Vier Monate, 1.100 Tonnen Sprengstoff, und dann: Stille

Das eigentliche Ausmaß dessen, was die israelische Armee (IDF) am Ali-Taher-Grat im Südlibanon zerstört hat, zeigt sich vor allem in einem Satz aus der gemeinsamen Erklärung von Ministerpräsident Netanyahu und Verteidigungsminister Katz: Die unterirdische Anlage sei über zwei Jahrzehnte hinweg mit iranischer Finanzierung als Basis für eine geplante Eroberung Galiläas errichtet worden und habe der Hisbollah Beobachtung sowie Feuerkontrolle über Metula und Kiryat Shmona ermöglicht. Am Donnerstag ließ die Armee den Komplex sprengen, eine Detonation, die im Libanon als Erdbeben der Stärke 4,1 registriert wurde, spürbar bis nach Sidon und Tyros. Bis heute haben weder die Hisbollah noch der Iran darauf reagiert, weder verbal noch mit Raketen, ein Schweigen, das nach vier Monaten offener Kämpfe fast lauter wirkt als jede Erklärung.

Wie die Armee zu diesem Ergebnis kam

Nach Angaben von N12 begann die eigentliche Operation mit einer List: Truppen überquerten den Litani-Fluss auf einer verdeckten Umgehungsroute, während die Hisbollah überzeugt war, der israelische Übergang finde beim Sultani-Fluss statt. Aufklärungskräfte der Golani-Brigade griffen die als „Chotzev Lehavot“ bezeichnete Anlage daraufhin von hinten an und trafen die Organisation damit unvorbereitet. Erst danach begann der eigentliche, monatelange Kampf um das Tunnelsystem selbst, aus dem heraus Kämpfer zunächst Widerstand leisteten, unter dem Druck der Kräfte jedoch zunehmend flohen, bis die Truppen schließlich den Grat selbst einnahmen, das Kommandozentrum der Organisation, wo auch besondere Waffensysteme sichergestellt wurden.

Am Ende standen 5.410 zerstörte Tunnelmeter und 1.100 Tonnen eingesetzter Sprengstoff, eine Menge, die laut Sicherheitsapparat unter der „ständigen Bedrohung durch Sprengdrohnen“ äußersten Mut von Kommandobrigade und der Spezialeinheit Jahalom erfordert habe. Es sei das komplexeste Gelände gewesen, mit dem man es womöglich im gesamten Kriegsverlauf zu tun gehabt habe.

Belagerung statt Sturm

Besonders aufschlussreich ist, wie die eingeschlossenen Kämpfer versorgt und schließlich bezwungen wurden. Die Hisbollah versuchte über Wochen, Nachschub per Drohne in die Schächte zu bringen, Lebensmittel, Kommunikationsgeräte, sogar Schokolade und Zigaretten zur Moralstützung. Erst als die Armee die Abwurfpunkte identifiziert hatte, ließ sich das Muster gegen die Kämpfer selbst wenden: Wer aus dem Schacht kam, um die Pakete einzusammeln, wurde erfasst. Mehrfach wurde den Eingeschlossenen zudem die Möglichkeit angeboten, sich mit weißer Flagge zu ergeben, was sie ablehnten, auch wenn einzelne Kämpfer dennoch entgegen den Anweisungen ihrer Organisation flohen. Von schätzungsweise 50 Kämpfern im Gebiet wurde die überwiegende Mehrheit getötet, dazu mindestens zehn weitere, die versuchten, zur Rettung ihrer Kameraden vorzudringen. Ausdrücklich widersprach der Sicherheitsapparat dabei früheren Berichten, wonach sich unter der Erde auch iranische Kräfte aufgehalten hätten, eine Darstellung, die man dort nicht bestätigt sieht.

Warum so lange geschwiegen wurde

Während der gesamten Operation hielt die Armee bewusst Stillschweigen über Vorgehen und Truppenposition, nachdem die Hisbollah zuvor „blind“ das Feuer eröffnet hatte, um die eigenen Kräfte zu orten. Die Organisation habe verzweifelt beim Iran um Eingreifen gebeten, die Kampagne sei jedoch so geführt worden, dass weder unnötiges Risiko für Israel noch eine direkte Konfrontation mit Teheran entstand, eine Zurückhaltung, die sich offenbar ausgezahlt hat. Der Preis dafür war dennoch hoch: Die Armee bestätigte, dass bei der Einnahme und Räumung des Grats eigene Soldaten fielen.

Hinter dem Erfolg stehe vor allem die Beharrlichkeit von Nordkommando-Chef Rafi Milo und des Kommandeurs der 36. Division, Brigadegeneral Yiftach Norkin, der seinen Soldaten vor der letzten Sprengung sagte, man habe „über und unter der Erde, gegen nahe und ferne Bedrohungen, mit Entschlossenheit“ operiert. Die Armee kündigte an, am Grat neue, dauerhaftere Verteidigungslinien einzurichten, nachdem bereits ähnliche Operationen am Beaufort-Grat sowie in den Dörfern Arnoun, Yohmor und Tebnit vorausgegangen waren.

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