Der geheime Draht zur Hamas: Wie ein Ex-Agent monatelang mit dem Feind verhandelte

Ein pensionierter Verhandlungsführer des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet hat in einem Fernsehinterview enthüllt, dass Israel während der Geiselkrise direkte Gespräche mit einem hochrangigen Hamas-Funktionär führte, mit persönlicher Billigung von Ministerpräsident Netanyahu. Adi Rotem sagte in dem am Samstagabend auf Channel 12 ausgestrahlten Interview, er habe 2024 selbst wiederholt direkt mit dem Hamas-Funktionär Ghazi Hamad gesprochen.

Warum der direkte Kanal entstand

Rotem zufolge griff Israel zur direkten Kommunikation, weil sich Vermittler Katar zunehmend erkennbar unglaubwürdig verhielt und in den Verhandlungen die Positionen der Hamas übernahm, „die, wie man sich erinnert, voller Lügen waren, über Frauen, die angeblich Soldatinnen waren, Frauen, die man angeblich nicht finden konnte, und so weiter“. Die Gespräche mit Katar als Vermittler drehten sich zunehmend im Kreis. Den letzten Anstoß gab die Tötung von sechs israelischen Geiseln im August 2024 in Rafah, nachdem die Entführer israelische Truppen in der Nähe ihres Tunnels bemerkt hatten. „Das haben alle sehr schwer genommen, und es war klar, dass wir einen anderen Ansatz versuchen mussten“, so Rotem.

Warum ausgerechnet Ghazi Hamad

Rotem wandte sich mit der Idee an den damaligen Shin-Bet-Chef Ronen Bar. Als Gesprächspartner schlug er Ghazi Hamad vor, einen ranghohen Hamas-Funktionär mit Zugang zur gesamten Führungsebene der Organisation. Hamad hatte Jahre zuvor bereits eine Rolle beim Gilad-Schalit-Abkommen von 2011 gespielt, das nach mehr als fünf Jahren Geiselhaft die Freilassung des von der Hamas 2006 entführten israelischen Soldaten gegen 1.023 palästinensische Sicherheitshäftlinge brachte, darunter der spätere Drahtzieher des 7. Oktober, Yahya Sinwar.

„Ghazi Hamad war jemand, den wir aus der Vergangenheit kannten… Er war ranghoch genug und gerissen genug, hatte Zugang zur gesamten Führung“, sagte Rotem. „Ich war ihm gegenüber sicher nicht naiv, aber irgendetwas an ihm sagte mir, dass dieses Gespräch möglich sein könnte.“ Er habe verstanden: „Wenn es eine Adresse gab, dann war er die richtige Adresse.“

Der Vorschlag wurde nach Angaben des Berichts sowohl von Netanyahu als auch vom Kriegs- und vom Sicherheitskabinett gebilligt. Auf Seiten der Hamas gab damals Khalil al-Hayya grünes Licht, der stellvertretende Führer der Organisation unter dem inzwischen getöteten Yahya Sinwar.

„Wir haben von Anfang an festgelegt: Wir sind Feinde. Und ich weiß, dass sich das nach einer unvorstellbaren, sehr komplexen Situation anhört, und das ist es auch. Das waren sehr, sehr, sehr lange Gespräche“, sagte Rotem. Die Kontakte fanden demnach überwiegend als Telefonate statt, die Rotem häufig von zu Hause aus führte, oft bis spät in die Nacht, teils emotional, teils in lautstarken Auseinandersetzungen über einzelne Namen auf den Geisellisten. Shin-Bet-Chef Bar hörte die Gespräche in Echtzeit mit, führte laut weiteren Berichten zeitweise auch selbst direkte Telefonate mit Hamad.

Der Kanal soll maßgeblich dazu beigetragen haben, eine seit Mitte 2024 andauernde Blockade zu überwinden und den Weg für das Geiselabkommen vom Januar 2025 zu ebnen, bei dem in mehreren Etappen lebende und tote Geiseln gegen verstärkte humanitäre Hilfe für Gaza und mehr als 1.000 palästinensische Sicherheitshäftlinge freikamen.

Zensur erst diese Woche aufgehoben

Rotems Rolle bei den Verhandlungen war bislang als geheim eingestuft, die israelische Militärzensur hatte eine Sperre gegen jede Berichterstattung verhängt. Aus bislang ungeklärten Gründen hob die Zensurbehörde die Beschränkung erst am Donnerstag dieser Woche auf, wodurch erstmals öffentlich über die Geheimgespräche berichtet werden durfte. Rotem selbst zeigte sich davon überrascht: „Sehr, sehr, sehr überrascht“, sagte er über die Freigabe. Er fügte hinzu: „Im Staat Israel passieren derzeit viele überraschende Dinge. Nicht alle davon sind positiv.“

Ein zweiter Kanal aus der Vergangenheit

Im Zuge der Enthüllungen wurde zudem ein älterer, separater Fall bekannt: Bereits 2014, während der damaligen Gaza-Operation, soll Netanyahu über den ihm nahestehenden Geschäftsmann Shlomi Fogel einen weiteren informellen Kanal zu demselben Ghazi Hamad unterhalten haben, offenbar ohne Wissen der eigenen offiziellen israelischen Verhandlungsdelegation, die zur gleichen Zeit in Kairo offiziell über einen Waffenstillstand verhandelte. Beobachter zogen Parallelen zu einem ähnlichen Vorgehen Netanyahus 1998, als er den Milliardär und Funktionär des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, als persönlichen Geheimgesandten zu Verhandlungen mit dem damaligen syrischen Präsidenten Hafez al-Assad über die Golanhöhen einsetzte.

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