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Sechzig Tage, zwei Rechnungen: Was Teheran mit der Verhandlungsfrist anfing

Die im Memorandum vom Juni gesetzte Frist von 60 Tagen lief in der Nacht zum Montag ab, ohne Abkommen und ohne Ende des Krieges. Was in dieser Zeit geschah, beschreibt ein Bericht des Wall Street Journal, der sich auf iranische und arabische Regierungsvertreter stützt. Sein Befund ist unbequem: Während Washington auf die Öffnung der Straße von Hormus und den Fortgang der Verhandlungen setzte, verfolgte die harte Führung in Teheran eine völlig andere Strategie.

Die Hardliner betrachteten das Abkommen demnach nie als Weg zum Frieden, sondern als Versuch der USA und Israels, den Druck auf die Weltwirtschaft zu mindern und Zeit für einen größeren Angriff zu gewinnen. Statt auf Diplomatie zu vertrauen, bereiteten sie sich zwei Monate lang auf einen deutlich breiteren Krieg vor.

Zwei Gleise, eine Strategie

Die Vorbereitungen umfassen mehr Befugnisse für die Revolutionsgarden, die Besetzung von Schlüsselposten mit Veteranen des Iran-Irak-Krieges, ausgeweitete Spionageabwehr und beschleunigte Produktion von Raketen und Drohnen.

Ein Sprecher der Revolutionsgarden formulierte es im Juli gegenüber der Agentur Tasnim unumwunden: „Wir haben die Waffenstillstandsperiode voll ausgenutzt. Wir haben unsere Fähigkeiten verbessert, das Tempo der Raketenproduktion beschleunigt und die Zielgenauigkeit erhöht.“ Ein Berater des Oberkommandierenden ergänzte im Staatsfernsehen, man habe während des Krieges mehr ballistische Raketen und Drohnen produziert als abgefeuert. „Selbst wenn der Krieg mehrere Jahre dauert, werden unsere ballistischen Raketen auf unsere Feinde niedergehen.“

Während die Diplomaten weiter nach einem Abkommen suchten, bereitete der Oberste Führer Mojtaba Khamenei den Sicherheitsapparat auf eine Konfrontation vor, die Teheran nach dem Bericht womöglich selbst beginnen würde.

Was die Geheimdienste abfingen

Arabische Dienste sammelten Belege, darunter abgefangene Kommunikation zwischen dem Iran und verbündeten Milizen im Jemen und im Irak. Berater reisten nach Irak, Jemen und Libanon, um mögliche Operationen zu besprechen.

Bemerkenswert ist die Verlagerung ans Rote Meer, jene Route, über die Saudi-Arabien zunehmend den iranischen Druck im Persischen Golf umgeht. Nach den abgefangenen Nachrichten reisten Kommandeure der Revolutionsgarden in Houthi-kontrollierte Gebiete im Jemen, um gemeinsam mit irakischen Milizen eine verschärfte Konfrontation mit Riad zu planen. Die Garden überwachten die Verlegung von Raketen, Marinewaffen und Drohnenwerfern an Stellungen mit Blick auf das Rote Meer. Sie lieferten den Houthis Aufklärungsergebnisse und Ziellisten, darunter saudische Häfen und Energieanlagen, dazu Ratschläge zum Schutz vor saudischer Vergeltung.

Ende Juli eskalierte die Lage entsprechend. Die Houthis erklärten die Meerenge Bab al-Mandab für Saudi-Arabien als geschlossen und beschossen saudische Schiffe. Gleichzeitig griffen vom Iran unterstützte Milizen aus dem Irak saudische Ölanlagen mit Drohnen an. Die Revolutionsgarden warnten die Golfstaaten, ihre Energieanlagen würden zerstört, sollten die USA vergleichbare Ziele im Iran treffen. Iranische Kommandeure schickten arabischen Kollegen sogar detaillierte Listen möglicher Ziele.

Die neue Kommandostruktur

Wie ernst es Teheran meint, zeigt eine Umbesetzung, die vergangene Woche bekannt wurde. Khamenei besetzte die Spitzen von Generalstab, Revolutionsgarden und Basij-Miliz neu. Zwei Personalien verdienen dabei Beachtung.

Ahmad Vahidi steigt zum Oberbefehlshaber der Revolutionsgarden auf. Argentinien erließ 2007 über Interpol einen internationalen Haftbefehl gegen ihn wegen des Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires 1994, des schwersten antisemitischen Anschlags außerhalb Israels seit dem Zweiten Weltkrieg.

Mohsen Rezaei übernimmt den Obersten Nationalen Sicherheitsrat, jenes Gremium, das Militär, Diplomatie, Wirtschaft und Sicherheit koordiniert. Rezaei kommandierte die Revolutionsgarden 16 Jahre lang und baute sie zu einer Organisation mit Boden-, Luft- und Seestreitkräften aus, dazu die Quds-Brigaden. Sein Auftrag lautet, „maximale Abschreckung“ zu verfolgen und zugleich die Bereitschaft zu „kraftvollen offensiven Operationen gegen den Feind“ zu wahren. Iranische Kommentatoren halten diese Formulierung für ungewöhnlich offen.

Weiter gehen die Überlegungen bis zur Sabotage von Internetkabeln im Persischen Golf, zur Anstachelung politischer Unruhen in Ländern mit großen schiitischen Gemeinschaften wie Kuwait und Bahrain und bis hin zu möglichen Bodenoperationen in Kuwait.

Die Gegenrechnung

Bei alldem gehört die andere Seite ins Bild. Wirtschaft und Militär des Iran haben durch amerikanische und israelische Angriffe schwer gelitten. Pragmatischere Kräfte in der Führung, darunter Präsident Masoud Pezeshkian, warnen wiederholt, das Land müsse ein Kriegsende und Sanktionserleichterungen aushandeln, sonst drohe der wirtschaftliche Zusammenbruch.

Nur baut der Iran schneller wieder auf als erwartet. Nach israelischen Erkenntnissen sind Infrastruktur und Zugang zu Raketenbasen in einem Tempo wiederhergestellt, das in Jerusalem Besorgnis auslöst. Und Teheran hat gezeigt, dass es US-Basen treffen kann.

Ein früherer amerikanischer Nuklearunterhändler fasst die Lage so zusammen: „Für das Regime ist Krieg der Normalzustand. Der Iran wird am Rand des Krieges bleiben und sich auf einen weiteren Angriff vorbereiten.“

Ein strategischer Berater aus dem iranischen Verhandlungsteam nannte die gegenwärtige Pattsituation „die Ruhe vor dem Sturm“. Als Triebkraft des Konflikts benannte er ein „Generationenprojekt der Blutrache“ für die Tötung des früheren Obersten Führers Ali Khamenei zu Kriegsbeginn. „Die iranische Nation hat noch viele unerledigte Angelegenheiten mit Trump. Der Iran ist bereit für die große Auseinandersetzung.“

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