tage irrelevant, und unsere Streitkräfte sind bereit zu antworten“.
Außenminister Abbas Araghchi ergänzte, es habe keine Waffenruhe gegeben, die man verlängern müsste. Zu den Gesprächen mit Oman stellte er klar, sie beträfen die technische Aufgabe, neue Schifffahrtsrouten festzulegen, weil die bisherigen Fahrrinnen nicht mehr nutzbar seien. Katar und Pakistan tauschten weiter Botschaften mit Teheran aus, eine Entscheidung über die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit den USA sei nicht gefallen.
Was Israel tut
Israel bereitet sich in beide Richtungen vor: auf die Abwehr eines iranischen Angriffs oder eines Angriffs seiner Stellvertreter, und auf die Fähigkeit, selbst offensiv zu handeln, sollte die politische Führung es entscheiden.
Sichtbarster Ausdruck ist die Rüstungsproduktion. Der Ministerausschuss für Beschaffung billigte im April eine massive Beschleunigung der Fertigung von Arrow-Abfangraketen bei den Israel Aerospace Industries, aufbauend auf einem Milliardenvertrag vom Dezember 2025. Das Arrow-System, gemeinsam mit der amerikanischen Raketenabwehrbehörde entwickelt, bildet die oberste Schicht der israelischen Luftverteidigung und fängt ballistische Bedrohungen in großer Höhe und außerhalb der Atmosphäre ab.
Verteidigungsminister Israel Katz formulierte es so: „Die groß angelegte Beschleunigung der Arrow-Produktion erhöht bereits die monatliche Stückzahl erheblich und stärkt die obere Schicht der israelischen Luftverteidigung gegen die ballistischen Bedrohungen aus dem Iran und von seinen Stellvertretern. Israel hat genügend Abfangraketen, um seine Bürger zu schützen.“ Und an Teheran gerichtet: „Das Ayatollah-Regime sollte verstehen: Israel ist entschlossen und stark, bereit, die Kampagne so lange fortzusetzen wie nötig.“
Die Betonung des ausreichenden Bestands hat einen Grund. Internationale Medien hatten zuvor über schwindende Vorräte berichtet, das Wall Street Journal schrieb im März, Israel rationiere seine Abfangraketen.
Die eigentliche Rechnung: Munition gegen Munition
Daraus entsteht ein Wettlauf, der die Lage besser erklärt als jede Drohgebärde. Es geht nicht allein darum, wie viele Raketen der Iran besitzt, sondern ebenso darum, wie viele Abfangraketen Israel und die USA vorhalten können.
Die Zahlen dahinter sind ernüchternd: Eine Arrow-2-Abfangrakete kostet nach Schätzungen rund drei Millionen Dollar, eine Arrow 3 etwa vier Millionen. Erschwerend kommt eine iranische Neuerung hinzu: Streumunition, die in großer Höhe dutzende kleinerer Geschosse freisetzt. Wer sie vor der Freisetzung trifft, hat gewonnen. Wer nicht, muss dutzende Ziele einzeln bekämpfen.
Genau deshalb ist die Frage, wie schnell der Iran seine Raketen- und Drohnenfähigkeiten wiederherstellt, für Israel keine akademische. Nach dem Bericht des Wall Street Journal, über den wir gestern geschrieben haben, verläuft der Wiederaufbau schneller als erwartet.
Der Berg, über den niemand Genaues weiß
Ein zweiter Punkt betrifft das Nuklearprogramm. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den unterirdischen Komplex „Pickaxe Mountain“ nahe Natanz. Satellitenbilder der vergangenen Monate zeigen fortgesetzte Arbeiten und Fahrzeugbewegungen an den Tunneleingängen. Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde durften die Anlage nie betreten.
Wichtig ist eine Klarstellung, die auch der israelische Bericht ausdrücklich macht: Es gibt gegenwärtig keine öffentlich zugänglichen Belege dafür, dass die Anlage bereits als aktive Anreicherungsstätte arbeitet oder dass dort ein erheblicher Vorrat an angereichertem Uran lagert. Die Sorge lautet, sie könnte zur Lebensversicherung des Programms werden, falls es erneut angegriffen wird.
Vier Szenarien, ein Risiko
Israels Sicherheitsapparat rechnet mit mehreren Verläufen. Der eine: Israel oder die USA beschließen, die Angriffe wieder aufzunehmen. Der andere, den Jerusalem inzwischen ebenso ernst nimmt: Der Iran beginnt selbst, und Israel und Amerika antworten.
Ein solcher Verlauf könnte klein anfangen, mit einem Raketen- oder Drohnenangriff, einem Schlag gegen Schifffahrt oder Energieanlagen oder der Aktivierung eines Verbündeten, und binnen kurzer Zeit zu einer breiten Kampagne anwachsen. Die Spannungen in genau diesen Feldern haben zuletzt zugenommen, bei den Houthis im Jemen ebenso wie bei der Hisbollah im Libanon.
Offen bleibt die Abstimmung zwischen Jerusalem und Washington. Denkbar ist, dass die USA Israel grünes Licht geben, selbst angreifen oder gemeinsam handeln. Ebenso denkbar ist, dass Trump ein israelisches Vorgehen stoppt, aus Sorge um Energiepreise und die Wahl im November.
Und dann ist da noch die israelische Innenpolitik. Vor der Wahl am 27. Oktober könnte Netanyahu ein Interesse daran haben, ein Vorgehen gegen den Iran als sicherheitspolitischen Erfolg zu präsentieren. Über Zeitpunkt und Umfang einer gemeinsamen Kampagne entschiede am Ende aber Washington.
Das gefährlichste Element benennt der Bericht zum Schluss: die Fehleinschätzung. Eine Seite schlägt zu, weil sie fürchtet, die andere komme ihr zuvor. Und umgekehrt.
Foto: Israel Defense Forces / Wikimedia Commons, CC BY 2.0
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