Für eine Stimme um die halbe Welt — Zehntausende Israelis fliegen zur Wahl nach Hause
Bis zu 67.000 im Ausland lebende Israelis könnten zur Knessetwahl am Dienstag eigens ins Land zurückkehren. Sie reisen aus Europa, den USA, Kanada oder Australien an und nehmen dafür lange Flüge, teure Tickets und Urlaubstage in Kauf. Der Grund: Anders als Deutsche können Israelis im Ausland grundsätzlich nicht per Briefwahl abstimmen.
Am Ben-Gurion-Flughafen mischen sich in diesen Tagen unter Urlauber, Geschäftsreisende und heimkehrende Familien zahlreiche Wähler. Manche leben seit Jahren im Ausland, andere haben Israel erst vor Kurzem verlassen. Auf ihr Stimmrecht wollen sie bei dieser Wahl nicht verzichten.
Hochrechnung, keine Zählung
Die Zahl stammt von der Initiative Fly&Vote der US-Organisation AID Coalition, die sich als überparteilich bezeichnet. Anfang Oktober hatte sie noch mit rund 53.000 Rückkehrern gerechnet. Zwischen dem 12. und 21. Oktober befragte sie rund 23.000 Israelis im Ausland. Knapp 80 Prozent gaben an, zur Wahl nach Israel reisen zu wollen. Zur Wahl 2022 waren nur 14 Prozent der Befragten angereist.
48 Prozent der Teilnehmer kommen aus den USA, 37 Prozent aus Europa, 5 Prozent aus Kanada und 2 Prozent aus Australien und Neuseeland. Weitere reisen aus Südamerika, Asien und Südafrika an.
Die Befragung war freiwillig und ist nicht repräsentativ. Die 67.000 sind eine Hochrechnung auf Basis von Anmeldedaten, keine Zählung tatsächlich eingereister Wähler.
Warum die Botschaft keine Alternative ist
Das israelische Wahlrecht verlangt grundsätzlich die persönliche Stimmabgabe im Land. Eine Wahl per Post oder in den Botschaften in Berlin, London oder Washington steht gewöhnlichen Auslandsisraelis nicht offen. Ausnahmen gelten für Diplomaten und bestimmte offiziell entsandte Vertreter, unter Umständen auch für deren Familien.
Wer in Deutschland lebt, die israelische Staatsbürgerschaft behalten hat und mitwählen will, muss also ein Flugticket kaufen. Das macht politische Teilhabe aus dem Ausland aufwendig und teuer.
Tausende Kilometer für eine Entscheidung
Die Nachrichtenagentur AP sprach mit mehreren Rückkehrern. Yael Natra, 61, lebt seit rund zwei Jahrzehnten in Kanada. Bisher verzichtete sie bewusst auf israelische Wahlen, weil sie nicht über ein Land mitentscheiden wollte, in dem sie nicht mehr lebt. Diesmal gab sie mehrere Tausend Dollar aus, um von Toronto nach Tel Aviv zu fliegen. Das Israel, in dem sie aufgewachsen sei, verschwinde, sagte sie.
Natra bezeichnet sich als Mitte-rechts und wählte in den 1990er-Jahren Netanyahu. Dass die Regierung keine Verantwortung für das Versagen vor dem 7. Oktober übernehme und die Ultraorthodoxen begünstige, habe sie abgewandt.
Eti Wissotzky Cohen, 44, zog im vergangenen Jahr mit ihrer Familie nach Großbritannien. Sie fliegt zurück, um die Mitte-links-Partei Die Demokraten zu wählen. Zorik Nitzan, der seit gut zehn Jahren in Kanada lebt, sprach von der letzten Chance, das Land wieder auf Kurs zu bringen.
Nicht nur Netanyahu-Gegner
So viele Israelis wie nie zuvor haben das Land in den vergangenen Jahren verlassen. Nach Angaben des Zentralen Statistikbüros begann der Trend 2022 und erreichte nach dem 7. Oktober seinen Höhepunkt. Viele Auswanderer gelten als liberal, Beobachter erwarten deshalb mehrheitlich Stimmen gegen Netanyahu. Die Politikanalystin Dahlia Scheindlin mahnt zur Vorsicht: Es reisten auch Auslandsisraelis an, um für das Netanyahu-Lager zu stimmen.
Der Likud hatte im September versucht, Fly&Vote über den Zentralen Wahlausschuss stoppen zu lassen. Nach einer Einigung zog die Partei die Beschwerde zurück.
Ob die Rückkehrer den Ausgang beeinflussen, ist offen. Israel hat mehr als 7,3 Millionen Wahlberechtigte, die Umfragen deuten auf ein knappes Rennen. Frühere Wahlen entschieden sich an dünnen Mehrheiten.
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